Mit dem Fahrrad nach Sankt Petersburg

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3. Gen Petersburg

Ich hatte mich gerade wieder auf das Rad gesetzt und wollte den Grenzübergang verlassen, da machte es erneut „Paff!“. Von Osten her schaute mich der russische Wald an und ich hatte langsam ein wenig die Schnauze voll. Schnell Geld wechseln und zumindest ein paar Kilometer zu Fuß zurück legen. Reparieren kann man dann immer noch. Gedacht, getan und nach ein paar Kilometern kam ich an einen kleinen Laden, in dem man nur ein paar wenige ausgewählte Getränke, gesalzene Erdnüsse und stangenweise Zigaretten kaufen konnte.

Ich besorgte etwas Wasser und Erdnüsse. Zwei Arbeiter waren dabei, an den Laden etwas anzubauen, was, wie sie mir sagten, ein Café werden sollte. Sie halfen mir, das Loch im Mantel zu finden und während der Flicken antrocknete, luden sie mich zu Tee und Zigaretten ein. Eigentlich rauche ich gar nicht, aber es war so schön gesellig und schmeckte in dem Moment auch irgendwie gut.

Sie erzählten über die schwierige Lage am Arbeitsmarkt, vor allem hier in den Wäldern an der Grenze und da die Russen es lieben, Anekdoten zu erzählen, vor allem solche, welche die russischen Verhältnisse aufs Korn nehmen, fiel ihnen auch direkt eine zu meinem Reifenproblem ein: Es war noch zu Sowjetzeiten, als ein deutscher Tourist mit einem Auto zu Besuch kam. Er passierte die Grenze und nach ein paar Kilometern ruinierte ein Schlagloch seinen Wagen. Als die Miliz vorbeikam, beschwerte er sich: „Das kann doch nicht wahr sein. Wenn da solche Löcher sind, dann muss das doch mit roten Schildern gekennzeichnet sein“ –„Sie sind doch über die Grenze gekommen, nicht wahr?“, entgegnete der Milizionär, „haben sie denn nicht die große rote Fahne gesehen?“

Russisches Holzhaus
Rechts und links des Weges – typisch russische Holzhäuser

Allerdings waren es weniger die russischen Straßen, welche meinen Hinterreifen auf dem Gewissen hatten, sondern eher zwei Löcher im Mantel, welche sich langsam immer mehr ausgebreitet hatten. Ich hatte das Fahrrad etwa zwei Monate zuvor für hundert Euro gebraucht bei einem Händler gekauft. An sich war es in gutem Zustand, aber diese beiden Löcher werden sicherlich da schon in irgendeiner Weise vorhanden gewesen sein. Ich hatte mit dem Rad im Training bereits mehr als 1200 Kilometer zurückgelegt.

Nun waren auf der Reise auch schon mehr als 1700 Kilometer geschafft. Durch die Dauerbelastung hatten sich die Löcher ausgeweitet und jedes Mal, wenn ein spitzer Stein genau die richtige Stelle traf, passierte es halt. Ich schaffte es, sie sporadisch mithilfe eines alten Schlauches zu stopfen, besser gesagt: auszulegen. So musste es zumindest vorerst gehen. Die beiden Männer, an deren Namen ich mich leider nicht mehr erinnere, schenkten mir noch zwei getrocknete Fische – ein typischer russischer Snack -, eine Schachtel Zigaretten und ein Feuerzeug. „Man weiß nie, wofür es gut ist“, sagten Sie. Dann hatten sie Feierabend und verschwanden.

So baute ich mein Fahrrad wieder zusammen und setzte die Reise fort. Rechts und links meistens Wald. Es dominieren Birken und Kiefern. Auf den gefällten Streifen neben der Straße fiel allerdings eine mir wohl bekannte Pflanze durch extreme Häufigkeit auf: der Riesenbärenklau, auch Herkulesstaude genannt, lateinisch Heracleum mantegazzianum oder Heracleum giganteum. Sie stammt ursprünglich aus dem Kaukasus, hat sich aber durch Einschleppung in großen Teilen Europas sowie Nordamerikas als Neophyt breit gemacht. Diese Pflanzen werden über zwei Meter groß und ihr Saft hat eine phototoxische Wirkung. Wenn man sie in Verbindung mit Sonnenlicht anfasst, drohen Verbrennungen zweiten Grades.

Bei Nacht ist sie dagegen ungefährlich. Aufgrund der toxischen Wirkung wird sie im Kaukasus auch „Stalins Rache“ genannt. Als ich mein Freiwilliges Ökologisches Jahr an der Biologischen Station in Bergkamen absolvierte, gehörte das Bärenklau-Rupfen zu unseren Pflichten. Neben der Gefahr, welcher von dieser Pflanze auf den Menschen ausgeht ist es aber vor allem die Tatsache, dass Neophyten oftmals einheimische Pflanzen verdrängen. Das ist nicht immer so, aber der Riesenbärenklau ist eben einer von diesen aggressiven Neophyten.

Irgendwo machte ich Rast, stellte meinen Hocker auf und setzte mich hin – verschwitzt, mit von der Reparatur dreckigen Händen, kaute auf einem der beiden Fische rum und zündete mir schlussendlich eine Zigarette an. Wie ein echter Russe, dachte ich zugegebenerweise sehr stereotypisch und musste unwillkürlich lachen. Diese Momente sind es wohl, wofür du so eine Reise machst.

Diese Geschichten sind es, mit welchen du in vielen Jahren noch dich und andere zum Lachen bringen wirst. Schließlich ist es diese Freiheit, wonach du strebst. Du sitzt da irgendwo im russischen Wald am Straßenrand und wie geht es weiter? – Keine Ahnung, aber ist ja auch nicht wichtig. Du hast ja Zeit und die besten Momente im Leben sind die, in denen du nicht darüber nachdenkst, was danach sein wird, sondern einzig und allein das Hier und Jetzt zählt.

Der Weg verging wie im Flug. Plötzlich war ich auch schon in Pskow. Leider musste ich auf der Reise vermehrt bereits feststellen, dass an Tankstellen nicht selbstverständlich Kompressoren vorhanden sind. So war es auch hier. „Fahren Sie zur nächsten. Vielleicht haben die einen.“ Irgendeine nächste Tanke hatte dann auch irgendwann endlich einen. – Klar, denn sie war von Gasprom Neft und Gasprom ist reich und mächtig. Ein Kompressor ist da das Mindeste.

Komisch: Mir kam es auf der einen Seite so vor, als wäre ich schon Ewigkeiten unterwegs – zwei Reifenpannen, der Grenzübergang, das Teetrinken mit den beiden Arbeitern und einige Kilometer Strecke. Auf der anderen Seite sah der Himmel allenfalls nach frühem Abend aus, als ich in Pskow ankam. Wie ich später feststellte, waren das bereits die Weißen Nächte. In Pskow sind sie nicht so extrem wie in St. Petersburg, jedoch setzt die Dämmerung erst nach Mitternacht ein.

Pskow ist eine der ältesten russischen Städte. Bereits im neunten Jahrhundert nach Christi soll es hier hölzerne Behausungen gegeben haben. Die erste Erwähnung als Stadt findet sich aus dem Jahr 903, als der Fürst Iwan Rurikowitsch (der Sohn des Fürsten Rurik) eine gewisse Olga „aus Pskow“ zur Frau nahm. Diese war, nachdem ihr Mann verstorben war, die erste Herrscherin der Ruß, welche die christliche Religion annahm. Die Ruß selber wurde erst gut 30 Jahre später christianisiert. Olga war auch gleichzeitig die erste russische Heilige und wird von den Pskowern als Schutzpatronin verehrt.

Blick auf den Kreml von Pskow
Blick über die Welikaja auf den Kreml von Pskow

Im Großen Vaterländischen Krieg befand sich die Stadt mehr als drei Jahre (vom 9. Juli 1941 bis zum 23. Juli 1944) unter deutscher Besatzung. Als die Rote Armee die Stadt schlussendlich befreite, waren 94 Prozent des Wohnraumes zerstört. Im Jahre 2009 bekam die Stadt per Präsidentenukas den Titel „Stadt der militärischen Ehre“. Man findet in Pskow selbst Plakate mit alten Herren in schwer dekorierten Uniformen, auf denen steht: „Pskows Stolz: die Pskower“.

Überhaupt sind in Russland so Worte wie „Stolz“, „Ehre“ oder „Vaterland“ nach wie vor sehr verbreitet. In Deutschland haben diese aufgrund der Geschichte bekanntlich ein negatives, gestriges, reaktionäres Image.

Der Kosmopolitismus oder generell jegliche Identifikationsmuster, welche jenseits des nationalstaatlichen Paradigmas aufgestellt sind, haben in Russland dagegen noch eine eher kleine Lobby. Es handelt sich dabei fast ausschließlich um junge Leute aus der sich langsam entwickelnden städtischen Mittelschicht, die über ein gewisses Bildungsniveau verfügen. Der Staat und große Teile der Gesellschaft verhalten sich demgegenüber ablehnend und allzu oft aggressiv. Wer nicht dem Hurra-Patriotismus fröhnt, steht schnell als Feind da.

Ich hatte geplant, in Pskow drei Nächte zu bleiben – nach Möglichkeit eine Nacht in einem Hostel, einer Pension oder einem günstigen Hotel, um mal wieder ordentlich duschen zu gehen. Ein Bett mit Matratze war kein Beweggrund, denn ich schlafe sehr gut auf hartem Untergrund, solange der Kopf weich und erhöht gebettet ist. Mein Zelt war auf dieser Reise schon ein richtiges Zuhause geworden. Auch in dieser Nacht sollte es wieder zum Einsatz kommen.

Ich fuhr an Plattenbauten entlang in die Innenstadt. Eine Brücke führt über die Welikaja, den Fluss, welcher durch Pskow fließt. Zur Linken erschien der Kreml von Pskow. Das Wort Kreml ist aus Moskau bekannt. Er stellt das geographische Machtzentrum des Landes dar. Ein Kreml ist eine Festung, allerdings werden nur die wenigsten Festungen als „Kreml“ bezeichnet, zu welchen diejenigen in Moskau, Nowgorod, Kasan und Pskow zählen. Eigentlich ist krepost’ das russische Wort für Festung.

