Mit dem Fahrrad nach Sankt Petersburg

← zurück

4. Am Ziel

Einen Hügel musste ich noch nehmen, dann lag die Stadt vor mir. In solchen Momenten kommt nicht nur Freude auf, sondern irgendwie auch ein bisschen Stolz, weshalb ich mir ein Grinsen nicht verkneifen konnte. Da bist du nun 2000 Kilometer geradelt und stehst vor dem Ziel deiner Reise. Du hast es geschafft.

Es ist jedes Mal ein gutes Gefühl, aus eigener Körperkraft den Ort erreicht zu haben, den du zuvor auserkoren hast. Diesmal war es zudem besonders, denn ich war noch nie zuvor soweit geradelt und ein Land wie Russland ist auch irgendwie exotisch. Sicher gibt es exotischere Länder. Dazu war ich zuvor ja auch schon fünf Mal in diesem Land gewesen, sprach die Sprache und kannte die Kultur.

Aber es war nichts alltägliches und das wurde mir unter Anderem in diesem Moment wieder bewusst. Ich hätte ewig hierbleiben können, um den Augenblick zu genießen. Vor allem aber hatte ich absolut keinen Bock auf dieses zerschundene Fahrrad. Es war mittlerweile die reinste Qual auf ihm zu fahren. Aber es half nichts, denn ich musste weiter. Ich hatte ein Zimmer in einem Hostel in der 3. Sowjetischen Straße gebucht und wollte dorthin.

So setzte ich mich auf den lahmen Drahtesel und holperte den Hügel herunter. Ich befand mich auf der Pulkower Chaussee, welche direkt am Flughafen Pulkowo vorbei in die Stadt führt. Eines der ersten Gebäude auf der rechten Straßenseite ähnelte einer Tankstelle oder einem Grenzkontrollposten. Da war ein kleines Häuschen und ein Überdach. Es war ein Kontrollpunkt der Miliz und darunter stand ein Uniformierter mit einer Kalaschnikow. Mir kam es so vor als wolle die Staatsmacht auf diese Art zeigen, dass sie hier wachsam ist, während da draußen in den Wäldern vieles ungesehen vor sich geht.

Der Winterpalast in Sankt Petersburg
Der Winterpalast

Ein monumentales Schild wies darauf hin, wo man sich befindet: „St. Petersburg. Heldenstadt Leningrad“. Daneben das Stadtwappen. Weiter ging es durch die Trabantensiedlungen in den Außenbezirken der Stadt. Ich fuhr direkt auf den Siegesplatz zu. Er ist eines der vielen Kriegsdenkmäler der Superlative, dessen Mitte eine hohe Säule mit den Jahreszahlen 1941 und 1945 ziert. Rundherum sind gegossene Soldaten in verschiedenen Posen zu sehen.

Einige hunderte Meter weiter liegt das Haus der Sowjets. Es ist ein Prachtbau aus der Stalinzeit, welches im damals herrschenden Stil des Sowjetischen Klassizismus erbaut wurde. Dieser monumentale, palastartige Stil wird aufgrund seiner reichhaltigen, von manchen als unpassend empfundenen Verzierungen geringschätzig als Zuckerbäckerstil bezeichnet. Er gehört zu dem alle kulturellen Bereiche einschließenden Stil des Sozialistischen Realismus, welcher Anfang der 1930er Jahre in der Sowjetunion zur Staatsdoktrin ernannt wurde. Es sollte durch realistische und einfache Formen ein positives, optimistisches Weltbild vermittelt werden, in welchem der Weg zum Kommunismus geebnet würde.

Als meine Mutter in den 1970er Jahren als Touristin in die damalige Sowjetunion und auch das damalige Leningrad kam, besuchte sie auch einige Museen, in welchen natürlich Bilder in diesem Stil zu bestaunen waren. Ihr fiel auf, dass auf diesen Gemälden zwischen den ganzen anderen Arbeitern und Soldaten vielfach jemand mit einem Fahrrad zu sehen war, worauf sie diese Kunst scherzhaft als „Mann mit Fahrrad“ bezeichnete. – Das gefällt mir als überzeugtem Biker natürlich gut und vielleicht sollte ich eines Tages mal jemanden beauftragen, ein solches Bild mit mir und einem Fahrrad zu malen, denn selber malen kann ich nicht.

Das Haus der Sowjets wurde von 1936 bis 1941 errichtet und sollte die Stadtverwaltung beherbergen, da geplant war, das Zentrum des damaligen Leningrad in den Moskauer Bezirk zu verlegen, in welchem das Gebäude steht. Der Krieg kam dazwischen und auch nach seiner Beendigung wurden die Pläne nicht weiter verfolgt. So ist das Haus nur der Sitz der Stadtteilverwaltung. Davor steht ein Lenin-Denkmal, welches Anfang der 1970er Jahre errichtet wurde. Lenin steht dort in der Pose des weisen Anführers, der den Weg weist. Mit einem Arm zeigt er nach vorne und hält dabei noch seine Mütze zusammengefaltet in der Hand.

Das war zu viel für mein Fahrrad. Förmlich unter Lenin brach es zusammen. Was war passiert? – Der doppelte Reifen knickte einfach zur Seite. Welch ein Zufall, dass es gerade dort passierte und welch ein Glück, dass es nicht schon irgendwo anders passiert war. Was hätte ich in so einem Fall tun sollen? – Egal. Da stand er nun, der Mann mit Fahrrad und Lenin war auch da. Es fehlten nur die bewaffneten Arbeiter und es wäre so wie auf den sowjetischen Bildern gewesen.

Blick über die Newa
Blick über die Newa auf den Winterpalast

Sankt Petersburg – die Stadt, durch welche die Newa hindurch in den Finnischen Meerbusen mündet; die Metropole, welche aufgrund ihrer besonderen Bedeutung für Russland auch die „Nördliche Hauptstadt“ und aufgrund ihrer vielen Kanäle „Das Venedig des Nordens“ genannt wird. Mit ihren unzähligen Sehenswürdigkeiten gehört sie zum UNESCO-Weltkulturerbe und ist ein Touristenmagnet. Ob die Kunstschätze der Eremitage, die Zarenresidenz in Peterhof, der Newskij Prospekt, die Peter-und-Paul-Festung, die Isaak-Kathedrale, der Eherne Reiter oder die Bluterlöserkathedrale – Sankt Petersburg hat viel zu bieten und ist definitiv ein Reise wert. Es muss ja nicht unbedingt mit dem Fahrrad sein.

