Mit dem Fahrrad nach Sankt Petersburg

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2. Durchs Baltikum

Ich fuhr nur wenige Kilometer weiter und fand noch vor dem nächsten größeren Ort namens Lazdijaj einen See. Dass hier ein paar Häuser standen und Menschen anwesend waren, störte mich nicht, denn ich hatte in Erfahrung gebracht, dass sich in Litauen niemand daran stört, wenn jemand irgendwo ein Zelt aufschlägt.

Es ist ein schönes Gefühl, einfach so zu radeln, einen See zu finden, in diesem zu baden, daraufhin dort zu zelten, um am nächsten Morgen nach einem weiteren Bad wieder aufzubrechen. Dieses Gefühl von Freiheit ist unbeschreiblich. Du weißt nicht, wo du abends sein wirst, denn du hast keine Unterkunft gebucht. Ich wusste nur so viel, dass ab dem 10. Juni mein Visum für die Russische Föderation Gültigkeit erlangen würde und ich genau eine Woche darauf in St. Petersburg ankommen wollte. Was in der Zwischenzeit geschieht, war völlig egal. Wir schrieben den 31. Mai und ich hatte Zeit – irgendwie sogar zu viel Zeit. Ich merkte, dass es besser lief als in den Planungen berechnet.

Landschaft in Litauen
Landschaft in Litauen

Ich hatte den Zeitplan bewusst pessimistisch gestaltet, um am Ende nicht hetzen zu müssen. Das widerspräche dem Sinn hinter dieser ganzen Aktion. Als ich vor weniger als einem Jahr zur vorherigen Tour aufgebrochen war, hatte ich den Plan zunächst von Dresden über Prag nach Maut im Bayrischen Wald zu fahren. Vier Tage hatte ich dafür eingeplant. Das Fahrrad war mir damals allerdings zu klein gewesen und zudem generell nicht das beste Fahrrad der Welt. Was will man auch von einem gebrauchten Drahtesel für 70€ erwarten?

Hinzu kam, dass ich auf meinen geliebten Karten zwar die Wege, aber nicht die geographischen Gegebenheiten studiert hatte. Auch wenn die Berge in Tschechien nicht sonderlich hoch sind, so haben sie mir mit meinem zu kleinen Fahrrad doch Probleme bereitet.

Dieses Mal war ich schlauer, das Fahrrad besser, das Gelände flacher und der Zeitraum großzügiger berechnet. Langsam kamen sogar Bedenken auf, dass ich zu früh an der russischen Grenze ankomme und dann zum Warten verdammt bin. Ein Zelt neben einem Maschendrahtzaun – das war das Bild in meinem Kopf.

Das änderte aber nichts an der Agenda. Ich hielt unbeirrt Kurs und versuchte zügig voran zu kommen. Man kann ja nie wissen, ob noch irgendwas Unerwartetes eintritt und man dann dumm dasteht.

Bis auf dass ich nachts mal pinkeln musste, schlief ich wieder wie ein Stein. Das tägliche Workout war das reinste Schlafmittel.

Die erste Tankstelle, an der ich in Litauen vorbeikam, gehört zu Lukoil. Lukoil gehörte mal einem gewissen Michail Chodorkowski. Der legte sich aber dann vor laufenden Kameras mit Präsident Putin an. Nun sitzt er irgendwo nahe der chinesischen Grenze und besitzt kaum mehr als eine Zahnbürste. Zunächst drohte seine Entlassung pünktlich zur Präsidentschaftswahl 2012, da hat man ihm schleunigst ein neues Verfahren angehängt. Er soll seiner eigenen Firma – sprich: sich selbst – Milliardenbeträge veruntreut haben. Da wurde es nichts mit der Entlassung. Nicht, dass er als Kandidat Chancen gehabt hätte, wenn er denn angetreten wäre. Er hätte einfach Unruhe ins Land gebracht und das passt dem Kreml nicht. Die russische politische Kultur ist, um es vorsichtig auszudrücken, konsensorientiert.

Die östlichen EU-Staaten sind noch viel stärker von fossilen Energieträgern aus Russland abhängig als die westlichen, welche mehr beispielsweise aus dem Nahen Osten importieren. Das trifft ganz besonders auch für die baltischen Staaten zu. Die Lukoil-Tankstelle repräsentiert also bildlich den starken Einfluss, den der Kreml immer noch besitzt – zum Leidwesen der Regierungen in diesen Staaten, welche aus den Erfahrungen der sowjetischen Besatzung heraus voller Misstrauen gegenüber Moskau sind. Es hatte sich damals schon in der Ukraine gezeigt, dass Moskau durchaus dazu bereit ist, diese Energieträger als Waffe einzusetzen, indem es die Zufuhr abwürgt.

Dazu kommt, dass große russische Minderheiten in den baltischen Ländern leben. Die russische Regierung hat die Doktrin ihrer Außenpolitik dahingehend geändert, dass sie sich zum Schutze von ethnischen Russen ein militärisches Eingreifen in anderen Ländern vorbehält. Es wird nun befürchtet, dass dies die Gefahr von Missbrauch zu etwa geopolitischen Zwecken beinhaltet.

Die baltischen Staaten waren die ersten, welche nach Unabhängigkeit von der Sowjetunion strebten und diese auch erreichten. Der neu gegründeten Gemeinschaft unabhängiger Staaten wollten sie nicht beitreten. Das unterscheidet sie von allen anderen ehemaligen Sowjetrepubliken. “Go West” war angesagt und das konnte ihnen nicht schnell genug gehen. Bloß schnell in die NATO, bevor der russische Bär wieder zu Kräften kommt.

So kam ich bald nach Alytus, versorgte mich einmal mehr in einem Supermarkt mit Nahrung und schaute nach, ob es möglich sei im Fluss Nemunas, welcher durch die Stadt fließt, zu baden. Dazu fuhr ich eine mit Kopfsteinen gepflasterte Seitenstraße herunter und landete prompt auf etwas, das mir den Reifen zerlöcherte. Leicht fluchend schob ich das Fahrrad weiter zum Fluss herunter, um dort in Erfahrung zu bringen, dass ein Bad in diesem Strom unmöglich ist. Zu stark war die Strömung, zu steil das Ufer, zu unrein das Wasser. Dabei wäre ein Bad eine angenehme Abkühlung gewesen und hätte die bereits besagte relative Sauberkeit wiederhergestellt.

Es war sehr ärgerlich, dass ein ohnehin unmögliches Unterfangen mir jetzt unnötige Arbeit wegen eines Platten verursacht hatte. Ich bediente mich eines von zwei mitgenommenen Ersatzschläuchen, um das Problem zu beheben und fuhr ungewaschen weiter. Da die kleine Handluftpumpe nicht den nötigen Druck für ein effizientes Trampeln auf den Reifen zu bringen vermochte, fuhr ich eine Tankstelle an, um einen Kompressor zu verwenden. Dabei fand ich heraus, dass es entgegen vorheriger Bedenken durchaus möglich ist, in diesem Land mit Russisch weiter zu kommen. Ich fragte die Leute allerdings meistens zuerst auf Englisch oder Deutsch, um mich direkt als westlichen Touristen zu erkennen zu geben. Ich wusste ja, dass es in der Bevölkerung mitunter Ressentiments gegen Russen gibt. Also wollte ich verhindern, dass sie mich vielleicht sogar für einen halten.

Das nächste Etappenziel war ein Ort namens Aukštadvaris, welcher auf der Hauptstraße zwischen Vilnius und Marijampolė liegt. Auf dem Weg dahin lag ein kleiner See. Die Landschaft ist geprägt von Landwirtschaft. Man fährt an Feldern und Weiden vorbei, kommt durch kleine Dörfer sowie das eine oder andere Gehölz. Der See war nicht schön. Umfasst von Betonplatten war sein Wasser nicht als klar zu bezeichnen. Aber ich war nicht der Einzige, der hier ein Bad nahm, also dachte ich, dass es wohl ok sein wird.