Während links von der Brücke am Ostufer der Welikaja der Kreml liegt und rechts eher unscheinbare Bauten, führt die Straße direkt auf ein Lenindenkmal zu. Ich schob das Rad umher, ging zum Lenin, zum Kreml und orientierte mich ein wenig. Überall schlenderten Leute umher und genossen den lauen Abend -, oder eigentlich, wie mir zu dem Zeitpunkt noch nicht bewusst war, die Nacht. Schlussendlich entschied ich mich, wieder auf das westliche Ufer zu gehen und mich am Strand niederzulassen.

Dort saß ich eine Weile, bis eine unweit sitzende Gruppe dreier Männer auf mich aufmerksam wurde und mich zu sich winkte.
Einer von ihnen war etwa in meinem Alter, der Zweite wohl in seinen Vierzigern, während der Älteste schätzungsweise Mitte oder Ende fünfzig war. So genau konnte ich das nicht sagen. Er war einer von den vielen hierzulande, die in fortgeschrittenen Jahren älter aussehen als sie sind. Das hat verschiedene Gründe, von denen vor Allem harte Arbeit, schlechte medizinische Versorgung und natürlich der Alkohol zu nennen sind. Auf jeden Fall hieß er Mitja, was von Dmitri abgeleitet ist.

Was Mitja faselte, war mir zum Großteil unverständlich, was wohl drei Gründe hatte: Erstens war er betrunken und lallte, zweitens sprach er einen ziemlichen Slang und drittens hatte er nur wenige Zähne. Ich kristallisierte aber bald heraus, dass er mich anschimpfte, weil ich ein Deutscher bin. Er gehörte zu derjenigen Generation, welche nach dem Krieg geboren und von Kindesbeinen an mit sowjetischer Propaganda sowie den Geschichten der Eltern über die Verwerfungen der Deutschen in seinem Weltbild eingestellt worden war. „Wir mögen solche wie dich hier nicht“, sagte er und: „Wir haben Atombomben. Wir ficken euch!“

Aber jetzt mal ehrlich: Ist es etwa meine Schuld, was diese Leute hier angerichtet haben? – Mitja war es egal. Wenn er in seinem Kopf überhaupt irgendwelche logischen Argumentationen und Schlussfolgerungen kreieren kann, dann gehen die wohl in die Richtung, dass man als Deutscher schlichtweg eine Erbsünde in sich trägt oder so ähnlich. Allerdings machte er nicht den Eindruck, als könne er das. Mir erschien er einfach nur hohl.

Die anderen beiden entschuldigten ihn damit, dass er eben durch die Propaganda geprägt und zudem sehr betrunken sei. Sie waren nett und mit ihnen konnte ich ein sinnvolles Gespräch führen. Den dummen Alten wiesen sie hin und wieder darauf hin, kein Hooligan zu sein, wenn er mich mal wieder anfeindete. Im Russischen gibt es dafür ein eigenständiges Verb: „huliganit’“ – ein Hooligan sein, sich wie ein Hooligan benehmen. So sagten sie zu ihm, wenn es gerade wieder nötig war: „Ne huligani!“ – „Benimm dich nicht wie ein Hooligan!“

Der Abend schien sich ewig hinzuziehen. Ein Blick auf die Uhr verriet, dass es bereits nach Mitternacht war. Ich war verblüfft, denn ich hatte die Reise zwar zeitig so gelegt, dass ich zu den Weißen Nächten in St. Petersburg ankommen würde, war mir dabei aber nicht bewusst, dass sie hier auch schon zu erleben sein würden. Die Zeitumstellung bei der Einreise nach Russland verstärkte den Kontrast zwischen Nächten und Weißen Nächten.

Irgendwann verabschiedeten sich die drei. Mitja torkelte zunächst zu einem Gebüsch, um dort zu urinieren. Während er wiederkam, war er noch dabei, alles wieder in seinem bollerigen Opa-Schlüpfer zu verstauen. Er wandte sich mir zu und sagte: „Ich entschuldige mich“, relativierte diese Aussage jedoch wieder, gab mir die Hand in der Weise, wie man es beim Armdrücken macht und drückte mit aller Kraft. „Da kannst du mal sehen, wie stark wir Russen sind“, protzte er dabei. Dann zogen die drei ab. Nachdenklich blieb ich am Ufer der Welikaja sitzen.

Es dämmerte endlich und ich war müde. Das Zelt stellte ich einfach mehr oder weniger an der Stelle auf, wo ich saß. In Deutschland kannst du nicht einfach irgendwo campen, da es verboten ist. Wenn du es doch tun willst, versteckst du dich irgendwo im Wald, um nicht gesehen zu werden und womöglich eine Strafe aufgebrummt zu bekommen. In Russland aber interessiert es kein Schwein, wenn du irgendwo zeltest. Soweit ich weiß ist es nicht verboten, aber selbst wenn es so sein sollte, wäre es kein Drama.

Ich schlief recht gut, aber kurz, denn schon vor acht Uhr war es zu hell und warm im Zelt, dass an Weiterschlafen nicht zu denken war. Ich kroch nach draußen und sah in etwa drei Metern Entfernung vom Zelt einen nach Junkie aussehenden jungen Mann in kauernder Haltung hocken. Sein Kopf wog dabei derart hin und her, dass offenbar wurde wie sein Zustand zwischen Delirium, Halbschlaf und Schlaf lavierte, wie etwa am Meer Ebbe und Flut. Unausgeschlafen packte ich meine sieben Sachen zusammen und ließ den Intoxinierten zurück.

Ich war schlecht informiert. Früher musste ein Ausländer, der sich mit einem Visum in Russland aufhält, nach spätestens drei Werktagen entweder bei der Miliz (nun Polizei), der Post oder einer ähnlichen Behörde registrieren lassen. Erst vor kurzem hatten sie diese Frist auf sieben Werktage heraufgesetzt, was mir bis dato unbekannt war. Die Registrierung war der eine Grund, weshalb ich ein Hotel oder ähnliches aufsuchen wollte. Eine ordentliche Dusche sowie die Möglichkeit, meine Kleidung mal wieder richtig waschen zu können, war der zweite.

Ich suchte zunächst ein Internetcafé auf. Es war gleichzeitig eine Bar, recht verschachtelt und dunkel. Ich schrieb Adressen von Hotels auf und schaute auf Karten, wo sich diese befinden, um eine ungefähre Vorstellung zu haben. Ein Mann, der wohl so in seinen Dreißigern war, keinen ungepflegten Eindruck machte, aber anscheinend die ganze Nacht über hier verbracht hatte, beugte sich mit starker Alkoholfahne über mich und fragte mich aus, was ich da denn machen würde. Ich erzählte ihm frei heraus, dass ich auf der Suche nach einem günstigen Hotel war. „Ich kann dir eins zeigen. Komm!“, sagte er. „Super, ich muss nur noch kurz was regeln hier“, entgegnete ich. „Ist gut“, sagte er, kam aber dauernd wieder und drängte darauf, loszugehen.

Pskow am Morgen
Pskow am frühen Morgen

Schlussendlich ging ich mit ihm mit. Wir gingen durch die Gegend und irgendwann stellte ich die Frage, wie weit es denn noch zu dem Hotel sei. – „Was für ein Hotel?“, fragte er, „Ich kenne kein Hotel.“ „Aber du hast doch gesagt, dass du mir eins zeigen kannst“, sagte ich völlig verwirrt. – „Nein, da weiß ich nichts von. Das musst du falsch verstanden haben. Dein Hotel musst du schon alleine suchen“ Auf meine Frage, weshalb wir beiden jetzt gerade hier zusammen unterwegs sind, antwortete er schulterzuckend: „Weiß ich nicht.“ Genervt und frustriert bedankte ich mich bei ihm für seine überaus große Hilfe, verabschiedete mich und ging.

Es war morgens früh und ich hatte schon den Kaffee auf. Überall diese fertigen Kerle, mit denen man nicht vernünftig reden kann. So viele kaputte Existenzen eierten hier durch die Gegend, vom Alkohol und was weiß ich noch allem zerstört. Ich kannte Russland vorher bereits, aber diese Reise auf dem Fahrrad ließ mich tiefer in diese Realität eintauchen als je zuvor. So hatte ich es gewollt und so hatte ich es auch bekommen.

Es ist nicht so, dass hier alle nur besoffen und geistig umnachtet sind, aber der Anteil derer, die es sind, ist hoch. Ich hatte sie bereits bei vorhergegangenen Reisen morgens an Kiosken stehen sehen, nur hatte ich mit ihnen nicht so viel zu tun gehabt. Ich war damals einer von vielen Vorbeigehenden gewesen, unscheinbar und unbemerkt. Jetzt mit dem Fahrrad und der Ausrüstung war es etwas anderes. Ich erregte ein gewisses Aufsehen und Interesse, denn so etwas war ungewöhnlich. Sie erkannten mich gleich als Ausländer, da mein Erscheinen und Verhalten so offensichtlich unrussisch war, geradezu unmenschlich, außerirdisch. Ich war ein Alien.

Ich nahm mein Schicksal selbst in die Hand und suchte eines der im Internet ausgemachten Hotels auf. Die Dame an der Rezeption sagte sogleich, dass sie kein freies Zimmer mehr für mich habe und es auch unwahrscheinlich sei, in der Stadt an gerade dem heutigen Tag eines zu finden, denn morgen sei ja schließlich der Tag Russlands, ein wichtiger patriotischer Feiertag.

– Ach ja, da war ja was, dachte ich. Noch so ein Umstand, der mir zeigte, wie schlecht ich in mancher Hinsicht vorbereitet war. Die Frau war aber sehr hilfsbereit und gab mir den Tipp, dass außerhalb von Pskow am See von Pskow gelegen eine hotelartige Freizeitanlage sei, die sicher noch etwas frei habe. Sie rief dort an, sagte was Sache ist und übergab mir den Hörer. Eine freundliche Frauenstimme nannte mir die Konditionen, mit denen ich einverstanden war, wies mich aber darauf hin, dass die Anlage sich 30 Kilometer außerhalb von Pskow befinde und das mit dem Fahrrad ja doch sehr weit sei. „Naja, ich bin schon aus Berlin hierher gefahren. Da sind 30 Kilometer nicht allzu viel für mich“, erwiderte ich ihr lachend, worauf auch der mir gegenüberstehenden Rezeptionistin ein Schmunzeln entfleuchte. – „Na gut, dann kommen sie vorbei!“, sagte die Frau am anderen Ende.