Auf meiner Fahrradtour kam ich nicht zum ersten Mal in diese Stadt. Etwas mehr als drei Jahre zuvor hatte ich für vier Wochen einen Sprachkurs der Staatlichen Petersburger Universität besucht und war währenddessen bei einer Familie untergekommen. Damals war es allerdings Winter, wenn auch ein vor allem für russische Verhältnisse recht warmer, sozusagen weichgespülter Winter.

Diesmal reiste ich zu der Zeit an, welche für die Stadt auch die touristische Hauptsaison darstellt: Die Weißen Nächte, welche um die Sommersonnenwende stattfinden, ziehen Reisende aus aller Herren Länder an. Wenn nach 22:00 Uhr die Brücken der Newa hochgezogen werden um auch größeren Schiffen die Durchfahrt in Richtung Ladogasee zu ermöglichen, versammeln sich Heimische wie Fremde an den Ufern, um dabei zuzsehen, wie vor einem maximal dämmerig werdenden Himmel unzählige beleuchtete Boote und Schiffe den Fluss rauf- und runterfahren.

Auf dem Vorplatz des Winterpalastes findet zu dieser Zeit ein für jedermann frei zugängliches Musikfestival statt. Die Brücken bleiben bis in die frühen Morgenstunden für den Landverkehr unpassierbar und wenn dann noch nachts die Metro ihren Verkehr planmäßig einstellt, ist die Vassilievski-Insel von der Außenwelt abgeschnitten. Wer sie besuchen möchte oder gar auf ihr wohnt, muss sich vorher genau überlegen, wo er die Nacht zu verbringen gedenkt. Es sei denn, man besitzt ein Boot.

Sankt Petersburg ist geschichtsträchtig und dabei im Vergleich zu anderen europäischen Städten, einschließlich Moskau und Berlin, eher jung. Gegründet wurde die Stadt durch Peter I., welcher – weniger in Russland selbst als in der übrigen Welt – auch „der Große“ genannt wird. Er lebte von 1672 bis 1725, in der Phase des Hochbarock, in welche auch die Herrschaft des berühmten französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV. fällt. Der Beiname „der Große“ ist in Russland zwar bekannt, jedoch nicht gebräuchlich, was nicht heißt, dass man ihn geringschätzt. Das Gleiche gilt für Katharina II.

Peter, der in jungen Jahren incognito durch Westeuropa gereist war und sich ein Bild von der technischen Überlegenheit des Westens gegenüber Russland gemacht hatte, war einer derjenigen, die ihre Heimat mitsamt ihren Eigentümlichkeiten und Traditionen als rückständig betrachteten und das Heil Russlands in der Übernahme westlicher Institutionen und Bräuche sahen. Deshalb werden Leute wie er als „Westler“ bezeichnet.

Um sein Bestreben zu untermauern, beschloss Peter eine Westverschiebung des politischen und kulturellen Zentrums vorzunehmen. Desweiteren war ihm der Zugang zur Ostsee wichtig, welcher durch Befestigung in Form des Baues einer neuen großen Stadt sichergestellt werden sollte. Der Zar, welcher einst als Zimmermann auf einer niederländischen Werft gearbeitet hatte, träumte davon, dass sein Reich eine ernstzunehmende Seemacht werden würde. Der Bau einer schlagkräftigen Flotte wurde forciert. Das hierfür erforderliche Geld wurde in den staatlich betriebenen Kneipen erwirtschaftet. Da der Staat auf Alkohol das Monopol hatte und die Russen als ein trinkfreudiges Volk bekannt sind, rollte der Rubel. Es wurden Militäreinheiten eingesetzt, um Frauen davon abzuhalten, ihre Männer aus den Saufanstalten herauszuholen, auf dass sie weiter ihr Geld hier ausgaben.

1703 wurde Sankt Petersburg gegründet. Mit großem Aufwand wurde auf dem morastigen Sumpfgebiet an der Newa-Mündung fester Grund für die neue Hauptstadt geschaffen. Westliche Ingenieure und Handwerker formten ihr Antlitz. Ohne Rücksicht auf Verluste setzte Peter sein Vorhaben durch, sein Projekt innerhalb weniger Jahre aus dem Boden zu stampfen. Dazu wurden -zigtausende Leibeigene aus ihren angestammten Gebieten herausgeholt und zur Arbeit an den Bauprojekten gezwungen. Viele flohen trotz drastischer Strafen, da die Umstände dort so unerträglich waren. Zudem gab es Verordnungen über Baumaterialien, welche knapp waren.

Steinhäuser durften in Russland außerhalb von St. Petersburg nicht gebaut werden. Einlaufende Schiffe mussten einen bestimmten Teil Steine mitbringen, die Bewohner waren verpflichtet hundert Steine pro Jahr aufzutreiben und abzuliefern. Bei Nichteinhaltung dieser Pflicht drohten ebenfalls Strafen. Irgendwie musste der Stadt aber auch erst Leben eingehaucht werden und so wurde der Adel gezwungen in der Stadt Residenzen zu errichten, was bei diesem auf wenig Begeisterung stieß.

Dies alles geschah, während sich Russland im Krieg mit Schweden befand. In den ersten Jahren nach der Gründung versuchten die Schweden mehrfach die Stadt anzugreifen, was allerdings nicht von Erfolg gekrönt war. Der Große Nordische Krieg dauerte noch bis 1721 an, aber nach 1706 war die Stadt nicht mehr ernsthaft in Gefahr. Aus dem 21 Jahre andauernden Krieg gingen Russland und seine Verbündeten als Sieger hervor. Russland war nun anstelle von Schweden die tonangebende Großmacht im Ostseeraum und hatte mit der neuen Hauptstadt dafür auch ein repräsentatives Symbol. Trotzdem verlor Petersburg an Bedeutung, nachdem sein Erbauer 1725 (- nur vier Jahre später -) starb.