Ich fuhr weiter, kam durch ein kleines Dorf mit Tante-Emma-Laden und kaufte mir unter Anderem eine Salami – so einen richtigen Knüppel, den ich vor lauter Heißhunger komplett verschlang. Wenn ich jetzt daran denke, wird mir mir schon vom Gedanken daran schlecht, aber auf so einer Tour bist du wie eine Schwangere. Du isst anders als sonst, du bekommst auch Lust auf Anderes als sonst. Ich mag auch so Salami, aber nicht in der Masse. Manchmal esse ich aber auch Sachen, die ich sonst gar nicht mag: Apfelsinen zum Beispiel. – Ja, ich mag keine Apfelsinen. Den ausgepressten Saft mag ich sehr gern, aber diese weißen Fäden sind mir ein Graus.

Auf einer anderen Tour bekam ich eines Tages aber plötzlich Heißhunger auf Apfelsinen und kaufte mir ein ganzes Netz. Die Bedenken aufgrund der weißen Fäden schob ich beiseite. Es mussten jetzt Apfelsinen her – viele und schnell. Als ich dann auf einer Parkbank anfing sie zu verzehren, zeigte sich aber, dass meine Abneigung gegen die weißen Fäden einfach nicht zu ignorieren war. Daraufhin kramte ich aus dem Mülleimer neben der Bank eine weggeworfene Zeitung hervor und legte sie vor meinen Füßen auf die Erde. Ich kaute die Apfelsinenstücke durch und spuckte das Ungewollte darauf. Es muss ein leicht ekelhafter Anblick gewesen sein. – Keine Sorge, mit der Salami passierte nichts derartiges. Sie verschwand komplett in meinem Magen.

Es begann zu dämmern und wieder einmal befand ich mich auf der Suche nach einem geeigneten Übernachtungsplatz. In dieser Gegend, welche vor allem aus offenen Wiesen, Weiden und Feldern bestand, lagen überall herum verstreut Gehöfte und ich beschloss, irgendwo zu fragen, ob ich mein Zelt bei jemandem auf dem Grundstück aufschlagen könne. So fuhr ich meines Weges und schaute aufmerksam umher, wo denn jemand zu sehen sei.

Es dauerte eine Weile, bis ich vor einem Bauernhaus eine Frau im Alter von schätzungsweise 55 Jahren erspähte. Ich fuhr zu ihr hin und fragte, – wohl wissend, wie blöd diese Frage jetzt war –, ob sie denn Englisch könne, was sie erwartungsgemäß verneinte. Deutsch konnte sie auch nicht, also fasste ich mir ein Herz und versuchte es mit Russisch. – „Ja“, lachte sie, „ich kann das noch.“ Sie machte absolut nicht den Eindruck, als wäre ich bei ihr damit ins Fettnäpfchen getreten und so fragte ich sie, was sie offensichtlich noch nie gefragt worden war. – „Ja, wo wollen Sie es denn hinstellen?“ Es war mir egal, also meinte ich: „Meinetwegen direkt hier, wenn es Ihnen nichts ausmacht.“ – „Bitte sehr!“, entgegnete die immer noch verwunderte Frau.

Auch wenn sie sehr freundlich war, redeten wir nicht allzu viel miteinander. Natürlich erzählte ich ihr kurz, woher ich kam und wohin ich wollte, wobei sich ihre Verwunderung noch steigerte. Bald jedoch ging jeder seinen eigenen Tätigkeiten nach. Ich baute mal wieder das Nachtlager auf und bereitete das Abendessen. Sie geisterte irgendwie auf dem Hof herum und schien dabei auch irgendwelche Dinge zu regeln, wobei zu merken war, dass auch für sie das Tageswerk bereits mehr oder weniger verrichtet und abgeschlossen war. Sie war dabei die ganze Zeit barfuß, was bei der Wärme nicht verkehrt war und ihre breiten, rustikalen Füße sahen für mich aus wie die vom Räuber Hotzenplotz. Zwischendurch kam sie noch einmal vorbei, fragte ob alles in Ordnung sei, bemerkte dabei eine Stelle mit Ameisen vor meinem Zelt und trat darauf herum mit den Worten: „Ach, diese Arschlöcher hier schon wieder!“

Ich saß bei geöffnetem Eingang mit Brot in der einen und Wurst in der anderen Hand und betrachtete den immer röter werdenden Abendhimmel, als der Sohn des Hauses heimkam. Wie die Mutter mir bereits berichtet hatte, verdiente er sein Geld als Waldarbeiter. Er kam in seinem alten VW Golf in die Hofeinfahrt gebogen und reckte den Kopf bereits nach dem Zelt und seinem darin auszumachenden Bewohner. Damit hatte er natürlich nicht gerechnet.

Mir sind solche Situationen aus irgendeinem Grund immer unangenehm. Da kommen Leute nichtsahnend in ihre gewohnte Umgebung und plötzlich bin ich da. Es ist schwer zu erklären, aber ich fühle eine gewisse Spannung durch eine Unklarheit, die ich verursacht habe. Einzig und allein der letzte Aspekt gibt den Ausschlag dafür, dass mir die Sache nicht ganz recht ist: Ich bin der, der es verursacht hat. Es ist nichts, was irgendwie schlimm ist oder so, aber es gefällt mir trotzdem irgendwie nicht. Wann immer jemand anderes an meiner Stelle ist und ich derjenige bin, der als noch Unwissender dazustößt, ist es für mich das Normalste auf der Welt. Dementsprechend dürfte es mir ja eigentlich auch umgekehrt nicht blöd vorkommen. – Nun ja, Menschen haben halt ihre merkwürdigen Eigenheiten.

Der Sohn, der vielleicht zwei oder drei Jahre älter war als ich, kam jedenfalls schnurstracks auf mich zu, nachdem die Mutter ihn kurz über den unerwarteten Gast aufgeklärt hatte. Auch er sprach russisch. Er könne es, weil er bereits aus Schulzeiten viele russischsprachige Freunde habe. „Verstehst du, wenn ich Slang spreche?“ – Ja, ich kannte bereits viele Ausdrücke der russischen Umgangssprache, vor allem da ich im Studentenwohnheim mit einer Reihe von Leuten aus der Ex-UdSSR zusammenlebte. So etwas lernt man nicht im Schulunterricht, sondern in der alltäglichen Anwendung zusammen mit Muttersprachlern. Ich hatte Russisch schon zu Schulzeiten gelernt.

Es waren nur die letzten drei Jahre der Oberstufe, in denen wir die Möglichkeit hatten, in dieser Sprache unterrichtet zu werden. Ich nahm am Schüleraustausch nach Moskau teil, führte das Erlernen der Sprache an der Uni weiter, reiste nach Russland, lernte hier und da Leute kennen, las Bücher und Zeitungen, schaute russisches Fernsehen, hörte russisches Radio und so konnte ich es irgendwann recht gut.

Wenn man eine Sprache können will, reicht es nicht, die Lektionen zu lernen. Das ist zwar wichtig, jedoch ist die Schulbuchsprache weit entfernt vom Alltagsgebrauch. Ein Bekannter russischer Herkunft, der in Deutschland lebt, sagte mal zu mir: „Das was Ihr da in der Uni lernt, ist kein Russisch. ‘Guten Tag, ich bin der Genosse aus der Sowjetunion’ – So spricht doch kein Mensch!“ – Recht hat er, denn jede Sprache hat ihren Slang – und ihre Schimpfwörter. Im Russischen haben Schimpfwörter eine besondere Bedeutung, sodass es sogar einen übergreifenden Begriff gibt, welcher diesen Teil des Vokabulars zusammenfasst: Mat.