Der Weg führte mich zunächst einige Kilometer zurück auf der Straße, über welche ich am Tage zuvor gekommen war. Dann musste ich rechts abbiegen und einer weiteren asphaltierten Straße folgen.

Bald kam ich an dem Feriendorf an, welches aus lauter Holzhäusern bestehend in einem Kiefernwald lag. Es war eingezäunt, wie alles in Russland, wo man nicht gestört werden möchte. An der Rezeption brauchte ich gar nichts mehr sagen. Sie hatten bereits auf mich gewartet. Freundlich wurde mir mein Zimmer gezeigt, in dem auch ein Fernsehgerät vorhanden war, dass ich nutzte. Ich selbst besitze seit Jahren keinen Fernseher und will es auch nicht, aber wo schon einer da war und ich sonst nichts zu tun hatte, schaute ich ein wenig und hielt zwischendurch ein Nickerchen.

Am Abend saß ich am See von Pskow, welcher dalag wie eine Lagune. Über ihm hingen gewittrige Wolken, wobei in der darauffolgenden Nacht keinerlei Gewitter stattfand. Da ich kein Geld zum Einkehren im Restaurant hatte, war ich erneut mit meinem Esbit-Kocher zugange. Wieder gab es Instant-Hühnchen-Suppe, Brot, Dosenfisch etc. Über die Wiese am Ufer flanierten Ehepaare mittleren Alters, die wie auch ich im Dorf residierten. Sie waren in typischer Weise für die neue russische Mittelschicht gewählt gekleidet. So eingehüllt könnte man auch auf einen Ball gehen, ohne dabei unangenehm aufzufallen – jedenfalls nach meinem laienhaften Verständnis.

Eine Frau wünschte mir im Vorbeigehen einen guten Appetit. Natürlich war ich mit meinem Kocher ein Exot, aber es störte sich niemand daran und es schien auch nicht sonderlich aufzufallen. Die Besoffenen da draußen, so dachte ich, hätten schon längst wieder Witterung aufgenommen.

Ich ging zurück in mein Zimmer, schaute einen russischen Spielfilm, der „Weißer Rabe“ hieß und machte dann das, wozu Peter Lustig immer am Ende seiner Sendung aufforderte: Abschalten.

Die gut gekleidete Gesellschaft im Dorf hatte offenbar eine Party am Laufen, denn es lief Musik. Unter anderem spielten sie „The Show Must Go On“ von Queen – seltsam, denn ich hatte mich trotz meiner sehr ausgeprägten Neigung zu unterschiedlichsten Spielarten der Rockmusik nie für Queen interessiert und so hatte ich diesen Song tatsächlich erst vor kurzem kennengelernt. Dabei hatte er schnell sogar eine gewisse emotionale Bedeutung für mich bekommen. Tut mir leid, wenn ich das so sagen muss, aber irgendwie waren mir Queen stets zu verspielt und albern. Dazu hatte ich nie Verständnis für Freddie Mercury’s Bartfrisur. Wie sangen noch die Ärzte in ihrem Song Vokuhila Superstar: „[…] Und ganz besonders der beliebte Oberlippenbart | Ist ein Gigant der Widerwart […]“.

– Haha, ja, aber das war wohl der Geist der Zeit damals und es gibt auch einige Interpreten, die genau so rumrannten, denen ich das nie übel nahm und deren Musik ich stets liebte und bis heute liebe. Also vergessen wir das. – Wie auch immer: Ich hatte diesen Song dadurch kennengelernt, dass mein Nachbar im Wohnheim dessen Anfang als Weckerton hatte. Er musste morgens stets raus und der Titel war da Programm. Ich hörte es oft, denn mein Gemütszustand in dieser Zeit war prekär und ich schlief schlecht. So ging es über Wochen, dass ich regelmäßig diesen Weckruf mitbekam und der Song wird mich stets auch daran erinnern. Mittlerweile höre ich ihn sehr gerne und er läuft auch jetzt gerade in diesem Moment, wo ich diese Zeilen niederschreibe. Eigentlich höre ich beim Schreiben so gut wie nie Musik, es sei denn ein gewisser Song spielt dabei gerade eine Rolle.

Das Frühstücksbuffet war reichhaltig – ganz mein Geschmack. Nach dem Auschecken, setzte ich mich mit Sack und Pack wieder auf das Rad und heitzte zurück nach Pskow. Die Fahrt verging wie im Flug. Da die komfortable Nacht zwar nicht übermäßig teuer, aber auch nicht ganz billig war, hatte ich kaum noch Bargeld. Deshalb ging ich zu einem Geldautomaten der Sberbank, sozusagen die russische Sparkasse, welche überall vertreten ist.

Dass ich da Servicegebühren zahlen müsse, war mir klar, allerdings war ich nicht darauf vorbereitet, dass der Automat mir plötzlich sagen würde, die Transaktion sei nicht möglich. – Ok, dann ging ich halt zu einem anderen Automaten. Aber der sagte mir das Gleiche. Was war da los? Noch ein weiterer Automat gab mir kein Geld. Jetzt hatte ich ein Problem. Mit den paar Rubeln hätte ich es auch nicht bis nach St. Petersburg geschafft. Der Blick auf die Karte zeigte, dass es noch 286 Kilometer waren. Was hätte ich essen sollen? Ich hatte keinerlei Vorräte mehr und das Geld hätte mich noch nicht einmal einen halben Tag ernährt. Bei dem Getrampel sowieso nicht. Was also tun? An wen sich wenden?

Da kam mir eine Idee: Dein Freund und Helfer, dachte ich. Also frug ich mich nach der nächsten Polizeistation durch. Wir schrieben das Jahr 2011 und zum Jahreswechsel ward die sowjetische Bezeichnung „Miliz“ wieder durch „Polizei“ ersetzt worden. Das gehörte zu Präsident Medwedjews Reformplan. Ein russischer Witz handelt davon: Was hat sich unter Medwedjew geändert? – Aus „Miliz“ wurde „Polizei“. – Soll heißen: Nichts.

Ich kam in die Vorhalle hinein, wo in einem Glaskasten ein Beamter saß. Ich trug ihm mein Problem vor. Da lachte er und sagte: „Und jetzt willst du, dass wir dir Geld geben oder was?“ – „Nein“, antwortete ich, „aber vielleicht können sie mir irgendwie weiterhelfen.“ Sowas war ihm offenbar noch nie wiederfahren. Er nahm den Telefonhörer in die Hand und rief jemanden an, wahrscheinlich einen Vorgesetzten: „Ein deutscher Staatsbürger hat ein Problem…“ Der sagte ihm offenbar, dass er nach weiteren Geldautomaten googlen sollte, denn das tat er noch mit dem Hörer am Ohr. Erschwerend hinzu kam ja, dass heute der Tag Russlands war, ein Feiertag also. Ich konnte in keine Bank hinein um mit jemandem zu reden. Supermärkte sind in Russland immer auf, auch an Sonn- und Feiertagen. Bei Banken verhält es sich aber so wie in Deutschland auch.

Der Polizist zeigte mir auf der Karte einen weiteren Bankautomaten. Ich dankte, auch wenn ich merkte, dass er mich eigentlich nur schnell loswerden wollte. Der Automat, zu dem er mich geschickt hatte, gab mir die gleiche Antwort wie alle anderen zuvor. Ich setzte mich auf den Bordstein einer Nebenstraße um nachzudenken. Es kam mir nichts in den Sinn, und da saß ich und nichts passierte.

Irgendwann bekam ich die Hummeln, wie man so schön sagt. Ich stand auf und setzte mich in Bewegung. Irgendwas musste geschehen. So rannte ich mit Fahrrad und allem Gedöns durch Pskow. Ich war nicht weit gekommen, als ich einen weiteren Geldautomaten fand. Er gehörte zur Landwirtschaftsbank. Anstandslos gab er mir Geld. Ich war gerettet! Dazu zeigte mir das Display auch noch folgende Erklärung an: „Für diese Transaktion werden keine Gebühren berechnet.“ – Halleluja!

So ging ich mit meinen neu erworbenen Scheinen in den nächsten Supermarkt und kaufte ein. Anscheinend war ich ziemlich durch den Wind, denn während ich an der Kasse zwar das Wechselgeld in Empfang nahm, ging ich los ohne meine Waren mitzunehmen. „Hat der junge Mann nicht etwas vergessen?“, fragte die Kassiererin. – Ach ja…

Der Tag Russlands, der 12. Juni, erinnert an die Souveränitätserklärung der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) am 12. Juni 1990. Bei der Begehung der Feierlichkeiten spielt das Militär natürlich eine große Rolle und so zogen ganze Abteilungen junger Kadetten durch die Straßen und über die Brücken der Stadt.

Irgendwann saß ich wieder an der Stelle, wo ich in der vorletzten Nacht gezeltet hatte. Erst kam eine Gruppe von Jungen im Alter von etwa zwölf Jahren zu mir. Auch sie löcherten mich mit Fragen über meine Tour und überhaupt. Irgendwann stellte mir einer die Frage, die mich ob meiner Kenntnisse über dieses Land, in welchem ich mich befand, alles andere als verwunderte: „Und was sagen Sie dazu, dass Ihr den Krieg verloren habt?“ – „Weißt du“, sagte ich, „zunächst einmal war ich ja gar nicht dabei, also habe ich selbst ihn weder gewonnen noch verloren noch sonst irgendwas. Aber eigentlich haben wir doch alle Nutzen daraus gezogen, dass es so ausgegangen ist. Ich würde nicht unter der Naziherrschaft leben wollen. Also habe ich doch gewonnen.“ Er stimmte mir zu und fügte hinzu: „Hitler war ein böser Mensch, so wie auch Stalin…und Lenin auch.“

Später gesellten sich andere Leute zu mir. Einer davon, ein leicht asiatisch anmutender Typ, war höchstens so alt wie ich und hieß Stas. Fallschirmjäger sei er. Auf meine Frage, wie ihm das gefalle, antwortete er, dass das super sei. „Weißt du, früher habe ich nur herumgelungert und gesoffen. Jetzt habe ich eine Aufgabe. Das ist gut so.“ Wir sprachen in kumpeligem Ton miteinander.

Es schwirrten auch einige Frauen um uns herum. Als Stas und die Anderen abzogen, blieb ich mit zweien von ihnen allein. Sie hießen Ljuba und Vera. Irgendwann machten wir uns auf Bier von einem Kiosk zu holen, denn natürlich wurde wieder getrunken, wenn auch nicht übermäßig. Irgendwie war die Nacht dunkler als die erste in Pskow, was sicherlich an der zunehmenden Bewölkung lag.