Die Zarenfamilie orientierte sich wieder mehr gen Russland. Zeitweise war sogar Moskau wieder Hauptstadt. So verging mehr als ein Jahrhundert, bis mit Zarin Elisabeth wieder eine westlich orientierte Monarchin das Land führte. Ihre Nachfolgerin Katharina II., welche selbst gar aus deutschem Adelshaus kam, war fasziniert von der Aufklärung und verkehrte unter Anderem mit Voltaire. So war Petersburg wieder in. Der Ärger über die Französische Revolution und Katharinas darauffolgende Abkehr vom aufklärerischen Gedanken taten der Bedeutung der Stadt keinen Abbruch. Unter Katharinas Ägide wurde unter anderem der Winterpalast erbaut, in welchem sich heutzutage die berühmte Eremitage befindet und der später eine zentrale Rolle bei der Oktoberrevolution 1917 spielen sollte.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wuchs die Bevölkerungszahl rasch an. Grund war zum Einen 1861 die Aufhebung der Leibeigenschaft durch den sogenannten „Zar-Befreier“ Alexander II., welcher im selben Jahr noch in der Stadt durch ein Attentat ums Leben kam, sowie die einsetzende Industrialisierung, welche allerdings nur die Städte erfasste und den Rest des riesigen Landes unberührt ließ. Der Aufbruch in die Moderne, von dem außerhalb der urbanen Zentren nicht viel zu spüren war, verursachte, dass es in der Gesellschaft unterhalb der Oberfläche zu gären anfing.

In den gebildeten Schichten tobte ein intellektueller Kampf zwischen Erneuerern und Bewahrern. Die Einen waren von den Ideen begeistert, welche immer schneller aus dem Westen nach Russland schwappten und das Heilsversprechen in der Zukunft sahen: Materialismus, Liberalismus, Sozialismus – um die wichtigsten Vertreter zu nennen. Den Anderen waren diese nicht geheuer und sie sahen sie als Bedrohung für die russisch-orthodoxe Zivilisation an. Hier hatte das Volk Jahrhunderte lang vor Ikonen gekniet und war stets widerstandslos seinen Herrschern gefolgt. Es war ein arbeitsames aber ruhiges und vorhersehbares Leben gewesen.

Nun kamen aber, durch Eisenbahn und Telegrafen enorm beschleunigt, vom Westen her immer mehr zersetzende Gedanken in die Gesellschaft eingesickert. Das gemeine Bauernvolk, aus welchem das Zarenreich bis zu seinem Ende vornehmlich bestand, konnte zwar mit diesen Lehren nicht viel anfangen, denn es war überwiegend des Schreibens und Lesens nicht mächtig. Geschweige denn besaß es die Fähigkeit über den Sinn des Lebens oder soziale Fragen zu reflektieren. Dennoch kam Unruhe herein. Vor allem in den Zentren bildeten sich Gruppen von Intellektuellen, welche genau diese Dinge thematisierten. Zudem blieb es nicht bei Worten. Attentate wie das kurz zuvor beschriebene auf Alexander II. kamen in Mode.

In dieser Zeit entstanden die großen klassischen Romane beispielsweise, von Dostojewskij, Tolstoj, Turgenjew und vielen anderen. Der berühmteste in Petersburg spielende Roman dürfte sicherlich Dostojewskijs „Schuld und Sühne“ sein, in welchem der verarmte Student Raskolnikow eine Zinswucherin erschlägt, der er noch Geld schuldet und hinterher an seinen Gewissensbissen darbt. Es geht in diesem Buch (- wie auch generell in den Romanen Dostojewskijs -) um genau diesen Kampf zwischen traditionellen und modernen Ideen, wobei Dostojewskij ein klarer Verfechter des Traditionellen ist und zum Zwecke der Diffamierung der modernen Gedanken bewusst stets krasse Beispiele konstruiert.

Raskolnikow beispielsweise ist ein armer Student, der in einer kleinen schäbigen Bude in Sankt Petersburg auf elende Weise lebt. Er schuldet einer alten Zinswucherin Geld, kann es nicht zurückzahlen und denkt, dass er mit seinen Fähigkeiten doch viel mehr wert sei als diese „Laus“, wie er sie bezeichnet. Wenn er erst einmal mit dem Studium fertig ist, könne er der Menschheit viel größere Dienste erweisen als die Zinswucherin. Somit sei seine Existenz von größerer Wichtigkeit als ihre. Warum also solle er scheitern, nur weil er ihr noch Geld schulde? Im Grunde handelt es sich um den Gedanken des von John Stuart Mill propagierten Utilitarismus, der in einem konkreten Beispiel angewandt wird. Im Utilitarismus geht es nämlich darum, dass eine Entscheidung immer danach getroffen werden muss, wie der größtmögliche Nutzen für die Allgemeinheit erreicht werden kann – zu Ende gedacht heißt das: ohne Rücksicht auf eventuelle Verluste. Raskolnikow entschließt sich aus voller Überzeugung, die Alte zu erschlagen. Als die Tat vollendet ist, plagt ihn aber sein Gewissen. Irgendetwas in ihm sagt, dass sein Handeln nicht richtig war.

Um noch einen drauf zu setzen, bediente sich Dostojewskij sogenannter ‘sprechender Namen’. Den Namen Raskolnikow wählte er daher nicht ohne Grund: Raskol’ heißt Spaltung. Der Protagonist ist also ein Spalter. Seine Gedanken spalten die Gesellschaft. Dies ist ein Beispiel für Dostojewskijs Romane und das in ihnen steckende Denken.

Fjodor Michajlowitsch Dostojewskij, welcher in seiner Jugend selbst von den Gedanken der utopischen Frühsozialisten begeistert war, wurde als Mitglied eines der oben beschriebenen Intellektuellenkreise von der zaristischen Geheimpolizei verhaftet. Eingekerkert wurde er in der Peter-und-Paul-Festung, welche die Keimzelle der Stadt Sankt Petersburg war und heute eine der bedeutendsten Attraktionen der Stadt darstellt. Man verurteilte ihn wegen subversiver Umtriebe zum Tode, begnadigte ihn auf dem Richtplatz und wandelte die Strafe in zehn Jahre Arbeitslager um. Die Umerziehung funktionierte offenbar, denn er kam zurück als der, den wir heute kennen: als extrem konservativer Denker. Man kann ihn mit Fug und Recht geradezu als Reaktionär bezeichnen. Sein Bild von Ausländern und Juden, welches in seinen Romanen gezeichnet wird, ist alles andere als vorteilhaft.