Zum Mat gehört eine Vielzahl von Ausdrücken. Manche davon hat der ein oder andere von uns schon mal gehört. Zu den bekannteren Wörtern gehören „svolotsch“, „suka“ oder „bljad“.

Das Wort „bljad’“ ist sozusagen omnipräsent. Es heißt so etwas wie „Schlampe“ und ist neben seinem polnischen Pendant „kurwa“ so ziemlich das schlimmste Schimpfwort, welches ich kenne. Es wird benutzt wie das deutsche „Scheiße“ oder das englische „fuck“, jedoch ist es im deutschsprachigen Raum normal, wenn Kinder zu Hause oder in der Schule „Scheiße!“ sagen. Mit „bljad’“ ist es anders. Dieses Wort wird man am reich gedeckten Abendtisch einer echten russischen Mutter nicht zu hören bekommen. Auf der Straße ist es aber – vor allem unter Männern – allgegenwärtig und man versteht oftmals nichts, ohne dieses und einige andere Schimpfwörter zu kennen. Oft wurde mir gesagt, man brauche eigentlich nur ungefähr fünf verschiedene Schimpfwörter und man könne auf Russisch alles sagen, was man will. Natürlich handelt es sich dabei um eine ganz klare Übertreibung, aber manchmal eben auch nicht.

Der Sohn der Bäuerin, dessen Namen ich aus irgendeinem Grund direkt wieder vergessen hatte, benutzte das besagte Wort sogar als Lückenfüller. Anstelle von „So“ oder „Ähm“ sagte er eben… – genau: „bljad’!“ In Gedanken versunken und in die Ferne blickend murmelte er es leise und langgezogen vor sich hin. Weder vorher noch nachher habe ich jemals einen Menschen getroffen, der so sprach. Er erzählte von der Arbeit und fragte natürlich nach meiner Tour und meinen Beweggründen dazu. Man tauschte sich in der Art und Weise miteinander aus, wie es junge Menschen tun, deren Welten sehr verschieden sind, die sich zum ersten Mal in ihrem Leben begegnen und wissen, dass es auch das letzte Mal sein wird.

– Da fällt mir ein, dass ich auf die Frage nach meinen Beweggründen hin und wieder an Forest Gump denken muss. Während seines mehrere Jahre währenden Laufes durch die Vereinigten Staaten wird er in einer Szene von Journalisten gefragt, warum er das alles mache; ob es für den Frieden sei und was nicht alles. Er antwortet darauf schlicht und einfach: „I just felt like running.“ Meine Antwort auf so eine Frage könnte sein: „I just felt like cycling.“

Irgendwann war unser Gespräch beendet, die Sonne am Horizont versunken und ich in tiefen Schlaf verfallen. In dieser Nacht musste ich mal wieder raus, um Wasser zu lassen. Diesmal konnte ich dies aber nicht unbemerkt von den Wachhunden machen. Es gab ein Gebell, das mir unangenehm war. Hoffentlich hatte ich niemanden geweckt. Die Leute müssen arbeiten und das wahrscheinlich hart. Sie sollten durch einen Eindringling wie mich nicht in ihrer Erholung gestört werden.

Der Sohn war bereits zur Arbeit aufgebrochen, als ich aufwachte und das allmorgendliche Prozedere in Gang setzte. Die Bäuerin brachte mir etwas Brot mit ein paar Salamistücken darauf – genau so eine Salami wie die, welche ich am Vorabend vertilgt hatte. Ich freute mich sehr darüber, war aber auch mal wieder ein wenig beschämt, wie dies halt der Fall ist, wenn man von wildfremden und offensichtlich nicht reichen Leuten zu etwas eingeladen wird. Auf die Frage, ob ich noch mehr wolle, lehnte ich dankend ab. Sicher hätte ich mit Freude und Genuss noch einiges davon verzehren können, aber da es mir so schon ein wenig unangenehm war, übte ich mich in Bescheidenheit.

Eine weitere Abschiedsszene spielte sich ab, als ich ich mein eisernes Ross einmal mehr bepackt hatte. Ich gab ihr zum Abschied die Hand und bedankte mich herzlich für alles. Sie war sehr verlegen und wusste weder so recht was sie sagen sollte, noch wo sie hingucken sollte. Auch ich war etwas verlegen.
Da saß ich wieder im Sattel. Die Straße führte ostwärts und machte sogar einen Bogen in südliche Richtung, bis ich nach einigen Kilometern wieder auf eine nordwärts führende Straße abbog. Es waren Nebenstraßen, die mehr den Charakter von Feldwegen hatten und alles andere als stark befahren waren. Sie waren aber asphaltiert und in recht gutem Zustand. Das sollte auf dieser Reise nicht immer so sein.

Bald kam ich nach Aukštadvaris. Es ist ein kleiner Ort irgendwo an einer Hauptstraße, welche Vilnius mit Kaunas verbindet. Hier standen schöne Holzhäuser im baltischen Stil, die mit Bauerngärten umgeben waren. Hier und da krähte ein Hahn. Natürlich gab es zwei oder drei Lebensmittelgeschäfte. Allerdings waren meine Vorräte ausreichend für die nächsten Stunden. Auch entschied ich mich gegen ein Bad im hier gelegenen See, da ich mal wieder im Flow war und Kilometer machen wollte. Etwas nördlich von der Stadt war ja auch ein See eingezeichnet. Was ich da allerdings nicht wusste, war, dass es hier mit dem Baden nicht so einfach beziehungsweise unmöglich war. Kein Zugang zum Wasser, nur privat und von Hunden bewacht, ansonsten Schilf.

Da hatte ich wohl einen Fehler gemacht, mit dem es jetzt erstmal zu leben galt. Die Sonne brannte, Staub und Schweiß bildeten eine Einheit, als hätte man soeben ein Peeling auf die Haut aufgetragen, es nur nicht wieder abgespült. Also folgte ich der Straße weiter, bereitete mir an einer Bushaltestelle ein Mittagessen und fuhr weiter in Richtung Elektrenui, in dessen Nähe ein großer und mehrere kleinere Seen eingezeichnet waren. So fand ich auch eine Stelle direkt neben der schwach befahrenen Straße, nahm ein Bad, zog ein paar Klamotten durchs Wasser und legte mich ein wenig ins Zelt.

Ich wollte gerade wieder aufbrechen, als plötzlich ein Auto anhielt und zwei Männer ausstiegen, der Eine so etwa Anfang 30, der Andere mindestens 40 und schon ziemlich abgerockt. Sie sprachen russisch, denn von weitem hörte man bereits das Unverkennbare: „Bljad’, bljad’, bljad’…“ Wir kamen schnell ins Gespräch. Der Jüngere hieß Vitalik, der Ältere Serjoscha. Sie kamen aus Vilnius und suchten eine geeignete Stelle zum Angeln. Ich stellte mich, wie immer im russischsprachigen Bereich als Sascha vor. -„Ah, Alexander… Und wie du fährst mit dem Fahrrad von Berlin nach St. Petersburg? Du bist doch bekloppt…, bekloppt aber im Grunde und überhaupt…“

–An dieser Stelle lohnt es sich, ein weiteres russisches Wort zu erklären: „molodec“, ausgesprochen „maladec“ mit der Betonung auf der letzten Silbe. Es wird ins Deutsche standardmäßig als „Prachtkerl“ übersetzt und wird überall da benutzt, wenn jemand für sein Tun gelobt wird. Der Plural ist „molodcy“, ausgesprochen „maladcy“, ebenfalls mit der Betonung auf der letzten Silbe. So erzählte mir mal eine ältere Frau auf einer Zugreise von einer Bekannten, die als Kind von den Deutschen zur Zwangsarbeit verschleppt worden war und nun Entschädigung dafür bezahlt bekommt. „Die Deutschen“, sagte sie, „sind molodcy. Unsere würden niemals Entschädigung zahlen. Die zahlen noch nicht mal ihren Eigenen…“, und sie legte klagenderweise dar, wie der russische Staat seine Leute verarsche und ihnen nicht mal den Dreck unter den Fingernägeln gönne. In diesem Zusammenhang kann das Wort also als „feine Leute“ übersetzt werden. Die Deutschen seien also „feine Leute“.