Auf dem Weg zum Kiosk, der etwas abgelegen war, passierte es dann: Vera knickte um und schlug mit dem Knie auf den Asfalt. Es blutete ordentlich und sie fing an zu weinen wie ein Kind. Nun kam zum ersten und einzigen mal auf meiner Tour das Erste-Hilfe-Paket zum Einsatz. Wir treufelten Desinfektionslösung in die Wunde, klebten ein Pflaster drauf und so wie ein Kind anfängt zu heulen, wenn es sich das Knie aufschlägt, so hört es auch wieder auf, sobald das Pflaster aufgeklebt wurde.

In Erste-Hilfe-Kursen sagen sie immer, dass es nicht immer wichtig ist, etwas zu tun, was sinnvoll ist. Das Wichtige ist, dass man überhaupt etwas tut, damit der Verunfallte sich beruhigt. Placebo-Effekt ist das Stichwort. Pflaster bringen Kinder zur Ruhe und so funktionierte es auch bei Vera. Wir gingen weiter und kauften unser Bier. Nachdem wir dies geleert hatten, verabschiedeten wir uns voneinander und ich stellte mein Zelt unweit auf.

Kurz nachdem ich mich ins Zelt gelegt hatte, hörte ich, wie sich ein Pärchen näherte. Plötzlich stieß das Mädchen mit tussihafter Hysterie und quietschender Stimme aus: „Schau mal, da steht ein Zelt. Wie kommt das denn?…“ – „Da ruht sich halt einer aus. Was ist los mit dir?“, erwiderte der Junge gelangweilt mit der für russische Jungs typischen ignoranten Gelassenheit in tief-monotoner Stimme.

Bald schlief ich ein. Ich fühlte mich in keinster Weise unsicher. In Deutschland verkrieche ich mich stets in die entlegensten Winkel, am besten in dunkle Fichtenschonungen, in denen mein ohnehin grünes Zelt durch tiefhängende Zweige von allen Seiten her gegen mögliche Blicke abgeschirmt ist. Wildes Camping ist ja nun einmal verboten und es ist stets zu fürchten, dass Zuwiderhandlungen im Falle einer Entdeckung auch mit deutscher Akkuratesse geahndet würden. Das Verbot hat auch nachvollziehbare Gründe: Viele achten nicht darauf, keine Pflanzen zu beschädigen oder keinen Müll zu hinterlassen. Wenn in einem dicht besiedelten Land wie Deutschland alle wild campen würden und sich dabei benähmen wie viele sich nun leider benehmen, dann hätte die Natur sicherlich das Nachsehen. Ich achte stets darauf, keine Spuren zu hinterlassen und bilde mir ein, dies auch ganz gut zu managen. Das ist der Grund, weshalb ich dieses Verbot befürworte, es dabei selbst zuweilen breche und darin keinen Widerspruch sehe. Man mag mich dafür schelten.

In einer Stadt würde ich überhaupt nicht campen – weder offensichtlich, da ich die Ordnungshüter fürchte, noch versteckt, da ich hier immer die Sorge habe, es mit zwielichtigen Gestalten zu tun zu bekommen. Das alles gilt für Deutschland. In Russland brauchte ich zumindest die Ordnungshüter nicht zu fürchten, da sie sich um ein Zelt am Ufer der Welikaja nicht scherten. Also suchte ich mir dezidiert offensichtliche Stellen aus, da ich mir einbildete, hier am sichersten vor üblen Gestalten zu sein. Bisher wurde ich noch nicht eines Besseren belehrt.

Auch diese Nacht war ruhig. Es war bewölkt, als ich aus meinem Zelt kroch. Eine ruhige und friedliche Atmosphäre erfüllte den kühlen Sommermorgen und wurde auch nicht dadurch beeinträchtigt, als am gegenüberliegenden Ufer etwas weiter flussabwärts ein Glockenturm begann, in einem fordernden, geradezu rockig anmutenden 4/4-Takt zu läuten. Es untermalte die Aufbruchstimmung, in der ich mich befand.

Straße durch den russischen Wald
Straße in Russland

Es war bedeckt und irgendwie lag Regen in der Luft – zum ersten Mal seit dem Schauer am zweiten Tag der Reise, wenn man von den wenigen Tropfen des vorbeiziehenden Gewitters in Litauen einmal absieht. Noch hielt es sich aber und ich gab Stoff, um möglichst viel Strecke zu machen, bevor ich nass würde. Auf dem Weg lieferte ich mir dauernd Rennen mit irgendwelchen braunen Käfern (Waren es Junikäfer? – Ich weiß es nicht), die mir folgten und meinen behelmten Kopf anvisierten. Sie attackierten mich geradezu. Was sollte das?

Nachdem es einige Zeit lang so gut voran ging, machte es erneut „Paff!“ und wieder saß ich binnen Bruchteilen von Sekunden auf der Felge. Scheiße, dachte ich. Ich hatte den Mantel doch mit einem alten Schlauch ausgelegt und das hatte lange gut funktioniert. Aber mit Argumenten brauchte ich dem Reifen nicht kommen. Er blieb wie er war. Also erneut Fahrrad auf den Kopf gestellt, Rad ab, Reifen raus, Loch gefunden, Schlauch geflickt, Mantel noch besser ausgelegt und alles wieder zusammengebaut und aufgepumpt. So fuhr ich keine zwei Kilometer, bis es erneut „Paff!“ machte. – Langsam war ich genervt.

Ich stand ratlos da, als die ersten Regentropfen vom Himmel fielen. Der Regen konnte mir nichts anhaben, denn ich hatte einen Poncho. Außerdem war es warm und durch die wiederum verdunstende Feuchtigkeit entstand ein regelrechtes Waschküchenklima. Meine technischen Probleme aber bereiteten mir Kopfzerbrechen. Auch die Bremsen zeigten seit der russischen Grenze deutliche Verschleißerscheinungen. Aufgrund mangelnder Ersatzteile und sehr basal gehaltener Werkzeugausrüstung hatte ich sie nur notdürftig repariert, ja teilweise umgebaut. Die Funktion war stark eingeschränkt und mein Bremsweg daher deutlich länger geworden. In der russischen Ebene war das kein Problem, solange ich vorsichtig und vorausschauend fuhr. Eine Bergetappe hätte ich damit keinesfalls fahren können, aber hier war ich auf einer flach verlaufenden Vorfahrtstraße und rechts und links war meistens nichts als Wald.

Langsam hatte ich mich auch an die LKWs gewöhnt, die mit gefühlt etwa 30 Zentimeter Abstand an mir vorüberfuhren. Ich hätte ihnen entgehen können, aber der in großzügiger Breite angelegte Seitenstreifen war aus grobem Schotter, sodass die Fahrt zum Martyrium wurde. Mit dem Reifen wäre ich hier ohnehin noch weniger vorangekommen.

Wie sollte es also weitergehen? Ich schob mal wieder, blieb an einer Stelle stehen und überlegte, ob ich hier nicht lagern sollte. Allerdings war der Untergrund schotterig und ich hatte ja keine Matratze. Außerdem musste ich ja weiter. Was wollte ich überhaupt hier im Zelt herumhängen? Also schob ich weiter durch den leichten Sommerregen.

Nach wenigen Kilometern kam ich in ein Dorf namens Majakowo. Es bat sich das typische Bild: Vor einem Tante-Emma-Laden standen Männer und tranken Alkohol. Wodka war nicht zu sehen, wohl aber Bier in den an früherer Stelle bereits erwähnten großen PET-Flaschen. Ich ging direkt auf sie zu und fragte nach einem Kompressor. „Ja“, sagte einer, der sich hinterher als Sergej vorstellte, „ich habe einen im Auto.“ Es war eines von drei oder vier Autos, welche vor dem Laden geparkt standen. Ich dankte und erklärte, dass ich aber zunächst das Loch finden und flicken müsse. In einigen Metern Entfernung zu den Versammelten ließ ich mich mit meinem Patienten zur Behandlung nieder.

Majakowo liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem Ort namens Komarino. Komar ist das russische Wort für Mücke. Der Name ist nicht zufällig gewählt, denn die Mücken treten hier in einer derartigen Vielzahl und Penetranz auf, dass es mir unmöglich war, mit dem Reifenflicken spürbar weiterzukommen. Kaum hatte ich einen Handgriff getätigt, schon musste ich wieder nach den Mücken schlagen. Ich hatte es dann doch zumindest geschafft, den Mantel abzunehmen, als ein anderer, der sich als Dimon vorstellte, seine Hilfe anbot. Solange ich ein Loch im Mantel hatte, waren Probleme vorprogrammiert und er sagte, er habe noch einen Mantel zu Hause und wir könnten nachsehen, ob er die richtige Größe hat.

Sein Haus war nicht weit weg und auch er hatte sein Auto vor dem Laden stehen. So setzten wir uns in den Wagen, bogen links in Petersburger Richtung auf die Straße, um etwa 200 Meter weiter rechts in einen Feldweg einzubiegen, welcher zu seinem Haus führte. Plötzlich hörte ich dieses Geräusch, ein kurzes und aggressives Tuten, so ein „Nöt!“. Und nochmal. Dimon fing an zu fluchen: „Bljad’!…“ Es ging alles sehr schnell. Ich wusste zunächst nicht was los war, bis ich in den Rückspiegel schaute: Die Miliz war hinter uns. Wir hielten an. Dimon stieg aus und setzte sich mit den Beamten auseinander.

Erst jetzt kam mir eine Idee, weshalb sie ihn angehalten hatten: Alkohol am Steuer. Sie nahmen ihn mit. Jetzt saß ich da in seinem Auto und schlug Mücken tot. Eine Frau kam und fragte mich, was los sei. Ich war noch sehr perplex und rang nach Worten. – „Ach, sie können nicht so richtig Russisch.“ Ich protestierte nicht wirklich, obwohl ich mir immer einbildete es gut zu können. Auf jeden Fall erzählte ich ihr das, was sie sowieso schon wusste. „Jaja, klar, er hat gesoffen“, sagte sie und ging wieder zurück zu ihrem Haus.