Nichtsdestoweniger war er ein großer Literat. Eine meiner Dozentinnen formulierte es einmal folgendermaßen: „Schriftstellerisch war er großartig, ideologisch eine Katastrophe.“ Mir persönlich gefällt „Der Idiot“ von Dostojewskij sehr gut, welcher ebenfalls zum Großteil in Sankt Petersburg spielt. Wer keine dicken Schinken lesen möchte, sei auf eine seiner Kurzerzählung verwiesen, die „Weiße Nächte“ heißt. Wer gut aufgepasst hat, kann sich auch denken, wo diese Geschichte spielt.

Im Ersten Weltkrieg wurde der deutsche Name Sankt Petersburg russifiziert. Da sich Deutsche und Russen reihenweise gegenseitig abschossen, wollte man keine Hauptstadt mit einem deutschen Namen haben. Von nun an hieß sie deshalb Petrograd, bis sie nach Lenins Tod 1924 zu dessen Ehren in Leningrad umbenannt wurde. Da war sie allerdings keine Hauptstadt mehr und den Ausschlag dafür gaben Ereignisse, welche sich in ihr selber abgespielt hatten.

Was war passiert? – Seit 1914 tobte der Erste Weltkrieg, der allen europäischen Mächten und somit auch Russland bis dato ungekannte Anstrengungen abverlangte. So viele Tote und Verwundete hatte es noch nie gegeben. Es herrschte Hunger und überhaupt Mangel an allem. Russland befand sich auf breiter Front im Krieg mit den Mittelmächten Deutschland und Österreich-Ungarn. Seine völlig erschöpften und verwahrlosten Soldaten hielten tief im eigenen Territorium die Front sozusagen am seidenen Faden.

Deutschland kam auch nicht so recht voran, obwohl es große Gebietsgewinne errungen hatte. Es befand sich seit Beginn des Krieges in seinem größten Horrorszenario: einem Zwei-Fronten-Krieg. Nach anfänglichen Erfolgen stand das kaiserliche Heer an zwei Fronten auf feindlichem Territorium buchstäblich im Dreck, während die Bevölkerung zu Hause an Unterernährung litt. Es musste unbedingt Frieden mit Russland schließen, um Kräfte für den Kampf an der Westfront mobilisieren zu können. Wohl wissend, dass Russland sprichwörtlich aus dem letzten Loch pfiff und somit die Zeit gekommen war, suchte es sich einen ungewöhnlichen Verbündeten.

Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, war ein russischer Rechtsanwalt und Führer der revolutionären Sozialisten, welche sich Bolschewiki nannten. Aufgrund seiner revolutionären Agitation hatte er seine russische Heimat verlassen müssen und lebte seit einigen Jahren in der Schweiz. Obwohl die Deutschen die Kommunisten stets bekämpft hatten, da sie keine Revolution im eigenen Land wollten, halfen sie Lenin. Eine Revolution in Russland käme ihnen gerade recht. So wurde ausgehandelt, dass Lenin mit seinen Getreuen in einem Zug quer durch das Deutsche Reich gen Osten fahren konnte. Es war das Jahr 1917 und kurz zuvor hatte bereits eine erste Revolution in Russland stattgefunden: die sogenannte Februarrevolution. Der Zar war abgesetzt, aber die bürgerliche Regierung unter Leitung von Aleksandr Fjodorowitsch Kerenski war nicht gewillt, auf die deutschen Forderungen einzugehen und führte den Krieg weiter.

In Petrograd angekommen machte Lenin sich ans Werk. Er organisierte, hielt Reden und schließlich war es soweit: In der Nacht vom 24. auf den 25. Oktober 1917 wurde ein Schuss des Kreuzers Aurora abgefeuert, der als Signal für den Sturm auf den Winterpalast und die darin sich befindende Regierung diente. Der Putsch war erfolgreich und somit war das damalige Petrograd der Ort, an dem Weltgeschichte geschrieben wurde. Hier fand die erste erfolgreiche sozialistische Revolution statt und sie hatte weitreichende Konsequenzen.

Peter-und-Paul-Festung
Peter-und-Paul-Festung

So viele Dinge wären im 20. Jahrhundert mit absoluter Sicherheit ganz anders gelaufen, wenn nicht hier in dieser Stadt in dieser Nacht alles so von statten gegangen wäre wie es von statten gegangen ist. Das ist es, was mich an Geschichte immer so fasziniert und das ist es, worüber ich nachdenke, wenn ich mich an solchen Orten befinde. Auch nun dachte ich daran, als ich in Sankt Petersburg angekommen war und mein nunmehr zerschlissenes Fahrrad in diese historische Kulisse hineinschob.

Nach der erfolgreichen Oktoberrevolution verfolgten die nun herrschenden Bolschewiki eine erneute Abschottungspolitik. So wurde Moskau wieder zum politischen Zentrum des neugegründeten Sowjetreiches. Moskaus zentrale Lage hatte auf der einen Seite einen logistischen Vorteil, da Menschen, Material und Informationen schneller in alle Richtungen des Landes verteilt werden konnten. Auf der anderen Seite wäre es militärisch schwerer einzunehmen, da es sich weder in unmittelbarer Grenznähe noch am Meer befindet. Nicht zu unterschätzen ist ebenfalls die symbolische Funktion, denn Sankt Petersburg sollte eine europäische Hauptstadt sein, während Moskau bis zum heutigen Tage deutlich russischer ist.

Dennoch blieb die Stadt an der Newa-Mündung von großer Bedeutung. Der Zugang zum Meer spielte dabei eine wichtige Rolle. Auch die geistig-kulturelle Tradition war von Wichtigkeit, was dazu führte, dass Leningrad in der Sowjetunion inoffiziell als die kulturelle Hauptstadt bezeichnet wurde. Die Namensänderung tat ihr Übriges, denn Lenin wurde als revolutionärer Führer über alles verehrt. Überall standen Denkmäler, Büsten von ihm wurden millionenfach produziert. Die Kinder lernten in der Schule Gedichte über ihn und kannten seine Lebensgeschichte auswendig. In Moskau ist sein Leichnam bis heute in einem Mausoleum am Roten Platz aufgebahrt.