– Lange Rede, kurzer Sinn: Vitalik bezeichnete mich also als „molodec“: „…bekloppt, aber im Grunde und überhaupt molodec“, und wandte sich an Serjoscha: „Wenn ich das in Vilnius einem erzähle, dann wird mir das keiner glauben.“ –„Wieso?“, entgegnete dieser, „die Leute reisen nun mal, ob nun per Anhalter oder was weiß ich.“ „Jaja, per Anhalter, aber doch nicht mit dem Fahrrad. Ich würde das noch nicht mal für Geld machen. Jaja, bekloppt, aber im Grunde und überhaupt molodec.”

[…]

Ich folgte der Straße weiter nach Norden. Nach einem kurzen Zwischenstopp in einem Supermarkt überquerte ich in Vievis die Bahnstrecke zwischen Vilnius und Kaunas. Tatsächlich zog ein kleines Gewitter vorbei und streifte mich mit ein paar wenigen Tropfen, während langsam verfallende sowjetische Industriebetriebe vorbei flogen. Ich musste an einen Bildband denken, der in unserer Schulbibliothek stand. „Der Rote Stern stirbt langsam“ hieß dieser und er zeigte genau solche verfallenden Industriebetriebe.

An solchen Orten stirbt er noch immer und ausgerechnet dieser Charme des langsamen Verfalls war mit ausschlaggebend dafür, dass ich in die Faszination Osteuropa hineingezogen wurde. Mir ist bewusst, dass ich in dieser Hinsicht sehr exotisch bin. Ich kann es nicht beschreiben, weiß nicht woher es kommt. Es ist einfach so. Vielleicht können Psychologen eine Antwort auf so etwas geben. Ich selbst tue mich da schwer und denke auch nicht, dass es überhaupt nötig ist.[…] Vergessen war der Ärger in Alytus und auch der von heute Mittag. Navigieren nach Karte und Kompass ist auch Gefühlssache, jedenfalls wenn du kein Tachometer hast, wie ich.

Elektronische Hilfsmittel wie Tachometer oder gar GPS verstoßen gegen meine Regeln, sind sozusagen unwaidmännisch und so muss man ein Gefühl für die Distanzen entwickeln, das heißt die Distanzen auf der Karte mit den realen koordinieren. Ist das jetzt dieser nicht genauer angegebene Weg oder war es der da vorne? Kommt er vielleicht gar noch? So manövrierte ich mich routiniert und erfolgreich an einen See, wobei ich erstmalig Kontakt mit den für Fahrradfahrer unsäglichen postsowjetischen Schotterstraßen hatte, die mir von da an noch ein paar Mal begegnen sollten. Diese sind nämlich quer zur Fahrtrichtung gewellt, weshalb das ganze Rad rappelt und in meinem Fall wieder dieses Pieken im Nacken auftrat. Meistens ist zudem diese lockere obere Staubkieselschicht so tief, dass du keinen Kontakt mit dem festen Untergrund hast und nur so herumschlitterst.

So trainierst du alle Muskeln, kommst aber kaum vorwärts, was vor allem dann heikel wird, wenn dir ein Hund hinterherläuft, was auch schon passiert ist. Überhaupt kommt das Wettrennen mit, oder besser gesagt die Flucht vor Hunden, regelmäßig vor. Josef, der Fahrradfahrer im Wald bei Olecko hatte mir seine Narben an den Beinen gezeigt. „In Tschechien“, hatte er gesagt, „hast du keine Probleme. Da sind die Hunde ganz friedlich. Aber hier in Polen sind sie scharf.“
Nun, die baltischen Hunde kamen mir mindestens so fremdenfeindlich vor wie die polnischen.

Ich kam also über diese fürchterliche Piste zu einem sehr beschaulichen Platz an einem See. Ein Mann angelte mit seinem Sohn. Die beiden riefen mit ihrem Aussehen bei mir das Stereotyp Birkenstockfamilie hervor. Wie zur Vollendung des Bildes stand etwas weiter der Kombi geparkt. Sie zogen einen Hecht an Land. Der Mann konnte noch etwas Russisch: „Großer Fisch, drei Kilogramm.“ – Ein schöner Fang! Ich wusch mich und legte mich ins Zelt, als der rote Kombi langsam vorbeifuhr.

Ich schlief, wie gesagt, sehr viel auf dieser Reise. Meistens ging ich vor elf Uhr abends ins Bett, manchmal sogar vor zehn, stand aber auch erst so gegen neun wieder auf. Das stundenlange Strampeln, die vielen Eindrücke und vor allem die permanente Sonneneinstrahlung machen einen ganz schön groggy. Bis dann morgens das Frühstück eingenommen und alles zusammengepackt ist, ist es dann gut und gerne halb elf. Von da an fährst du bis abends. Immer das gleiche Spiel.

So packte ich auch am nächsten Morgen alles zusammen. Eine Frau kam und war damit beschäftigt, das Gras am Ufer zu sensen und vor allem den Müll einzusammeln. Es fiel mir vor allem seit dem Überschreiten der ehemaligen Sowjetgrenze auf, dass so viel Müll an den Badestellen herumlag. Es ist einfach selbstverständlich, eine Flasche irgendwo hinzuschmeißen, wenn man sie leer getrunken hat. Das gilt vor allem bei Glas. Plastik, so musste ich mehrfach feststellen, kann man ja noch verbrennen.

Ich begann den beschwerlichen Trip über die extrem staubige Schotterpiste. Es waren ungefähr 15 Kilometer bis zur nächsten asfaltierten Straße. Die Erschütterungen waren unerträglich. Permanent lavierte ich hin und her, um besser befahrbare Spuren zu nutzen. Jedes Mal, wenn ein Auto überholte, musste man ein Tuch vor die Nase nehmen, um die Staubfahne nicht einzuatmen. Die Hitze war bereits morgens gnadenlos. Irgendwann gelangte ich dann zur Hauptstraße, wo auch ein Laden war. Schnell Bananen, Schokolade und Wasser gekauft und Rast am Eingang zur hiesigen Post gemacht.

Da kam ein Typ von etwa dreißig Jahren auf mich zu und fragte, ob ich mit ihm trinken wolle. Ich sagte ihm, dass ich noch Kilometer machen müsse. Mehrmals drängte er mich, aber ich blieb hart. Ob ich ihm denn Geld geben könne. „Mir tut das Herz weh“, sagte er. Ich gab ihm ein wenig und zusammen mit dem von seinen eben erschienenen Kumpels zusammengekratzten Geld reichte es. Es ist hierbei zu erwähnen, dass hier wie auch in Russland das günstigste Bier in großen PET-Flaschen verkauft wird. Mindestens 1,5 Liter, manchmal auch 2,5. Damit stehen sie dann irgendwo herum und trinken beidhändig aus diesen Gallonen. In Deutschland wäre das Frevel, aber die deutsche Bierkultur ist schon sehr exquisit und nicht umsonst weltberühmt.

Als die Jungs nun ihr Bier hatten, luden sie mich ein weiteres Mal ein: „So wird es umso lustiger sein.“ Ich lehnte erneut dankend ab und einer sagte noch zum Abschied: „Mit dem Fahrrad nach St. Petersburg – du bist doch geisteskrank.“ – Nun ja, ein jeder nach seiner Façon!