Eine gute dreiviertel Stunde war Dimon bereits abwesend, als er endlich wiederkam. „Hast du Probleme?“, fragte ich. – „Ja, und keine kleinen“, sagte er, während er sich hinters Steuer setzte und die Zündung betätigte. Dass er einfach so weiterfuhr, wunderte mich doch sehr, aber dann war es halt so. Ich bekundete mein Bedauern über seine missliche Lage. Vor allem hatte ich ein schlechtes Gewissen, denn er war ja meinetwegen losgefahren. Er wollte mir helfen und dabei kannten wir uns ja nicht einmal. „Jetzt lass uns erstmal um dein Rad kümmern“, sagte er und wir fuhren den Weg entlang weiter zu seinem Haus.

Dimon wohnte, wie auf dem Dorf üblich, in einer Isba, einem typisch russischen Holzhaus. Er war in Majakowo aufgewachsen und hatte das Haus von seinen Eltern geerbt. Ich wollte nicht fragen, was mit seinen Eltern war, denn wahrscheinlich waren sie schon tot, sonst würden sie ja noch in dem Haus leben. Dabei war Dimon erst anfang dreißig.

Eigentlich hieß er Dmitrij. Im Russischen werden die traditionellen Namen in vielfältiger Weise zu Kosenamen und Verniedlichungen verändert. Dies geschieht auf eine Weise, welche ebenfalls Tradition hat. Dmitrij kann etwa zu Dima, Dimon oder Mitja abgewandelt werden. Der pöbelnde Alte in Pskow hieß ja auch Dmitrij. Während er aber bei seinen Bekannten Mitja hieß, war Dimon eben Dimon. Bei mir ist es so, dass ich von der siebten Klasse an Austi genannt wurde, was von meinem Nachnamen Austenfeld herrührt.

Als ich in der elften Klasse anfing Russisch zu lernen, wurde mir gesagt, dass die russische Verniedlichungsform von Alexander – meinem eigentlichen Vornamen – Sascha ist. Das S am Anfang wird dabei scharf ausgesprochen, nicht wie bei dem Namen, der im Deutschen als eigenständiger Name bekannt ist. Das war mir stets wichtig, denn der deutsche Name Sascha gefiel mir nie sonderlich gut. Außer Sascha kann man einen Alexander (oder im Russischen: Aleksandr) auch Sanja oder Saschok nennen.

Wenn einem diese Formen seltsam vorkommen, dann soll hier gesagt sein, dass es noch deutlich kurioser wird, denn ein weiterer Kosename für Aleksandr ist Schurik. Wenn jemand Schurik gerufen wird, dann wissen alle, deren Muttersprache Russisch ist, dass es sich um einen Aleksandr handelt. Das mag verwirrend und seltsam erscheinen, aber im Russischen ist das völlig selbstverständlich und normal.

Dimon verschwand in einem Schuppen, der links vor dem Haus stand. Er kam tatsächlich mit einem Mantel zurück und wir fuhren zurück zu dem Laden. Die anderen hatten natürlich mitbekommen, was in der Zwischenzeit geschehen war, beglückwünschten Dimon sarkastisch und kloppften ihm auf die Schulter. Der Mantel war zu klein für mein Rad. „Ach komm, Sascha, lass uns heute erst einmal saufen. Morgen regeln wir das“, sagte Dimon. Er sprach mir aus der Seele. Es war bereits abends. Es regnete zwar nicht mehr, jedoch bewirkte die starke Bewölkung, dass es doch langsam dämmerte und dunkelte.

Ich kaufte eine von den großen PET-Flaschen in dem Laden. Zwei junge Frauen von außerhalb hatten ihn vor wenigen Monaten eröffnet, wie mir erzählt wurde. Draußen hatten sich noch ein paar Männer eingefunden. Die Altersspanne reichte von gerade Volljährigen bis zu Mittfünfzigern. Auch für sie war es natürlich ungewöhnlich, einen Ausländer unter sich zu haben, vor allem einen, der mit dem Fahrrad angereist war. Sie fragten mich aus und ich erzählte die üblichen Details meines Unterfangens.

Irgendwie kam die Rede darauf, dass ich Deutscher war und wieder einmal wurde die Frage gestellt, was ich denn davon halte, dass „wir“ den Krieg verloren haben. Ich sagte einmal mehr, dass ich so nicht denke. Ein Mann, der mich bereits vorher misstrauisch beäugt hatte, erhob erregt das Wort: „Wozu haben die Euren die Unseren damals angegriffen? Ich wüsste nicht, warum ich die Euren lieben sollte!“

– Diese im Deutschen etwas seltsam anmutende Formulierung ist im Russischen üblich und ich habe diesen Satz bewusst wortwörtlich übersetzt, denn hier offenbart sich eine Denkweise, welche für das russische Denken charakteristisch ist: Die Welt wird eingeteilt in „Wir“ und „Die“, die „Unseren“ oder „Unsrigen“ und die „Anderen“, soll heißen: Russen und Nichtrussen.

„Ich kann Sie sehr gut verstehen“, wandte ich mich dem Mann zu, „aber ich bin fast 40 Jahre nach Kriegsende geboren. Selbst meine Eltern sind erst nach Beendigung des Krieges zur Welt gekommen. Was kann ich denn dafür? Die erdrückende Mehrheit der jüngeren Generationen heißt auch nicht gut, was damals geschehen ist.“ Ich hatte ihn wenig überzeugen können und er winkte ab.

Im Laufe der folgenden Wortwechsel in der Versammlung kam es dazu, dass ich meine persönliche Meinung äußern sollte. So wie ich es einschätzte war bis auf den einen Mann niemand negativ mir gegenüber eingestellt. Manche waren indifferent. Für sie war alles Schnee von gestern. Jedoch merkte ich allgemein ein deutliches Erstaunen über meine kritische Haltung.

Geradezu ungläubig schauten sie mich an. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass ich mich gegen die „Meinen“ stelle, sie kritisiere und anklage und nicht vielmehr revanchistisch eingestellt bin. In ihrer Denkweise müsste ich in meiner Heimat als Verräter gelten, denn als solche würden sie Leute in ihren eigenen Reihen ansehen, welche so denken. Dabei ist es auch völlig nebensächlich, ja: egal, ob die eigenen Leute im Recht sind oder nicht – es sind die eigenen Leute und denen darf man nicht in den Rücken fallen. Ein recht junger Anwesender, der sich bei diesem Disput ein wenig als eine Art Moderator ereifert hatte, sagte zu mir: „Du hast einen sehr interessanten Standpunkt. Ich würde gerne noch länger mit dir darüber reden, aber du solltest hier vorsichtig sein.“

Auch auf die Gefahr hin ausschweifend zu werden, möchte ich hier von einem Gespräch mit einem jungen Chinesen erzählen, welches ich wenige Monate zuvor geführt hatte. Dieser hatte mich damals allen Ernstes gefragt, wie ich denn Hitler fände. Als ich ihm sagte, dass ich für diesen Verbrecher nichts übrig habe, fiel ihm die Kinnlade herunter: „Wie? Aber du bist doch Deutscher!“, rief er. – „Na und?“ „Du musst Hitler doch gut finden!“ – „Warum?“ „Weil zu seiner Zeit Deutschland groß war.“

Ich erwähnte, dass in Hitlers Herrschaft viele unschuldige Menschen getötet wurden. Es schien keinen sonderlich großen Eindruck auf ihn zu machen. Da sagte ich: „Selbst wenn mir das Schicksal der Zugehörigen anderer Volksgruppen egal sein sollte (- was es nicht ist -), dann bedenke, dass auch die Deutschen nicht wenig darunter gelitten haben.“ Er sagte, ich würde das denken, weil es mir in den Medien so erzählt würde. Ich konnte dagegen halten, dass mir viele alte Leute einschließlich meiner eigenen Großeltern aus eigener Erfahrung von der damaligen Zeit berichtet hatten und nicht gerade begeistert waren. „Außerdem“, sagte ich, „erzähl du mir nicht, dass ich Hitler toll finden soll. Vergiss nicht, dass er ein Verbündeter Japans war und was die bei euch in China damals angerichtet haben…“ – „Ja“, sagte er, „und dafür wird es noch Rache geben.“ „Aber das ist doch schon so lange her, dass von den Schuldigen kaum noch einer da ist“, rief ich. „Willst du dich etwa an jüngeren Generationen für etwas rächen, was ganz Andere getan haben?“ – Es war zwecklos.

Dass dieser junge Mann ausgerechnet ein Student der Internationalen Beziehungen war, ausgestattet mit einem Stipendium der Kommunistischen Partei, macht mir Angst. Bei einem dummen Menschen wäre ich nicht verwundert gewesen. Bei solchen ist Schwarz-Weiß-Denken nicht ungewöhnlich, da es einfach ist. Er schien aber nicht dumm zu sein, nur dass er von Kindesbeinen an so programmiert wurde. Um die Massen in Schach zu halten, bedienen sich die undemokratischen Führungen solcher Weltbilder. Da wird von den „Unseren“ und den „Anderen“ erzählt und natürlich sind die „Unseren“ immer besser als die „Anderen“. Vor allem aber sind sie ständig von außen bedroht. Deshalb müssen sie vor allem stark sein und zusammenhalten. Dissenz wird schnell als Verrat gesehen. Überall in der Welt haben Herrscher, die nur allzu sehr ihre Macht liebten, dem Volk solche Denkschemata eingebläut. Sie hatten Angst ihre Macht zu verlieren und so mussten Sie Burgfrieden herstellen. Die Sowjetmacht und auch China sind hierfür Paradebeispiele.

Ich schlief bei Dimon. Die Inneneinrichtung seines Hauses erinnerte mich an Freilichtmuseen, wie ich sie schon in meiner Kindheit liebte. Er erzählte, dass er bald reisen werde. Im nächsten Jahr dürfe er endlich. „Wieso?“, fragte ich. – „Ich bin Geheimnisträger, denn ich war auf einem U-Boot. Ich darf acht Jahre nach Beendigung des Dienstes das Land nicht verlassen. Wie kommst du denn von St. Petersburg wieder nach Hause?“ „Ich fahre mit dem Zug nach Moskau, mache dann noch einen Abstecher nach Kasan und fliege dann von Moskau zurück.“ – „Und was machst du mit dem Fahrrad?“, fragte er. „Das verschenke ich in Petersburg an irgendwen.“ – „An irgendwen? Niemand bestimmten?“, hakte er nach. „Nein“, sagte ich. – „Dann schenk es doch mir. Ich wohne eigentlich in Petersburg und bin hier nur zu Besuch in meinem Heimatdorf.“

Ich hatte absolut nichts dagegen einzuwenden, ihm das Fahrrad zu schenken – im Gegenteil: ich fühlte mich ihm gegenüber in der Schuld und es gab mir ein gutes Gefühl das durch das Fahrrad ein wenig kompensieren zu können.