Lenin selbst war zwar in dieser Hinsicht eher bescheiden und hielt vom Personenkult nicht viel. Stalin wusste aber um die Wichtigkeit einer Führerfigur und da der erfolgreiche Revolutionär tot war, konnte er weder etwas falsch machen, was ihn hätte diskreditieren können, noch hätte er Widerspruch gegen seine Vermarktung einlegen können. Stalin war nicht nur machthungrig und voller Hass auf alles, was sich ihm in den Weg stellte, sondern zudem eitel und selbstverliebt. Den von ihm forcierten Kult um Lenin weitete er auf seine eigene Person aus. Dieser zweite Teil sollte wenige Jahre nach Stalins Tod 1953 im Zuge der Entstalinisierung wieder entfernt werden. Einzig Lenin blieb. Er war der unangefochtene Held der Revolution, galt als genial und makellos und wurde als Ikone gebraucht, denn Ikonen spielen in Russland eine wichtige Rolle.

Im Zweiten Weltkrieg war Leningrad für eine lange Zeit Frontstadt und Schauplatz unsäglichen Leides und Elends. Der deutsche Vormarsch sollte der gesamten Sowjetunion ein schnelles Ende bereiten. Hitler war sich aber nicht recht schlüssig darüber, wie genau das geschehen sollte. Jedenfalls brachten ihn die Komplikationen beim Vormarsch aus dem Konzept. Da der Blitzkrieg in der Weite und den Wetterverhältnissen des Ostens nicht so recht klappen wollte und die Niederwerfung der Sowjetunion noch vor Einbruch des Winters somit nicht zu realisieren war, sollte zunächst im Norden ein Korridor zu den verbündeten Finnen hergestellt werden. Dies hätte eine schnelle Einnahme Leningrads beinhaltet. Kurzfristig warf er allerdings seinen Plan wieder über den Haufen und ging aufs Ganze. Nun sollte doch trotz des einbrechenden extrem harten Winters Moskau sozusagen mit der Brechstange niedergezwungen werden. Vor den Toren der Hauptstadt suchte er die Entscheidung – aber dies ist ein anderer Teil der Geschichte.

Während sich die Wehrmacht daranmachte, mit der Eroberung Moskaus das Unmögliche zu schaffen, hatte Hitler für Leningrad einen anderen Plan. Die Millionenmetropole war ihm mit seinen Plänen einer germanischen Besiedlung des Ostens ein Dorn im Auge. Wieviel Zynismus und Verachtung menschlichen Lebens in diesem Zwerg steckten, ist schwer bis gar nicht zu fassen. Die Menschen, welche hier lebten, sollten verschwinden – und zwar für immer. Aber Hitler wollte so viele Menschen aus dem Weg räumen, dass es schlichtweg unmöglich war, sie alle einfach zu ermorden, beispielsweise durch Erschießen. Dafür mussten Mittel zur Verfügung gestellt werden, die an anderen Orten gebraucht wurden. Außerdem waren nicht alle so abgebrüht wie er und nur bedingt dazu bereit, massenweise unschuldige Zivilisten zu töten. Das Gewissen der eigenen Leute hatte Hitler noch nicht überall gänzlich besiegen können.

Eine einfache und in der Geschichte oft angewandte Methode, bei der man sich nicht die Hände schmutzig macht und die eigenen Verluste gering hält, ist das Aushungern durch Belagerung. 872 Tage lang stand die Wehrmacht vor Leningrad. Während der sogenannten „Blockade“ bestand nur ein kleiner Korridor, der im deutschen Artilleriefeuer lag und als Transportweg für Lebensmittel und Munition diente. Die Rote Armee kämpfte verzweifelt und verbissen darum, diesen offenzuhalten. Im Winter fuhren LKWs über den zugefrorenen Ladoga-See und eine Luftbrücke wurde nach Kräften aufrecht erhalten. Dennoch reichte es nicht. Mehr als die Hälfte der auf den Weg geschickten Güter erreichte ihr Ziel nicht.

Die Wehrmacht beschoss und bombardierte gezielt zivile Einrichtungen sowie Lagerhäuser und warf gefälschte Lebensmittelkarten ab. Es gab kaum Strom und dieser durfte nur für militärische Zwecke und in den wichtigsten Verwaltungsstellen genutzt werden. Bereits vor Einbruch des Winters 1941 waren Kohle und Öl aufgebraucht. Selbst das Abholzen der verbleibenden Bäume war nicht so einfach, da es an adäquaten Werkzeugen mangelte. Mehr als eine Million Zivilisten starben, wobei die wenigsten durch Waffengewalt ums Leben kamen. Die meisten starben an Unterernährung. Kälte und Krankheiten waren ebenfalls häufige Todesursachen. In ihrer Not aßen die Menschen alles was irgendwie essbar war. Nicht wenige wurden bis zum Kannibalismus getrieben.
Mehrere Befreiungsversuche der Roten Armee scheiterten.

Im Januar 1943 schaffte sie es in der Operation „Funke“, welche in der deutschen Militärhistorie als Zweite Ladoga-Schlacht bekannt ist, einen Korridor südlich des Ladoga-Sees zu erkämpfen, welcher allerdings unter deutschem Artilleriefeuer lag. Erst am 27. Januar 1944 konnte die Blockade endgültig gesprengt werden. Die Leningrader Blockade wurde zu einem Symbol der Verteidigungsbereitschaft der Sowjetunion, der Zähigkeit und Willensstärke ihrer Bürger. Die Stadt bekam nach dem Krieg den Status einer Heldenstadt und der Wiederaufbau wurde in sowjetischer Hau-ruck-Manier vorangetrieben.

Die Dimensionen der sowjetischen Kriegsdenkmäler werden oft als protzig belächelt, jedoch bin ich der Meinung, dass sie in Bezug zu den Dimensionen des Geschehenen nicht überdimensioniert erscheinen – im Gegenteil! Kein Denkmal der Welt kann groß genug sein, um diese menschliche Leistung, welche so viele Opfer forderte, hinreichend zu würdigen. So auch der Siegesplatz auf dem Weg vom Flughafen ins Stadtzentrum, welchen ich gerade erst passiert hatte. Trotzdem ist natürlich nicht zu vergessen, dass das Geschichtsbild, welches hierbei vermittelt wird, einseitig und zu eigenen Gunsten vereinfacht ist. Man selber hat demnach niemals unehrenhaft gehandelt. Aber das ist ein weites Thema, welches hier zu weit führen würde. Ich bin der Meinung, dass allein das Leid, die Siegesleistung sowie die Vernichtung der faschistischen Gewaltherrschaft solche Würdigung verdient haben.