Ich fuhr also weiter nach Norden in Richtung der Kleinstadt Molėtai. Eigentlich braucht man gar nicht zu erwähnen, dass es sich dabei um eine Kleinstadt handelt, denn es gibt in Litauen nur fünf Großstädte: Vilnius, die Hauptstadt mit knapp 550.000 Einwohnern, Kaunas mit gut 330.000, Klaipeda an der Ostsee, das zu deutschen Zeiten Memel hieß, mit etwas mehr als 180.000, Šiauliai im Norden mit etwa 125.000 und Panevežis mit gut 110.000 Einwohnern – alles Städte, die ich nicht ansteuerte. Molėtai hat etwa 6.900 Einwohner und gilt als eine der ältesten Städte Litauens. Ihre Geschichte reicht bis ins 14. Jahrhundert. Sie ist ein beliebter Reiseort für Touristen. Die hauptsächlich östlich angrenzenden Wälder und Seen erzeugen vollends den Eindruck als wäre man in Schweden. Das wäre doch mal eine Alternative zu Schweden, dachte ich. Die Preise sind hier deutlich niedriger als dort und ich zumindest für meinen Teil kann mich sogar mit Russisch weitgehend verständigen.

Wohin das Auge reicht, waren auf meiner Route Seen. Nahezu die komplette Strecke von Berlin bis St. Petersburg ist mit unzähligen Seen gespickt. Auf die Frage wieviele es sind, kann man nur mit einem Zitat aus einem alten Kinder- und Volkslied antworten: „Gott der Herr hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet.“ Für so eine Tour war das natürlich super, denn so konnte ich mich immer frischmachen. Auf der anderen Seite stand natürlich das Mückenproblem. Auch an diesem Tag lag mein Lagerplatz mal wieder an einem See.

Ich hatte nicht gerade viele Kilometer gemacht. Aber das war ja auch nicht schlimm, denn ich war sehr gut in der Zeit. Nach dem Abendessen mit Instant-Suppe, Dosenfisch usw. las ich bis es so dunkel wurde, dass es nicht mehr ging. Eine Taschenlampe hatte ich nur für Notfälle dabei. Erstmalig schlief ich nicht sofort ein. Wahrscheinlich war die Anstrengung nicht ausreichend gewesen. Als ich dann doch langsam anfing wegzudämmern, fing plötzlich direkt neben meinem Zelt ein Hund an zu bellen, dass es mir in Mark und Bein zog.

Er schien herrenlos unterwegs zu sein, denn als ich regungslos und mucksmäuschchenstill in meinem Schlafsack verharrte, hörte ich weder eine menschliche Stimme, die zu ihm sprach, noch irgendwelche Schritte. Schlussendlich dachte ich mir, dass er wohl immer so hier rumrannte und durch Bellen seine Verwunderung über das ungewohnte Zelt artikulierte. So unbemerkt, wie der Hund gekommen war, so unbemerkt war er auch wieder verschwunden.

Der Moment des Gebells war einer von jenen, in denen ich dann doch gewisse Bedenken bekomme, wer da jetzt wohl näher kommt. Man weiß ja nicht, wer sich da nachts rumtreibt und ob Herrchen so ganz harmlos ist. – Nun, anscheinend war da gar kein Herrchen.

See in Litauen
Einer der vielen litauischen Seen

Nachdem ich am nächsten Vormittag zusammengepackt und mit einem Mann, der zum Schnorcheln hergekommen war, ein kurzes Gespräch geführt hatte, radelte ich weiter durch die skandinavisch anmutenden Wälder. Ruhig aber bestimmt war mein Kurbelrhythmus. Ein bunter Blumenstrauß an Gedanken durchflog meinen Kopf. Ich hetzte nicht. Wenn ich pausieren wollte, pausierte ich, wenn ich essen wollte, aß ich und wenn ich radeln wollte, radelte ich. Das Wetter war perfekt und meine Stimmung gut. Ein Ort namens Ignalina war der nächstgrößere auf dieser Tagesetappe.

In Ignalina sprang ich mal wieder in einen See. Ich befand mich offensichtlich am Badestrand der heimischen Bevölkerung, denn es war einiges los hier. Der See war vor allem von Kiefernwald umsäumt und in unmittelbarer Nähe zur Badestelle war unter den Kiefern eine Art kleiner Friedhof. Es stand eine Gedenktafel daran, dass hier die Opfer eines von den Deutschen im Zweiten Weltkrieg verübten Massakers begraben seien. Das fand ich irgendwie befremdlich: Ein Mahnmal des Grauens mit Picknickdecken drumherum, unter der Erde die verbrecherisch Geschlachteten und darüber jauchzende Badegäste.

Ein Steg führte einige Meter ins Wasser. Ich saß darauf. Ein junger und ein älterer Mann näherten sich. Der junge Mann sprach mich auf Litauisch an, worauf ich auf Russisch entgegnete, dass ich nichts verstände. So redeten wir auf Russisch miteinander. Der Ältere, der offensichtlich schon etwas getrunken hatte, sagte irgendwann: „Ey, geht doch mal zu den Mädels da rüber!“ – „Ach nein, die sind doch noch minderjährig“, sagte der Jüngere. „Ja, nur reden“, lallte der Alte. – „Wozu denn?“, warf ich mit schelmischem Grinsen ein. Der Alte hatte den Kopf leicht schief stehen. Sein Blick war wie im Delirium leer und in die Ferne abgeschweift. Mit rauher und leicht schwächlicher Stimme gurgelte er ein satyrhaftes Lachen hervor: „Hähä.“

An diesem Tag fuhr ich noch weiter bis an einen Ort namens Dūkštas. Auch hier war wieder ein See mit einem Badestrand und einem Steg. Da der Abend schon fortgeschritten war, gedachte ich mich hier niederzulassen. Eine Schar von Jungen im Alter von etwa zehn Jahren war hier versammelt, wobei die angesichts der vorangeschrittenen Zeit einsetzende Aufbruchstimmung deutlich zu spüren war. Ich fragte sie, ob sie des Russischen mächtig seien, was sie bejahten. Die Oma spreche Russisch, sagte einer von ihnen. Mein Zelt könne ich aufbauen, wo immer es mir beliebe.

Natürlich bohrten sie mich mit Fragen. Sie waren besonders daran interessiert, wie mein Alltag auf Tour aussieht und wie ich das alles bewerkstellige. „Was machen Sie denn gegen die Mücken“, fragte der mit der russischsprachigen Oma, der auch der Redeführer war. Ich erklärte ihm, dass ich da so ein Fensterchen habe, wobei ich das Fliegengitter meinte. Plötzlich schauten mich alle fragend an, denn das Wort „Fensterchen“ klingt im Russischen ähnlich wie das Wort „Katze“. Der Wortschatz dieser litauischen Jungs war begrenzt, viele Feinheiten waren ihnen unbekannt und so fragten sie: „Sie haben eine Katze dabei?“ Ich erklärte ihnen den Unterschied zwischen „okoschka“ (Fensterchen) und „koschka“ (Katze).

Irgendwann mussten die Kinder aber wirklich los und ließen mich mit meinem Zelt und meinem Fahrrad allein. Ein Liebespäärchen turtelte noch einige Zeit auf dem Steg herum. Es wurde dunkel und ich legte mich zu Bett.

Morgens um neun bekam ich Besuch von betrunkenen Männern. Der eine war ziemlich dick und benahm sich schlecht. Wie ich bereits erwähnte, ist es in diesen postsowjetischen Gebieten überhaupt eine geradezu selbstverständliche Unsitte, leere Flaschen und dergleichen einfach so in die Landschaft zu schmeißen. Im besten Fall wird der Müll auf einem Haufen gesammelt, vorzugsweise in der Feuerstelle. Man soll ja nie vergessen, dass zumindest Plastikflaschen wunderbar verbrennen, ja dafür prädestiniert sind, mit grüner Flamme und schwarzem übel riechendem Qualm Mensch und Natur einen Wohlgefallen zu tun.