Er erzählte mir, er sei ein großer Fußballfan von Zenit St. Petersburg und gehe regelmäßig ins Stadion. Zu allem Überfluss sang er mir noch Fangesänge vor. Mit russischen Fußballfans assoziiere ich leider vor allem Hooligans, Neonazis und gewalttätige Ausschreitungen. Mich deprimiert es zudem, wenn ich mal ein Spiel im Fernsehen anschaue und diese leeren Stadien sehe, in denen außer leerer Tribünen lediglich eben solche Ultras anwesend zu sein scheinen: fette Glatzköpfe, die mit freiem Oberkörper und aggressiven Mienen lauthals was weiß ich was skandieren. Nun, Dimon war weder fett, noch hatte er eine Glatze. Außerdem schien er ein ganz lieber Kerl zu sein. Es war klar, dass er ein Alkoholproblem hatte – wie so viele hier.

Wir setzten uns ins Auto und fuhren zu einer Dame nach Hause. Diese ganzen Entfernungen innerhalb von Majakowo hätte man problemlos zu Fuß bestreiten können, aber für Dimon kam das anscheinend nicht infrage. Er hatte eine CD mit Songs über Zenit St. Petersburg im Auto, die er direkt einlegte. Unser Aufenthalt bei der Dame war wie ein Kaffeetrinken, nur dass es statt Kaffee Wodka gab.

Dimon schaffte es, mich zu einem einzigen Gläschen zu überreden. Es war noch vormittags, wohlgemerkt! Der Wodka war offensichtlich der Grund, weshalb wir hierher gekommen waren. Wir verabschiedeten uns schlussendlich und fuhren zu dem Laden, wo am Vortag alles angefangen hatte. Davor saßen am heutigen Morgen zwei Männer, die sich wohl in ihren Fünfzigern befanden und tranken Bier. Sie allerdings tranken es nicht aus den großen PET-Flaschen. Sie hatten anscheinend Stil. Natürlich kannte sie Dimon und umgekehrt, denn in so einem Kaff wie Majakowo kennt jeder jeden. Das ist in Russland nicht anders als in Deutschland auch.

Wir setzten uns zu ihnen. Es war eine dieser Kombinationen von zwei Bänken und einem Tisch, die in einem Trapez zusammengezimmert sind – die Bänke ohne Lehne, versteht sich, auf denen ich nie weiß, wohin mit meinem Rücken. Ich bin sicherlich nicht der Einzige, dem es so geht: Man setzt sich gerade hin, fällt mit der Zeit in sich zusammen, merkt, dass man krumm sitzt, da es unangenehm ist und man richtet sich auf. Nach einer Zeit findet man sich erneut wie ein Schluck Wasser in der Kurve sitzend wieder. So geht es unaufhörlich weiter. Vor allem für relativ große Menschen ist dies ein Problem. Die Tische sind einfach zu niedrig. Wenn du dich auf die Ellbogen lehnst, bist du automatisch krumm.

Einer der beiden Männer hatte sprichwörtliche Glasbausteine in seiner Brille und seine Augen sahen dabei so glupschig aus, dass mich der Anblick an diese albernen Sketche mit Diether Krebs in den Achzigern erinnerte. „So, aus Deutschland kommst du“, sagte er. „Ich war auch in Deutschland, als Soldat.“ – Er meinte natürlich die DDR. „Das war was in Deutschland. Da hatten sie tolle Straßen, viel besser als bei uns. Da habe ich nur geguckt“, schwärmte er und riss die Augen dabei soweit auf, dass sie durch die Gläser nahezu faustgroß wurden. – „Tatsächlich?“, fragte ich verblüfft. Das was ich von den Straßen in der DDR gehört hatte, stand in einem deutlichen Kontrast dazu. „Warst du auch in Deutschland?“, fragte er den anderen. – „Nein“, antwortete der. „Ich war in Afghanistan.“

Es wunderte mich doch sehr: Diese Männer wohnten im selben Dorf und sahen sich wahrscheinlich jeden Tag. Wie konnte es sein, dass da einer nicht wusste, wo der andere gedient hatte? War das nicht so wichtig? Worüber redeten sie miteinander? „Oh, in Afghanistan“, sagte ich. „Und wie war das da?“ – „Nicht direkt in Afghanistan“, sagte er, „aber an der Grenze zu Afghanistan. Ich war Fallschirmspringer in Armenien.“

Fragend schaute ich ihn an: „Aber Armenien hat gar keine Grenze zu Afghanistan.“ – „Doch!“, sagte er. „Nein!“, sagte ich, denn hinter Armenien kommt zunächst Aserbaidschan, dann das Kaspische Meer, dann kommt Turkmenistan und dann erst die Grenze zu Afghanistan. So genau hatte ich zwar damals die Gegend nicht auf dem Schirm, aber ich wusste zumindest, dass da auf jeden Fall das Kaspische Meer und noch mindestens eine zentralasiatische damalige Sowjetrepublik zwischen waren, eine Entfernung im vierstelligen Kilometerbereich! – Wie auch immer, er wollte mir nicht glauben. Ich fragte, ob denn jemand vielleicht eine Karte hätte – Fehlanzeige.

Er blieb dabei, dass er an der Grenze zu Afghanistan gedient habe. Ob er Afghanistan wohl mit Aserbaidschan verwechselte? Und warum sprach er direkt von Afghanistan, obwohl er anscheinend nie auf dem Territorium dieses Landes gestanden hatte? – Fragen über Fragen… Aserbaidschan und Armenien waren beide Sowjetrepubliken und die Grenze zwischen den beiden war dementsprechend keine wirkliche Grenze. Afghanistan dagegen war ein eigenständiger Staat, in welchen die Sowjetunion 1979 einmarschiert war, um den Sturz der damaligen sozialistischen Regierung dort zu verhindern.

Es kam zu einem neunjährigen blutigen Krieg zwischen der sowjetischen Armee und den Guerilla-Kämpfern der Mudschaheddin, welche von den USA mit Waffen versorgt wurden. Auch auf die Gefahr hin, dass ich hier Allgemeinplätze erzähle, sei erwähnt, dass unter Letzteren ein damals noch junger Mann namens Osama bin Laden weilte. Der Krieg forderte vor allem viele zivile Opfer, deren genaue Zahl nicht bekannt ist. Für die Sowjetunion war er ein absolutes Debakel, denn dieser in der eigenen Bevölkerung äußerst unpopuläre Krieg tötete und verwundete -zigtausende sowjetische Soldaten, führte zu keinem Erfolg und markiert einen weiteren nicht unerheblichen Meilenstein auf dem Weg in ihren Untergang.

Oft sah ich Männer in der Altersklasse mit fehlenden Armen oder Beinen in Tarnkleidung in der Moskauer Metro sitzen und betteln. „Lass dich nicht verarschen“, sagte mein Moskauer Austauschbruder, „Die haben ihre Gliedmaßen irgendwo verloren und jetzt ziehen sie sich Armeekleidung an, damit man sie für Kriegskrüppel hält und ihnen aus Mitleid was gibt.“

– Ob er damit wohl Recht hatte, lasse ich mal dahin gestellt. Auf jeden Fall sind sie im öffentlichen Moskauer Leben selten geworden. Unter Putin wurde vieles Unangenehmes beiseite geschafft. Dasselbe gilt auch für die betrunkenen Obdachlosen, welche in den Neunzigerjahren und auch noch einige Zeit danach unter Anderem an der Metrostation Twerskaja hordenweise herumlungerten. Russland strebt wieder nach Prestige. Da sind solche Erscheinungen nicht erwünscht. Das Elend ist dadurch nicht verschwunden, aber wie sagt man so schön: „Aus den Augen, aus dem Sinn.“

Es war um die Mittagszeit und langsam musste etwas mit meinem Fahrrad geschehen. Zwei Helfer trudelten ein: Serjoga (ein Kosename für Sergej), welchen ich am Vorabend nach dem Kompressor gefragt hatte und Pjotr, ein hellblondes und schmales Jüngchen mit einem schwarzen Vorderzahn, den ich ebenfalls am gestrigen Abend bereits kennengelernt hatte. Er sagte, er habe einen Mantel zu Hause, der vielleicht passen könnte. Also setzten wir uns ins Auto und Dimon, dem sie ja – soweit ich weiß – gestern den Führerschein abgenommen hatten, fuhr erneut los.

Irgendwie ging es über verschachtelte Pisten durch den Wald zu Pjotr nach Hause. Aus einem Schuppen holte er den verstaubten Mantel. Die Größe war passend – das war offensichtlich. Allerdings hatte dieser Mantel zwei große Löcher. Sie waren so groß, dass man sie von weitem sehen konnte, was bei meinem Loch nicht der Fall war und das machte mir schon genug Probleme. Aufkommende Verzweiflung in mir wurde durch die allgemeine Zuversicht der drei Jungs direkt im Keim erstickt. „Reiner Honig!“, sagte Dimon zu mir und erklärte umgehend, dass dieser Ausspruch im Slang soviel bedeute wie „Alles wird gut!“. Da alle Russen, welche mir danach begegneten, diesen Ausspruch nicht kannten, handelt es sich wohl um seinen eigenen Slang oder den des Dorfes, aus dem er kommt.

So etwas muss es ja auch in Russland geben – unterschiedliche sprachliche Nuancen. Es ist immer wieder erstaunlich, ja unvorstellbar, dass es in diesem riesigen Land scheinbar keine Dialekte gibt. Ob man sich nun in Moskau oder in Wladiwostok befindet, ob in Murmansk oder in Sotschi – die Aussprache ist überall gleich. In Deutschland dagegen gibt es so viele unterschiedliche Dialekte. Sie unterscheiden sich teilweise von Dorf zu Dorf.

Es mag damit zusammenhängen, dass Russland im Gegensatz zu Deutschland stets ein zentralistischer, unitarischer Staat war. Die Fürsten waren nichts als Statthalter des Zaren. Alle Befehle kamen aus Moskau beziehungsweise St. Petersburg, alle Wege führten ins Zentrum und um diese Wege herum tummelte sich die Zivilisation. An die Erschließung der Peripherie machte man sich erst recht spät: Große Teile Sibiriens wurden erst besiedelt, als es Eisenbahn und Telegrafen gab. Diese machten ein solches Unterfangen überhaupt erst möglich. Alaska, welches zunächst zu Russland gehörte, wurde sogar für günstiges Geld an die USA verkauft, weil es einfach zu weit entfernt war, um es unter den Bedingungen der damaligen Technik zu nutzen und zu regieren. Es war unwirtschaftlich. Bis heute ist der größte Teil Russlands reine Wildnis.