Die 1950er Jahre waren in ganz Europa eine Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs. Die Menschen machten sich tatkräftig daran, die immensen Schäden des Krieges zu beseitigen und wieder eine zivile Normalität herzustellen. Nach den Jahren der Entbehrungen und des Hungers wollte man sich wieder satt essen können und das Grauen des Krieges hinter sich lassen. Auch die Bürger der Sowjetunion packten an und so erstanden auch hierzulande die zerstörten Städte wie Phoenix aus der Asche – und mit ihnen Leningrad.

In dieser Zeit erblickte hier ein Junge das Licht der Welt. Er war das vierte Kind seiner Eltern, wobei seine Geschwister allesamt bereits gestorben waren – davon eines während der Leningrader Blockade an Diphtherie. Die Familie lebte in einfachen Verhältnissen. Sie wohnte in einer sogenannten „Kommunalka“, einer Wohnung, welche sich mehrere Familien teilen müssen und die bis heute existieren. Der Vater war aus voller Überzeugung Mitglied der Kommunistischen Partei. Die Mutter dagegen hing dem russisch-orthodoxen Glauben an.

In den Leningrader Hinterhöfen lernte der kleine Wolodja, dass man stark sein muss, um sich im Leben durchzusetzen und erlernte verschiedene Kampfsportarten, allen voran Judo. Früh begeisterte er sich für Spionage, wollte zum sowjetischen Geheimdienst KGB, wurde aber zunächst auf ein Jurastudium verwiesen, welches er dann auch erfolgreich bestritt. Schließlich war es soweit: Er wurde Offizier.

Nachdem er einige Jahre in Leningrad gearbeitet hatte, ging er nach Moskau auf die KGB-Hochschule und daraufhin in die DDR. Hier befand er sich auch, als 1989 die Mauer fiel. Es war eine prägende Zeit für ihn, denn er sah, wie ohnmächtig sein geliebtes und einst als stark empfundenes Heimatland den Ereignissen gegenüberstand. Auch in Dresden, wo er sich zu der Zeit befand, war das Volk auf der Straße. Die KGB-Mitarbeiter waren verängstigt. Sie fürchteten, das Volk könne aus Wut auf die sowjetische Besatzungsmacht ihr Quartier erstürmen und sich an ihnen für mehr als 40 Jahre Unterdrückung rächen. Was sollten sie nun tun? Sollten sie die Kalaschnikows aus dem Schrank holen und sich auf alles gefasst machen? Unser einstiger Leningrader Hinterhofrowdy rief als Ranghöchster in Moskau an, um Anweisungen zu bekommen, jedoch kam erstmalig überhaupt keine Antwort. Man war offensichtlich selbst mit der Situation überfordert und überlies sie schlichtweg ihrem Schicksal. Moskau schwieg.

Die Befürchtungen bewahrheiteten sich nicht. Das Volk hatte nicht im Sinn, die Russen zu lynchen. Trotzdem war diese Nacht ein einschneidendes traumatisches Erlebnis für den Mann, dem Stärke alles bedeutete. Es lag seit Jahren in der Luft, aber nun sah er mit eigenen Augen, wie die Supermacht Sowjetunion, das Land, auf welches er so stolz war, wie ein Kartenhaus in sich zusammenstürzte. Es war unendlich demütigend. Nie wieder wollte er sein Land so sehen.

Als die DDR in Auflösung begriffen war, brach auch der KGB dort allmählich seine Zelte ab. Der Leningrader Sohn kehrte in seine Heimatstadt zurück. Weil der Geheimdienst vorerst keine Verwendung mehr für ihn hatte, sah er sich anderweitig um und landete schließlich in der Politik. Anatolij Sobtschak, der einst sein Professor an der Uni war, war mittlerweile Bürgermeister der Stadt, die in der Zwischenzeit wieder in Sankt Petersburg umbenannt worden war. Die UdSSR war Geschichte, somit auch Leningrad. Sobtschak hielt seinen Zögling für fähig in der Politik neue Wege zu beschreiten. Dieser enttäuschte die Erwartungen seines Mentors nicht und brachte es sogar bis zum Vizebürgermeister. Als Sobtschak bei der Bürgermeisterwahl 1996 nicht wiedergewählt wurde, verließ auch sein Stellvertreter die Petersburger Kommunalpolitik. Er hatte aber bereits weitere Kontakte geknüpft und ging nach Moskau um für niemand geringeren als Präsident Boris Jelzin im Kreml zu arbeiten.

Die Bluterlöser-Kathedrale bei Nacht
Die Bluterlöser-Kathedrale bei Nacht

Jelzin hatte neben Alkohol noch einige andere ernsthafte Probleme: Die Art und Weise, wie er die Reste der Sowjetunion beiseite gefegt hatte, nahmen ihm viele übel, hatte er doch unter Anderem 1993 das Parlament mit Panzern beschießen lassen. Der Übergang von der sowjetischen Planwirtschaft zur kapitalistischen Marktwirtschaft lief chaotisch ab und stürzte viele Russen ins Elend. Einige alte Parteikader hatten sich als pfiffige und ehrlose Geschäftsleute entpuppt und rissen sich alles unter den Nagel, was sie bekommen konnten. Ihre Positionen im Staats- und Parteiapparat sowie ihr Wissen gaben ihnen in der sogenannten “Stunde null” einen Vorsprung, den kaum jemand aus dem einfachen Volk hätte aufholen können.

Auch Jelzin und sein Umfeld hatten sich auf zwielichtige Weise persönlich bereichert. Nun wurde sein gesundheitlicher Zustand immer schlechter. Sein Alkoholproblem war seit Jahren der Weltöffentlichkeit durch kuriose Fernsehauftritte bekannt geworden und sein Herz spielte nicht mehr mit. Der alte und kranke Mann konnte das Amt des Präsidenten nicht mehr länger ausführen. Er musste gehen, benötigte aber Garantien, dass er für seine Vergehen nicht belangt würde und er und die Seinen ihr unrechtmäßig erworbenes Vermögen behalten dürften.