Der Dicke wütete wahllos. Alles landete direkt in diesem schönen See. Meine Anwesenheit weckte Interesse bei ihm und schon sah ich mich in dieses frühmorgendliche Saufgelage verwickelt. Ja, ein bisschen würde ich trinken, aber nicht zu viel, denn ich wolle ja noch nach Lettland heute. „Komm Deutscher, Bierchen!“ Dazu wollte er mir noch die ganze Zeit Suppe andrehen, welche er zu Hause zu kochen gedachte. Dann schwang er sich auf den Motorroller, um noch mehr Alkohol von einem Geschäft zu besorgen.

Ich sprach mit einem der anderen, der mir zudem auch noch am klarsten vorkam. Der Dicke ließ auf sich warten. Als er dann schlussendlich doch kam, zeigte sich warum: Mehrere Wunden an Armen und Beinen zeugten von einem sauberen Sturz. Er hatte Bier, Sekt und Schokolade mitgebracht. „Komm Deutscher!“ –Nein, ich mag doch keinen Sekt. Ja, etwas Bier ist ok. Aber wie gesagt…

Ich saß nun also mit dem Dicken auf einer Bank, welche sporadisch aus zwei Baumstümpfen und einer Schaltafel gebastelt war. Die anderen standen drum herum. Wir gaben den Becher im Kreis, was mir vor allem bei dem Dicken sowie einem Weiteren mit ganz schlimmen Zähnen recht unangenehm war. Aber so ist es nun mal. Ich hatte es so gewählt. Ich wollte in diese Welt eintauchen. Nun musste ich das Spiel mitspielen.

Der mit den schlimmen Zähnen erzählte mir von seiner Neigung zu käuflicher Liebe. Nach Vilnius fahre er oft, sagte er und wollte wissen, was Prostituierte in Deutschland denn so kosten. Ich konnte es ihm nicht sagen, denn damit hatte ich keinerlei Erfahrung.

„Deutscher, lad meine Kinder nach Deutschland ein! Sie sollen doch was sehen von der Welt“, sagte der Dicke wiederholt. Und plötzlich fiel er von der Bank, lag in der Sonne und schlief. Die anderen hatten sich ebenfalls vorübergehend aus dem Staub gemacht. So war ich allein mit dem, der mir, wie bereits erwähnt, noch am saubersten vorkam und dem nicht mehr ansprechbaren Dicken. Wir beschlossen, ein wenig schwimmen zu gehen. Der andere legte dem Dicken ein Shirt auf den Rücken. Eine Frau belehrte ihn: „Legt ihm das auf den Kopf, nicht auf den Rücken! Das bringt doch nichts.“

Wir sprangen mit Anlauf von dem Steg. „Ah!“, tauchte der Andere aus den Fluten auf, „wieder nüchtern.“ Wann sie denn heute Morgen aufgestanden seien um zu saufen, wollte ich wissen. –„Wir haben gar nicht geschlafen. Gestern sind wir um zwölf aufgestanden und seitdem saufen wir.“ Nachdem ich noch eine Arschbombe hingelegt hatte, stiegen wir aus dem Wasser und begaben uns zurück zur Bank, wo der Dicke noch immer lag.

Langsam trudelten die Anderen wieder ein. Sie hatten jemanden mit einem Auto mitgebracht und es wurde beschlossen, den Dicken darin nach Hause zu transportieren. Ich hatte schon alles für meine Weiterfahrt vorbereitet, verabschiedete mich von denen, die ansprechbar waren und wollte gerade losfahren, als ich es mir anders überlegte und meine Hilfe beim Transport des Dicken anbot. Als wir zu mehreren anfingen, an ihm herumzuzerren, wachte er auf und sah benommen in die Runde: „Bljad’, was ist los? – Ach, Deutscher! Komm, Bierchen!“ So blieb mir nichts anderes übrig, als noch ein wenig mit ihnen zu trinken.

Alsbald kratzte ich aber die Kurve und fand mich endlich auf der Straße wieder. Bis nach Lettland war es ja nicht mehr weit und so kam bald auch der Hinweis, dass hier Lettland beginnt. Aber weit und breit keine Wechselstube, in der man die litauischen Litas in lettische Lats hätte umtauschen können. Zwei LKW-Fahrer gaben Auskunft: „Also hier gibt es keine Wechselstube, aber ein paar Kilometer weiter steht die Polizei und fängt Temposünder. Vielleicht wissen die mehr. Wärst du nicht besser mit dem Auto gekommen? Weißt du, Fahrräder gelten hier nicht als Transportmittel. In Deutschland und Polen und so, ja, da haben sie die gleichen Rechte als Verkehrsteilnehmer. Bei uns ist das aber nicht so. Also ich fahre gar nicht mit dem Fahrrad. Da habe ich Schiss.“

Ich traf tatsächlich wenige Kilometer weiter einen Polizisten in einem Streifenwagen, wenn auch es nicht so aussah, als wäre er in irgendeiner Weise in eine Blitzaktion involviert. Ich fragte ihn nach der Wechselstube, die ich benötigte und er sagte, es wäre erst eine in Daugavpils zu finden. Er schien zu merken, dass ich eine Stärkung brauchte und wechselte mir meine litauischen Litas in lettische Lats. „Damit Sie was zu sich nehmen können.“ Ich dankte, ging in den direkt gegenüberliegenden Dorfladen und kaufte Brot, Wurst, Birnen und Schokolade.

Unweit lag ein See. Ein paar Leute waren da. Eltern mit ihren Kindern. Eine Frau schimpfte mit ihrer kleinen Tochter: „Du verhältst dich abstoßend!“ In den See führte ein Steg, von dem Jungs nichts anderes taten, als wir in unserer Kindheit: Arschbomben. Ich schwamm, flickte Reifen, ruhte mich aus und aß. Eine Gruppe junger Leute kam hinzu. Es waren keine Jugendlichen mehr, aber auch noch nicht weit davon entfernt. Irgendwie kam ich mit einem von ihnen, einem etwas dickeren Typen namens Dima ins Gespräch. Sie kamen aus einem Vorort von Daugavpils, kannten sich aus der Schule und dies war eine der seltenen Gelegenheiten, an der sie mal wieder alle zusammengekommen waren. Selbst ein Mädel, welches normalerweise in England studiert, war auch anwesend.

Sie blieben bis zum späten Abend am See und ich blieb bei ihnen. Wir gingen Bier und Zigaretten kaufen. Einer von ihnen hieß Nemzow. „Nemez“ heißt Deutscher. „Nemezkij“ heißt deutsch. Die Endung „-ow“ deutet auf eine Abstammung, ein Herkommen. Sein Name verriet also, dass er deutsche Vorfahren hatte. Davon war nun nichts mehr zu spüren. Er war ein Lette oder Russe oder wie auch immer. So genau wussten sie selber nicht, was sie waren. In der Schule mussten sie lettisch sprechen, unter sich sprachen sie russisch. Sie hatten allesamt die lettische Staatsbürgerschaft und waren nicht so unglücklich mit der Abspaltung ihrer Heimat von der Sowjetunion oder Russland wie beispielsweise Vitalik, mit dem ich am See in Litauen einen Eimer geraucht hatte.

Den Namen Nemzow hatten die Bekannten zurückentwickelt und riefen ihn weder bei seinem Vor- noch bei seinem Nachnamen, sondern einfach „Nemez!“, „Deutscher!“ Ich folgte ihrem Beispiel. Das war insofern witzig, weil ich selber ja der einzige Deutsche hier war und einen Anderen, der kein Deutscher war, als solchen bezeichnete. Nachdem mir erst ein Ort gezeigt wurde, wo ich zelten könnte, sagte der Deutsche kurzerhand: „Komm mit zu mir!“ Er wohnte bei seiner Mutter, die sich ebenfalls in England befand, der Arbeit wegen. Er hatte also sozusagen sturmfrei.