Ich solle mir also keine Sorgen machen – das war Dimons Aussage. Ich tat es auch wirklich nicht, denn ich fühlte mich und mein Rad in guten Händen. Russen sind bekannt dafür, dass sie Dinge wieder zum Laufen bringen können, welche anderswo längst abgeschrieben worden wären.

Auch dies hat historische Gründe, denn zu Sowjetzeiten musste viel improvisiert werden. Der staatliche Wirtschaftsplan machte sich um Abschreibungen keine großartigen Gedanken. Die Dinge gingen nicht kaputt, denn sie durften nicht kaputt gehen. Wenn ein Betrieb eine Maschine hatte, dann hatte er sie. Dass sie über die Jahre verschleißt, war nicht vorgesehen, ein Unding. Also musste man sich immer wieder was einfallen lassen, vor allem, weil in der Mangelwirtschaft zudem auch an Ersatzteilen ein chronischer Mangel herrschte. Man bastelte dementsprechend die abenteuerlichsten Dinge. Es ist klar, dass dabei auch Unfälle passierten, aber im Großen und Ganzen funktionierten solche Konstruktionen und sie funktionieren bis heute.

Wir setzten uns wieder ins Auto, den löchrigen Mantel im Kofferraum und holperten durch den Wald zurück zu Dimon. Ich schraubte das Rad heraus, denn dieses ältere Modell besaß keinen Schnellspanner. Der Mantel wurde ausgetauscht und das Rad neu aufgepumpt. Serjoga legte mir dabei seine Theorie vor, weshalb die Wehrmacht in Russland nicht erfolgreich war: „Die Deutschen sind einfach zu ordentlich und pünktlich. Sie folgen immer ihrem Schema. Sie sind unflexibel. Um Punkt 16:00 machen sie ihre Kaffeepause. Dummerweise kamen da gerade die Partisanen um die Ecke…“

– Ob das nun so stimmt, wage ich zu bezweifeln, aber ist ja auch egal… Während Dimon normalerweise in St. Petersburg lebte, hatte es Serjoga nach Moskau verschlagen.

Er schimpfte über die Moskauer: „Die glauben doch tatsächlich, die Welt würde sich nur um sie drehen. Weißt du was, ich bin mit einer Moskauerin zusammen. Was hat sie mir nicht in den Ohren gehangen, dass sie irgendsoeinen Rassehund haben wollte. Dann habe ich ihr irgendwann so einen für umgerechnet 2000 Euro gekauft. Aber glaubst du, sie kümmert sich um ihn? Ich sagte ihr, dass ich das nicht verstehen kann: Ich dachte, sie würde solche Hunde lieben und jetzt lässt sie ihn links liegen. Weißt du was sie darauf sagte? – Sie sagte, dass das mit Liebe nichts zu tun habe. Ihr ginge es einzig und allein ums Prestige, weil der Hund eben teuer ist. – Was sagst du dazu? Kannst du dir das vorstellen? Diese Schlampe ist so dumm!“

Es kam, was kommen musste: Der Schlauch quoll blasenartig aus den Löchern heraus. Mit so einem Rad wäre alles nur noch viel schlimmer. Es war schlichtweg unmöglich so zu fahren. Da standen wir jetzt zu viert um dieses Sorgenkind herum und kratzten uns im Nacken.

Plötzlich kam Dimon die bescheuertste Idee, welche einem nur kommen konnte: „Wisst Ihr was? Wir ziehen einfach beide Mäntel übereinander. Dann kann nichts mehr passieren.“ – „Ja!“, riefen die anderen und gerieten in Bewegung. „Aber das geht doch nicht!“, rief ich besorgt, denn ich wusste, wie schwer es teilweise schon ist, nur einen Mantel aufzuziehen. Wie wollten sie beide aufziehen, ohne die Felge und die Speichen zu ruinieren? „Wie?“, fragte Dimon, „Das geht nicht? Warum geht das nicht? Bist du kein Russe oder was? – Ach ja, du bist ja kein Russe, ich vergaß… Pass auf: Reiner Honig – alles wird gut!“

Ich sollte die Sache jetzt ihnen überlassen. Sie ließen die Luft wieder aus dem Reifen, positionierten sich um das Rad herum und machten sich daran, meinen Mantel über den von Pjotr in die Felge reinzustopfen. Anfangs ging es noch ganz gut, wurde dann aber zusehends schwieriger, bis sich nichts mehr bewegte. Sie stellten die Füße auf die Speichen und hebelten mit Schraubenziehern an dem Mantel herum. Ich schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Knack!“ – da brach die erste Speiche. „Oh Scheiße!“, rief ich. – „Reiner Honig, reiner Honig!“, wandte Dimon seinen Kopf zu mir um. „Knack!“ – das war die zweite Speiche.

Ich war völlig fertig mit der Welt. Wie sollte es jetzt bloß weitergehen? …„Knack!“ – jetzt war alles aus! „Reiner Honig, reiner Honig!“, beteuerte Dimon immer wieder aber ich stand wie angewurzelt da. Die Tour war vorbei. Ich hatte es nicht geschafft. Per Anhalter oder so ähnlich müsste es nun weitergehen. Welch eine Enttäuschung, welch eine Schmach! Ich hatte mich so lange darauf gefreut, hatte mich vorbereitet, hatte begeistert allen davon erzählt. Jetzt stand ich hier im von Mücken verseuchten Majakowo und fand mich allmählich mit meinem Scheitern ab, als es schlussendlich „Plöpp!“ machte.

Es war vollbracht: Beide Mäntel waren inklusive Schlauch auf dem Rad. Es sah völlig normal aus, außer das drei Speichen heraushingen. Wir brachen sie heraus. „Nun pump auf, probier es!“, sagten sie. Also nahm ich die Pumpe und tat es, schraubte das Rad wieder ein und nahm auf dem Gefährt Platz. Es setzte sich in Bewegung. Ich konnte damit ein paar Runden auf der Wiese drehen. Es fuhr also, allerdings spürte ich bei jeder Radumdrehung einen Schlag unter meinem Hintern.

„Du hast ein Ei im Rad, aber ansonsten funktioniert es“, sagte Dimon. – Und was für ein Ei! Es war so stark, dass das Rad bei jeder Umdrehung einmal an der Gabel schliff, geradezu dagegen schlug. Das machte das Fahren zu einer extrem kraftraubenden und unangenehmen Angelegenheit. Aber was wäre die Alternative gewesen? – Es gab keine. Hier in den russischen Wäldern gab es keine Fahrradläden, in denen man einen neuen Mantel hätte kaufen können. Auch meine anfangs erfolgreiche Strategie, das Loch mittels eines alten Schlauches abzudecken, funktionierte aus welchem Grund auch immer nicht mehr. Also waren die drei meine Rettung. Ich war ihnen unendlich dankbar, dass sie eine Lösung für das Problem gefunden hatten, auch wenn sie nicht optimal war. Sie hatten mir geholfen, dass Bestmögliche aus der Situation zu machen.

Es war Zeit für den Aufbruch. Ich verabschiedete und bedankte mich bei den dreien, ganz besonders natürlich bei Dimon, da er mir Obdach gewährt hatte – und außerdem waren da ja noch diese Unannehmlichkeiten, welche er mit der Staatsmacht bekommen hatte. Seine Nummer hatte er mir schon gegeben, denn wir wollten uns in Petersburg noch treffen. Das Rad hatte seinen neuen Besitzer bereits kennengelernt.

Austi und seine russischen Helfer
Das Reparatur-Team

Zu Anfang kam mir das Problem mit meinem Hinterrad gar nicht so dramatisch vor. Ich saß frisch im Sattel und hatte Kraft. Erst mit der Zeit merkte ich, wie mühsam es war und stieg zuweilen ab, um zu schieben.

Zwischendurch hielt ich mal wieder an einem Laden, um etwas Proviant zu kaufen. Darin bot sich das für Russland übliche Bild: Eine Frau schaute mich von hinter der Theke mit leicht gesenktem Kopf und finsterem Blick an. Das Geschäft wickelte sie lustlos ab und warf mir das Wechselgeld hin, als seien es ein paar Brocken für einen lästigen bettelnden Straßenköter. Daraufhin verlies ich den Laden und setze mich auf die drei Stufen vor dem Eingang, um meinen Snack einzunehmen. Als ich schon fast fertig war, verließ die Frau den Laden mit einer Mülltüte, die sie unweit in einen Container warf. Auf dem Weg zurück lachte sie mich plötzlich an: „Ach, junger Mann, was sitzen Sie denn da so auf den kalten Steinen? Kommen Sie doch rein. Bei mir ist es warm.“

Was für den Leser oder die Leserin seltsam erscheinen mag, ist in Russland aber typisch. Ich war darüber kein bisschen erstaunt. Zwischenmenschliche Tuchfühlung funktioniert dort – nicht immer, aber vielfach – anders. Zunächst wird man auf Abstand gehalten. Erst nach einer gewissen Zeit oder eben beim zweiten Aufeinandertreffen bricht das Eis. Dann widerum tritt aber gewöhnlich eine Herzlichkeit zutage, wie sie in Deutschland auch nicht üblich ist. Das Pendel schlägt in die andere Richtung um. Man merkt in dieser meiner Erzählung, dass dauernd irgendwo Widersprüche auftauchen. Der Leserin oder dem Leser sei dabei hier an dieser Stelle gesagt: das ist normal.

Als ich Majakovo verließ, war es ungefähr drei Uhr nachmittags. Kurz vor Luga bog ich rechts in einen Feldweg ab, um zu nächtigen. Als ich das Zelt aufstellte, war es kurz nach Mitternacht und taghell.

Bis nach Luga waren es nur noch wenige Kilometer und so machte ich mich am nächsten Morgen auf den Weg dahin. Ich war immernoch in der Annahme, ich würde schleunigst eine Registrierung benötigen, so suchte ich das einzige Hotel in der ganzen Stadt auf. An der Rezeption waren zwei Damen. Die Eine war grummelig, die Andere freundlich.