Es wurde ein Plan ausgearbeitet, wie ein vom ihm erwählter Nachfolger ins Präsidentenamt befördert werden konnte: Er musste ein unbeschriebenes Blatt sein – ohne der Öffentlichkeit bekannte Fehler aus der Vergangenheit, ohne Skandale. Er durfte nicht aus der Politik kommen, denn die Russen sind Politikern gegenüber misstrauisch. Er durfte auch kein Geschäftsmann sein, denn diesen missgönnen sie ihren Reichtum, wohingegen sie sich nach Sicherheit sehnen und dementsprechend Leute aus den Sicherheitsorganen mögen und ihnen vertrauen. Der Auserwählte sollte zum Premierminister ernannt werden und dort innerhalb einiger weniger Monate eine äußerst gute Figur machen. Dann würde Jelzin völlig unerwartet einige Monate vor den Präsidentenwahlen frühzeitig zurücktreten und diesen Mann für den Rest seiner verbleibenden Amtszeit als Nachfolger einsetzen. So würden dessen Wahlchancen hoch sein und Jelzin wäre gerettet.

Soweit der Plan. Nun musste jemand gefunden werden, der all diese Kriterien erfüllt und das erforderliche Versprechen an Jelzin abgibt. Er ward bald gefunden: Wladimir Wladimirowitsch Putin, unser Mann aus Sankt Petersburg, der mittlerweile den Chefposten des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB inne hatte, stand in den Startlöchern und wurde am 9. August 1999 durch Jelzin zum Premierminister ernannt. Er machte sich direkt an die Arbeit und schickte die Armee in das abtrünnige Tschetschenien, welche dort mit äußerster Brutalität vorging. Dies kam beim russischen Volk gut an, vor allem nach einer Reihe ominöser Bombenanschläge in Moskau, welche offiziell tschetschenischen Terroristen angekreidet wurden. Jetzt wurde hart durchgegriffen und Putin war der Held. So war sein Weg ins Präsidentenamt geebnet.

Der Mann, der damals scheinbar aus dem Nichts hergezaubert worden war, ist uns heutzutage wohl bekannt. Nie war ein russischer Staatschef bei seinem Volk so beliebt wie Putin. Dies verdankt er sicherlich dem hohen Ölpreis seiner ersten Amtsjahre, jedoch nicht ausschließlich. Der sportliche Antialkoholiker packt an und spricht deutliche Worte. Im politisch korrekten Deutschland stößt das immer wieder auf Befremden, aber in Russland kommt er damit äußerst gut an. Nach dem Chaos der 1990er Jahre sehnen sich die Leute nach einem starken Mann.

Sankt Petersburg hat somit auch weltweite politische Bedeutung, denn auch wenn Russland gern dazu neigt, sich selbst zu überschätzen, so ist es auch nicht kleinzureden. Putin ist dabei nicht der einzige Top-Politiker, der aus der sogenannten „Nördlichen Hauptstadt“ kommt. Seit seinem rasanten Aufstieg unter Jelzin umgab er sich mit einer Reihe von Leuten, die er während seiner Arbeit für den Petersburger Bürgermeister kennengelernt hatte. Putin brauchte in der Staatsspitze Leute, von denen er wusste, dass er sich auf sie verlassen kann. In den drei Jahren in Moskau hatte er nicht so viele vertrauensvolle Verhältnisse aufbauen können. So holte er alte Bekannte mit ins Boot. Dieser Personenkreis wurde in der russischen Öffentlichkeit unter dem Namen „Piterzy“ bekannt, wobei das Wort von der umgangssprachlichen Bezeichnung „Piter“ herrührt, welches für Petersburg steht. Einige Namen seien hier nur nebenbei erwähnt: Boris Gryslow, German Gref, Aleksej Kudrin, Sergej Iwanow.

Der wohl bekannteste Petersburger Politiker außer Putin selbst ist aber der jetzige Ministerpräsident Medwedjew. Durch seine Tätigkeit als juristischer Berater für Bürgermeister Sobtschak Anfang der 1990er Jahre kam er mit Putin in Kontakt. Als dieser Präsident wurde, nahm er ihn in sein Team auf. Von 2008 bis 2012 löste er Putin sogar für eine Periode im höchsten Staatsamt ab, in welche meine Radtour im Jahre 2011 fiel. Der Antritt Medwedjews war von Verfassungswegen nötig, da der Präsident in Russland nur für zwei Perioden amtieren darf. Es war ein offenes Geheimnis, dass in Wirklichkeit Putin die ganze Zeit die Fäden in der Hand behielt und hinterher gaben sie sogar offen zu, den Ämtertausch von langer Hand geplant zu haben.

Medwedjew wurde Putins Statthalter im Präsidentenamt, solange dieser es selbst nicht inne haben durfte. Putin war in der Zwischenzeit Ministerpräsident -, zu welchem Medwedjew ihn in seiner damaligen Funktion als Präsident ernannte – und behielt de facto die Macht bei sich. Als er erneut die Präsidentenwahl gewonnen hatte, ernannte er wiederum Medwedjew zum Ministerpräsidenten. Die öffentliche Empörung über diesen Vorgang und die dreist anmutende Offenkundigkeit des Ganzen hielt sich in Grenzen. Während Medwedjews Präsidentschaft traten die beiden zu offiziellen Anlässen im Kreml stets im Doppelpack auf und wurden ganz in patriotischer russischer Tradition mit großem Pomp angekündigt, bevor sich das goldene Tor öffnete und sie unter dem Abspielen der Nationalhymne heraus stolzierten. Nach seiner Rückkehr ins Präsidentenamt beschritt Putin diesen Weg wieder ganz alleine, so wie er es auch vorher zu tun pflegte.

Aber nicht nur Politiker hat die Stadt hervorgebracht, sondern – wie wäre es bei der sowjetisch-russischen „Kulturhauptstadt“ auch anders zu denken? – Künstler und Musiker.