Nun kam der Moment, an dem ich etwas tun musste, was ich sonst verteufle: Mein Rad wurde in ein Auto geladen und mitsamt meiner selbst etwa zehn Kilometer transportiert. Es waren zehn Kilometer auf der Strecke nach St. Petersburg, zehn Kilometer, welche ich eigentlich aus eigener Kraft hätte zurücklegen müssen, zehn Kilometer, welche nun einen Riss in der Linie auf meiner imaginären Karte bildeten. Wie habe ich doch die Leute verhöhnt und angeprangert, die an Regentagen mit dem Zug weiterfuhren und hinterher behaupteten, sie wären mit dem Fahrrad wer weiß wo hingefahren. Diese Schönwetterradler. Für mich waren sie nichts als Blender und Hochstapler. Nun sah ich mich selbst das Privileg annehmen, ein Stück gefahren zu werden – eine Schmach! Ehrlich gesagt war ich betrunken und es war mir egal.

Wir fuhren durch die Nacht. Der Horizont war rot und deutete die Weißen Nächte bereits an. Ich spürte wieder dieses Gefühl von Freiheit und Besonderheit, welches mein Unterfangen für mich bedeutete. Die Überschwänglichkeit eines Alkoholisierten spielte dabei in diesem Moment ihr Quäntchen mit.

Es soll aber an dieser Stelle ja nicht der Eindruck entstehen, ich sei ein Trunkenbold. […] Es ergab sich halt. Es war wie eine Party – meine Art von Party. Ob im studentischen Milieu, in dem ich mich zu dieser Zeit viel aufhielt, oder sonst wo – ich mochte Parties nie sonderlich. Es gab und gibt Ausnahmen, Parties auf denen ich mich sehr wohl fühle und von denen ich noch lange begeistert erzähle, aber ich musste mir irgendwann dann doch eingestehen, dass ich auf ihnen regelrecht einen Fremdkörper darstelle. Tanzen etwa war nie mein Ding. Wenn ich als Kind und Jugendlicher an Parties dachte, dachte ich an tiefgründige Gespräche draußen auf der Treppe, nicht an die Party selbst. Wenn ich auf einer Party ankomme, schwindet die wo auch immer herrührende Vorfreude meistens in Desillusionierung. Es ist, als wenn du mit Vollgas irgendwo hinfährst und nirgendwo ankommst. Du nimmst den Fuß vom Gas und denkst: „Und jetzt?“

Musik spielt dabei eine wichtige Rolle. Wenn sie zu laut ist, kann man sich nicht unterhalten, es sei denn man schreit seinem Gegenüber ins Ohr. Da ich, wie bereits gesagt, keinen Narren am Tanzen gefressen habe, sind solche Veranstaltungen nicht meins. Dabei mag ich laute Musik zuweilen durchaus. Metal und Hardrock sind da von Kindheit an mein Ding. Die Kraft, die in ihnen steckt, ist wie ein Brennstoff, der mich antreibt – auch auf meinen Touren. Ich höre zwar keine Musik, wenn ich unterwegs bin, habe aber oft Ohrwürmer. Außerdem gibt mir diese Musik zu Hause das Bedürfnis, Dinge wie etwa diese Fahrradtouren zu unternehmen, als flüstere sie mir ständig ein: „Mach crazy shit, Alter!“ Das heimische Krafttraining ist für gewöhnlich mit schweren Gitarren unterlegt. Sie bilden die Grundlage, die ich wie einen Teppich empfinde und die dabei entstehende Fitness kommt mir auf den Touren natürlich auch zugute.

Wenn ich aber in den Genuss komme, Musik laut zu konsumieren, dann steht einzig die Musik im Mittelpunkt. Ich konzentriere mich nur auf sie, lege mich förmlich in sie hinein – etwa auf einem Konzert oder allein zu Hause. Stupide trainieren kann ich dabei schon, aber für Konversationen ist dann kein Platz. Die Musik beherrscht dann meinen Geist vollends.

Die Parties, auf denen ich mich wohlfühle, sind mit leiser Musik unterlegt – Jazz, Lounge oder Ähnliches. Während die Musik nebensächlich im Hintergrund vor sich hinblubbert, kann ich mich unterhalten und wenn die Atmosphäre stimmt und passende Leute da sind, die interessante Dinge zu erzählen haben, dann fühle ich mich auch wohl.

Mir ist durchaus bewusst, dass ich mit meiner Einstellung eher kauzig daherkomme. Die überwiegende Mehrheit der Menschen kann sich dafür nicht vorstellen, wie man sein Heil in der Ruhe, in Wäldern, auf Bergen und an Seen suchen kann – und wie man mit dem Fahrrad nach St. Petersburg fahren kann. Aber das war eben meine Party, die eigentlich gar keine war. Ich war in meinem Element unterwegs und traf regelmäßig Leute. Wir redeten, mal tranken wir, mal nicht. Die meiste Zeit aber war ich allein mit dem Fahrrad, der Landschaft, der Straße, meinen Gedanken. Nun saß ich in einem Auto.

Wir kamen in eine Siedlung mit recht kleinen und niedrigen Plattenbauten. Irgendwo unten wohnte der Deutsche – oder besser gesagt: er hauste. Die Abwesenheit seiner Mutter hatte einen verheerenden Einfluss auf den Zustand der Wohnung. Es war nicht einfach unordentlich. Es war schlichtweg apokalyptisch. Zwischen allerlei Kram und Dreck lagen überall Gemüsereste herum. Ein Chaos sondergleichen. So saßen wir in einer völlig verwahrlosten Küche, während der Deutsche eine kalte Gemüseuppe zubereitete. Natürlich landete der Verschnitt nicht im Mülleimer, denn der quoll nicht erst seit gestern über. Stattdessen gesellte er sich zu dem restlichen Gemüse. Teller und Löffel mussten erst gespült werden, bevor wir reinhauen konnten. (Letzteres war mir allerdings nicht neu, denn in unserem Studentenwohnheim wurde es genauso gehandhabt.)

Trotz meiner diesbezüglichen Erfahrung und Abhärtung und obwohl ich selbst nicht gerade der Vorzeige-Hausmann bin, war ich fassungslos, wie er diese Wohnung zugerichtet hatte. „Deutscher!“, sagte ich, „Was ist bei dir los? Wie lebst du, Alter?“ Er konnte es sich selbst nicht erklären. Er zeigte mir Fotos von seiner Mutter. Sie war sehr attraktiv und ich scherzte, dass ich sie gerne mal kennenlernen würde. Vorher müsse aber erst die Wohnung einer Generalüberholung unterzogen werden.

Wir quatschten, aßen unser Süppchen, ein Bekannter des Deutschen war zwischenzeitlich zu Besuch und irgendwann legten wir uns schlafen. Es war später Vormittag, als wir aufstanden und der Deutsche verzweifelt eine Morgenzigarette zu organisieren versuchte. Ich fragte ihn, ob ich bei ihm duschen könne. „Im Prinzip gerne“, sagte er, „aber erstens muss die Badewanne vom Unrat befreit werden und zweitens gibt es kein warmes Wasser.“ Ich fragte ihn, ob er etwa die Gasrechnung nicht bezahlt hatte. „Nein“, antwortete er, die ganze Siedlung habe seit Wochen kein Warmwasser. Deshalb sei es auch egal, dass die Badewanne so vermüllt ist. „Und wie duschst du dich?“, fragte ich. Er selbst sah nicht so heruntergekommen wie seine Wohnung aus. „Ich gehe in die Banja.“ Eine Banja ist eine russische Dampfsauna. Sie gehört in Russland wie auch den ehemaligen Sowjetrepubliken zum Leben wie der Wodka oder der Kaviar. Kaltes Wasser macht mir nichts aus und so stellten wir die Einsatzfähigkeit der Wanne wieder her. Geduckt unter darüber gespannten Wäscheleinen duschte ich.