Die Freundliche fragte mich aus, denn ich stand ja mit Fahrradhelm und Packtaschen da. Ich erzählte, dass ich aus Berlin hergeradelt war und von der abenteuerlichen Reparatur. „Und auf so einem Reifen sind sie bis hierher gekommen?“ – „Nun ja, die letzten gut 80 Kilometer. Ich habe viel geschoben, aber bin auch viel gefahren. Nun ist es so, dass ich mich schon drei Werktage auf russischem Territorium aufhalte und dringend eine Registrierung benötige. Ich war bereits in einem Hotel, aber die haben mir nur eine Quittung gegeben und gesagt, ich solle die vorzeigen.“

Die freundliche Dame bedauerte sehr: „Hier in Luga können Sie sich nicht registrieren. Da müssen Sie zur Migrationsbehörde nach Gatschina. Das liegt ja sowieso auf Ihrem Weg, wenn Sie nach St. Petersburg wollen.“ Das besorgte mich. Ich musste nach meinen Informationen am heutigen Tage noch zur Registrierung, ansonsten wäre ich säumig. Ich wollte keinen Stress mit den Behörden bekommen. Aber nach Gatschina waren es noch mehr als 90 Kilometer. Mit diesem Hinterrad war das nicht zu schaffen.

„Machen Sie sich keine Sorgen. Es ist ja nicht Ihre Schuld. Man wird es Ihnen nachsehen. Füllen Sie dieses Formular aus und gehen Sie damit übermorgen früh zur Migrationsbehörde.“ Sie gab mir das Formular und einen Stift und die Grummelige fragte finster: „Können Sie russisch schreiben?“ -“Ja“, antwortete ich. „Natürlich“, lächelte die Freundliche, „er spricht ja auch sehr gut.“

Als ich meinen Schlüssel überreicht bekam, sagte die Freundliche noch: „Warten Sie, ich schließe Ihnen das Lager auf, damit Sie dort Ihr Fahrrad über Nacht hineinstellen können. Es wäre doch sehr schade… Das hier ist nicht Deutschland!“ Ich holte das Rad und wir stellten es wie besprochen ab. Da ich am nächsten Morgen sehr früh aufstehen wollte, sollte ich den Schlüssel beim Nachtportier abholen. Das Zimmer, welches ich bekommen hatte, umfasste drei Betten. Außer mir sei noch ein weiterer Mann einquartiert, hieß es. Als ich den Raum betrat, war niemand da. Es war sowjetisch eingerichtet: dunkles Holz, Spitzengardinen. Genau so wollte ich es haben. Die ganze Tour war ja ein einziger Nostalgie-Trip.

Ich brauchte dringend eine Dusche. Die letzte hatte ich in dem Hotel am See von Pskow genommen. Tags darauf war ich in die Welikaja gesprungen. Bei Dimon hatte ich nur eine Katzenwäsche unternommen. Die Dusche lag separat auf dem Flur. Das Wasser, welches aus den Duschköpfen kam, roch schwefelhaltig, aber das war mir egal. Gereinigt und zufrieden legte ich mich ins Bett und schlief ein wenig.

Der Rest des Tages war unspektakulär. Ich ging etwas in der Stadt umher, hing auf einer Bank herum, neben mir eine alte Frau mit Enkel. „Schau mal“, sagte sie zu ihrem Enkel, während ein Hubschrauber über uns herflog, „der ist von der Armee. Siehst du den roten Stern?“

Die kommunistischen Symbole wurden nach dem Ende des Sozialismus zunächst aus der Armee verbannt. Damit sollte unter Jelzin der klare Schnitt zum alten System hervorgehoben werden. Putin, welcher den Zerfall der UdSSR einmal als „größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet hat, will den Russen dagegen das Gefühl alter Größe und Stärke zurückgeben. So wurde zu seiner ersten Amtseinführung als Präsident wieder die alte sowjetische Hymne mit neuem Text aufgelegt und als neue Hymne eingeführt.

Um die Welt noch ein Stück weit wieder in Ordnung zu rücken und den postimperialen Phantomschmerz zu lindern, wurden Hammer und Sichel sowie der rote Stern als Armeesymbole wieder eingeführt. Bei Militärparaden auf dem Roten Platz sieht man heutzutage neben weiß-blau-roten Farben auch stets Banner mit dem Abbild Lenins an dessen Mausoleum vorbeimarschieren. Mit der ursprünglichen Idee dieser Symbolik hat das nicht viel zu tun, denn der Kommunismus ist Geschichte.

Es erscheint auch sehr seltsam, wenn die Symbole der Zarenzeit und die der Sowjetunion Hand in Hand spazieren gehen. Die Kommunisten haben den Zarismus gehasst und bekämpft und umgekehrt. Es kam zu einer blutigen Revolution, auf die ein Bürgerkrieg folgte, in welchem sich die Anhänger beider Lager erbittert gegenüberstanden. Nachdem die Kommunisten über Jahrzehnte vom Zarismus verfolgt worden waren, nahmen sie Rache, als sie nun an der Macht waren. So wurde auch die Zarenfamilie bei Jekaterinburg in einen Wald geführt und ohne jegliches Urteil bei Nacht und Nebel erschossen. Da erscheint eine solche Vermischung von Symbolen grotesk. Aber der Patriotismus kann keine Rücksicht auf historische Korrektheit und Logik legen. Da geht es um Emotionen und es gibt ja diesen Spruch, der besagt, dass Vernunft gegen Gefühl wie ein Motorrad gegen einen Panzer ist.

Die Menschen sehnen sich nach Identifikation und Kontinuität. Das wusste auch Stalin bereits, als er in den 30er Jahren damit begann, den Zarismus wieder in einem etwas veränderten Licht darstellen zu lassen. Plötzlich war Peter der Große ein Vorläufer der Bolschewiki. Auch die Religion kam nach dem Bildersturm der 1920er Jahre in ruhigere Fahrwasser. Es ging soweit, dass der Materialist Stalin bei der Schlacht um Moskau im Winter 1941 die Ikone der Heiligen Olga in einem Flugzeug über der Stadt hat kreisen lassen, auf dass sie Rettung bringe.

Es war ein wolkiger Tag. Ich hatte nichts zu tun und wartete eigentlich nur auf den nächsten Tag, um dann weiterzufahren. Meinen Zimmernachbar bekam ich nicht zu Gesicht. Die ganze Nacht über blieb er fern. Ich stand früh auf, denn es war Strecke zu machen. Mir graute bei dem Gedanken an mein Hinterrad. Mit diesem Ding vorwärtszukommen war ein einziger Kraftakt. Ein Blick aus dem Fenster offenbarte, dass wieder Kaiserwetter angesagt war, denn morgens um fünf schien die Sonne bereits wie im Bilderbuch. Ich packte zusammen und ging zur Rezeption um auszuchecken, bat den Nachtportier darum, mir den Schlüssel zum Lager zu geben und holte mein Fahrrad aus selbigem heraus.

Russisches Dorf
Ein russisches Dorf

Was folgte, war purer Kampf. Neunzig Kilometer legte ich an diesem Tag zurück, davon fuhr ich sechzig und schob dreißig. Besonderheiten gibt es von diesem Tag nicht zu berichten. Es war ein Einerlei aus Anstrengung, Wärme, Schweiß und Staub. Willkommene Abwechslung gaben die Brotzeiten. Gekocht wurde nicht mehr, da ich schlichtweg kein Bock mehr hatte, alles auspacken, zu reinigen und wieder einzupacken. Es war alles schon genug Aufwand.

Ich klagte nicht, denn erstens gibt es im Leben Schlimmeres und zweitens hatte ich es ja so gewählt. Aber natürlich hatte ich nicht mehr den Spaß, den ich gesucht und auf großen Teilen der Tour auch gefunden hatte. Es ging nur noch darum, zum Ziel zu kommen. So ging es in monotoner Arbeit bis kurz vor Gatschina. Ich nächtigte in unmittelbarer Nachbarschaft zu einer Plattenbausiedlung zwischen Herkulesstauden, die einen regelrechten Wald gebildet hatten. Es waren noch 55 Kilometer bis Sankt Petersburg.

Der letzte Tag war angebrochen. Auch heute schien die Sonne. Die Ausländerbehörde war einfach zu finden. In dem engen Flur hatten sich bereits viele Leute eingefunden, sodass ich mich mit Unwillen darauf einstellte, dass das hier länger dauern würde. Ich schaute umher, ging die Treppe rauf und runter und fand schließlich jemanden, der zur Behörde gehört und sprach ihn auf meine Sache an. Nun kam einer der Momente, in denen Mann sich an den eigenen Kopf packt, denkt was man für ein Idiot ist und sich gleichzeitig über eine unvehoffte Erleichterung der Umstände freut. Mir wurde nämlich mitgeteilt, dass die Frist, innerhalb derer man sich in Russland zu registrieren hat, vor kurzem auf sieben Werktage verlängert wurde. De facto heißt das, dass man sogar neun Tage hat, wenn man das Wochenende mit einberechnet. Ich war aus dem Schneider und konnte einfach wieder aus der Behörde herausspazieren und nach Petersburg düsen – beziehungsweise holpern.

Wieder einmal kam ein Fakt zum Vorschein, auf den ich nicht vorbereitet gewesen war. Es war ja nicht schlecht – im Gegenteil. Trotzdem kam ich mir wie ein Hornochse vor. Andererseits hatte mir ja niemand in der Botschaft oder sonstwo etwas über die Neuerung gesagt. – Wie auch immer: Es ging weiter und die Vorfreude endlich bald am Ziel angelangt zu sein gab mir eine Menge Kraft in die Beine.

Die Straße wurde breiter. Sie war zu einer richtigen Autobahn angewachsen. An einer Baustelle fragte ich einen Arbeiter, wie ich auf dem Fahrrad nach Sankt Petersburg käme. „Nun, da ist doch die Straße“, sagte er mit dem Zeigefinger auf die Autobahn weisend. Ich fragte, ob ich dort fahren dürfe. – „Warum nicht?“, entgegnete er. „Es gibt keine andere Möglichkeit.“ Probleme durch die Miliz würde ich nicht bekommen. Also fuhr ich weiter und es stimmte: Mehrere Wagen der Miliz fuhren an mir vorüber und zeigten keinerlei Interesse. Ich war wieder auf einer Autobahn, genau so wie damals in Elbląg. – Damals? Es war doch nicht einmal drei Wochen her!

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