Dazu gehören klassische Komponisten wie Alexander Borodin, der eigentlich Naturwissenschaftler war und eher nebenbei komponierte. Verwechslungsgefahr besteht in der Familie der Komponisten Rimski-Korsakow: Georgi Rimski-Korsakow war Petersburger, während sein deutlich berühmterer Großvater Nikolai aus der ländlichen Umgebung kam.

Auch in der Sowjetzeit wurde Musik komponiert – natürlich im sozialistisch-realistischen Stil. Der größte sowjetische Komponist war Dmitrij Schostakowitsch. So lange Stalin lebte hatte er es schwer, denn selbst kleine Abweichungen vom sozialistischen Realismus waren gefährlich für Leib und Leben. Es war die Zeit der großen Angst und ein falsch komponiertes Musikstück war Grund genug um nachts abgeholt zu werden. Nicht alle Stücke von Schostakowitsch gefielen dem Diktator und wurden als „formalistisch“ verteufelt – zu viele Schnörkel, um dem Pöbel auf einfache und unmissverständliche Weise zu verstehen zu geben, dass der Sozialismus siegen wird. Stets auf das Äußerste vorbereitet schlief der Komponist neben einem gepackten Koffer. So war die Karriere von Schostakowitsch ein Hochseilakt: auf der einen Seite war er ein Star, der gefeiert wurde und auf der anderen Seite stand er stets mit einem Bein im Gulag.

Desweiteren kommen aus Petersburg zwei Rockgruppen, deren Bekanntheit zwar eher auf die russischsprachige Welt beschränkt ist, die aber dort sehr präsent waren bzw. sind. Die eine erfreute sich vor allem in der Umbruchphase der End-1980er und zu Beginn der 1990er Jahre äußerster Popularität, da sie in ihren Texten das Gefühl der sowjetischen Jugend auf den Punkt brachte, die von dem alten System die Nase voll hatte. Ihr Name war „Kino“ und ihr zur Hälfte koreanischstämmiger Sänger und Bandleader eine Ikone der Perestroika. Das ging so weit, dass sein frühzeitiger Tod durch einen Autounfall landesweit eine Reihe von Selbstmorden unter Jugendlichen auslöste.

Bekannt vor allem für derbe, nicht jugendfreie Texte ist eine andere Gruppe mit dem Namen „Leningrad“. Ihr Sänger und Anführer Sergej Schnurow, genannt „Schnur“ – was im Russischen die gleiche Bedeutung hat wie im Deutschen – betätigt sich darüberhinaus als Schauspieler, Moderator und vieles mehr. Mehrmals hat er Auftritte der Gruppe nackt bestritten. Obwohl er laut eigenen Aussagen mit Politik nichts am Hut hat, äußert er gelegentlich offene Kritik am System sowie an Präsident Putin. Nicht zu verwechseln ist diese Band übrigens mit einer finnischen Formation namens „Leningrad Cowboys“, die mit der Stadt meines Wissens nach nichts zu tun hat.

Plattenbau-Komplexe an der Primorskaja
Plattenbauten an der Primorskaja

Außerdem: Was wäre Russland ohne das Ballett? Ich persönlich konnte damit zwar nie etwas anfangen, aber es gehört zu dem Land wie Bliny und Pelmeni. Die wohl berühmteste russische Balletttänzerin Anna Pawlowa war ebenfalls ursprünglich Petersburgerin. Genau wie der Schriftsteller Vladimir Nabokov, der vor allem durch seinen Roman „Lolita“ international sehr bekannt ist.

Das Fahrrad schiebend ging ich weiter in Richtung Stadtzentrum. Wenige hunderte Meter von Lenin entfernt ging ein junger Mann an mir vorüber und schaute mich an. In seinem Blick sah ich, dass er genau wusste, was ich in den letzten Wochen getan hatte und dass er verstand, warum ich es tat. „Woher?“, fragte er. – „Aus Berlin.“ „Nicht schlecht. Und wohin?“ – „Dritte Sowjetische Straße.“ Wowa war sein Name.

„Ich wohne nicht weit von hier“, sagte Wowa. „Du bist bestimmt hungrig. Ich mache ein paar Nudeln. Da wirst du dich bestimmt nicht gegen verweigern.“ – „Nein, ich verweigere mich nicht“, sagte ich lachend. Er lebte in einer Seitenstraße des großen Prospekts in einem Haus aus der Stalinzeit, dessen Zugang auf der Rückseite liegt. Die WG, welche er mit einer jungen Frau teilte, besaß einen deutlichen Hippie-Style: Stoffe mit intensiven Farben und asiatisch anmutenden Mustern, verzierte Kerzenständer, eine nicht unbeachtliche Anzahl an Büchern und natürlich eine Gitarre, die schräg an eine Couch gelehnt stand. Das dunkle Holzparkett, welches in diesen Bauten üblich ist, rundete die gemütliche Atmosphäre der Wohnung ab.

Wir plauderten ein wenig über Fahrradtouren und übers Reisen generell. Er erzählte mir über das Leben in der Stadt. Früher, so sagte er, habe es noch Bäume entlang der großen Straßen gegeben. Nun seien sie alle weg. Aufgrund des zunehmenden Verkehrs und der damit einhergehenden Luftverschmutzung seien die Bäume an den großen Prospekten einfach eingegangen.

Die soziale Frage beschäftigte ihn auch. Es sei nicht alles schlecht gewesen im Sozialismus. Heutzutage denke jeder nur an sich selbst und der Staat kümmere sich nicht um einen. Nachdem er mich bewirtet hatte, machten wir uns wieder auf, denn es waren noch ein paar Kilometer bis zu meinem Hostel. Wowa begleitete mich den ganzen Weg und schob dabei sein Fahrrad neben sich her so wie ich das meine. Letzteres konnte ja selbst beim besten Willen nicht mehr fahren.

Ich wurde immer müder und müder und wollte nur noch ankommen. So trottete ich neben Wowa her. An den weiteren Verlauf unseres Gesprächs kann ich mich gar nicht mehr richtig erinnern, so kaputt war ich. Die Anstrengung der letzten drei Wochen forderten ihren Tribut und nun da ich sozusagen am Ziel war, entwich die Spannung von mir.

Im Hostel angekommen nahm ich nur schnell eine Dusche und fiel danach am hellichten Tag erschöpft ins Bett.