Irgendwann machte ich mich auf, wir verabschiedeten uns und ich steuerte mein Fahrrad in Richtung der Hauptstraße, über welche wir in der Nacht mit dem Auto gekommen waren. Daugavpils war nur wenige Kilometer entfernt. Die Stadt, welche im Deutschen Dünaburg genannt wird und auf eine Siedlung im Hochmittelalter zurückgeht, hat eine bewegte Geschichte. Nachdem hier zunächst ein sehr kurzlebiges und kleines griechisch-orthodoxes Königreich namens Jersika bestand, riss sich der Deutsche Ritterorden die Gegend unter den Nagel. Mal gehörte die Stadt zum polnisch-litauischen Königreich und die Russen marschierten mehrmals ein. Um Napoleon etwas entgegenzusetzen, wurde die Zitadelle errichtet, welche ihn aber trotzdem nicht am Einmarsch hindern konnte.

Napoleons Debakel in Russland ist bekannt und so war sie bald wieder unter russischer Kontrolle. Im Ersten Weltkrieg wurde die Industrie demontiert und vor den vorrückenden Deutschen in Sicherheit gebracht. Die Bevölkerungsanzahl schrumpfte auf ein Viertel. Im Dezember 1918 marschierte die Rote Armee ein und wurde 1920 im Zuge des polnisch-sowjetischen Krieges wieder verjagt. Es folgten 20 Jahre lettischer Unabhängigkeit, bis im Juni 1940 die Sowjets das Gebiet erneut besetzten. Hitler und Stalin hatten in einer kurzen Phase verbrecherischer Einigkeit den Osten untereinander aufgeteilt. Lettland gehörte demnach zu Stalins Anteil an der Beute.

Ein Jahr später war es damit aus. Die Deutschen überrannten das komplette Baltikum. Dabei löschten sie nahezu die gesamte jüdische Bevölkerung von Daugavpils aus. Diese hatte im 19. Jahrhundert zeitweise fast die Hälfte (!) der Stadtbevölkerung ausgemacht. Auch Hitlers Debakel in Russland ist bekannt. So waren wieder die Sowjets am Zuge. Lettland wurde, wie auch die beiden anderen baltischen Staaten, Teil der Sowjetunion.

Die Schwäche des Systems in den 1980er Jahren sowie Gorbatschows Perestroika machten die erneute Unabhängigkeit möglich. Am 23. August 1989 bildeten Bewohner der drei baltischen Staaten eine etwa 600 Kilometer lange Menschenkette von Vilnius über Riga bis nach Tallinn, um für die Unabhängigkeit zu demonstrieren. Das Datum war nicht zufällig gewählt, stellte es doch das 50-jährige Jubiläum des Hitler-Stalin-Pakts dar. Hier wurde der Funke für den Zerfall der UdSSR gezündet. Nachdem das Baltikum seine Unabhängigkeit erklärt hatte, verließen auch die anderen Republiken bald das sinkende Schiff. Es folgten Jahre der Transformation und Westintegration durch Beitritt in NATO und EU.

Nach einem Besuch im Internetcafé und erneutem Fassen von Proviant saß ich in einem Park, als eine ärmlich aussehende Frau auf mich zukam. Es war mir bereits aufgefallen, dass scheinbar alle hier wie selbstverständlich russisch miteinander sprachen. So tat auch sie es: „Was für ein schöner Junge, ach, was für ein schöner Junge…“ Sie bettelte um Geld und so gab ich ihr eine Kleinigkeit.

Es ging weiter nordostwärts. Das nächste Etappenziel war Rēzekne, aber ich wollte da nicht etwa schon heute ankommen. Ich hatte zu viel Zeit, denn mein russisches Visum wurde erst am 10. Juni gültig. Vier Nächte musste ich noch vor der Grenze verbringen und der lettisch-russische Grenzübergang, an dem ich eigentlich überzutreten gedachte, lag weniger als 150 Kilometer entfernt. In der Zeit hätte man problemlos die dreifache Strecke fahren können. So bummelte ich erst in Daugavpils herum, ohne ein besonderes Ziel zu haben, und radelte schlussendlich gemächlich los. Langsam reifte die Idee, die Zeit sinnvoll zu nutzen und noch weiter parallel zur Grenze bis nach Estland heraufzufahren. Aber selbst das war ein locker zu schaffendes Unterfangen und deshalb hatte ich keine Eile.

Etwa 30 Kilometer hinter Daugavpils war eine Gruppe von Seen auf der Karte eingezeichnet. Da konnte man also schwimmen gehen und sich so einmal mehr des Staubs und Schweißes entledigen. Rechts abgebogen fand ich einen sowjetischen Gedenkstein an den Großen Vaterländischen Krieg und eine Siedlung niedriger Plattenbauten. Wo denn ein Zugang zum See sei, fragte ich ein Päärchen etwa in meinem Alter. „Was?“, fragte der junge Mann genervt. Lustlos gab er eine Antwort: „Ein Bushäuschen aus Ziegelstein. Da nach links.“ Schön war es da nicht gerade, also fuhr ich wieder zurück und suchte weiter.

Ein betrunkener älterer Mann kam mir auf der Straße entgegengetorkelt. Wie es zum See ginge, fragte ich ihn. „Geradeaus, auf der linken Seite“, lallte er eifrig und mit weit ausholendem Kopfnicken, „da steht ein Sssschild.“ So war es auch. Das Schild kam nach wenigen hundert Metern. Ich bog links in den Schotterweg und war gleich am Strand, wo sich einige wenige Badegäste eingefunden hatten. Hier war es schön. „Do lässt di nieda.“ Um sicher zu gehen, dass es in Ordnung sei mein Zelt aufzuschlagen, fragte ich Leute, wie ich es bereits einige Male zuvor getan hatte. „Stellen Sie es auf!“, entgegnete eine Frau. Ich bedankte mich und sie lachte auf: „Es ist doch nicht unsere Sache.“ – „Nun, für die Information danke ich“, erklärte ich meinen Dank.

Abend an einem See in Lettland
Abenddämmerung über einem See in Lettland

Der Abend schritt voran. Das Kaiserwetter hatte mich, – bis auf einen kleinen Schauer am zweiten Tag -, die ganze Zeit begleitet und so war die Abenddämmerung wieder einmal herrlich. Von dem baufälligen und deshalb gesperrten Aussichtsturm am See wäre sicher ein schönes Foto zu schießen, dachte ich mir und kletterte allen Verbotsschildern und Absperrungen zum Trotz das morsche Holz hinauf. …Hihi, der Shot war es wert!

Am darauffolgenden Tag ging es weiter in Richtung Rēzekne. Es trug sich nichts Besonderes zu. Ich fuhr wieder auf einer Hauptstraße und die Fahrt verging wie im Flug. Abends suchte ich mir irgendwo östlich der Stadt einen Platz zum Zelten. Am Morgen darauf navigierte ich mittels Kompass über die meist nichtasfaltierten Wege. Der Schotter war knöcheltief und das Trampeln und Austarieren in der brennenden Vormittagssonne ein unangenehmer Kraftakt. An einer Stelle lief mir mal wieder ein aggressiv kleffender Hund hinterher. Obwohl das Hinterrad im Schotter zu schlittern begann und durchdrehte, konnte ich ihm irgendwie entkommen. Ob es wirklich an mir lag, dass ich unversehrt blieb oder ob das Sprichwort „Hunde, die bellen, beißen nicht“ zutrifft, kann ich nicht sagen. In dem Moment gab ich einfach Kniegas und schaute mich nicht um.

Durch navigatorisches Geschick und gelegentliches Fragen gelangte ich dann nach Rēzekne. Am Vorabend war ich bereits kurz in der Stadt gewesen, franste mich aber über Feldwege ostwärts aus ihr heraus, da ich einen Übernachtungsplatz im Grünen finden wollte. Nun fuhr ich aber hinein. Zum Einen um richtig zu schauen, wie das Städtchen so aussieht und was da so los ist, zum Anderen, um Proviant aufzufüllen und ein Internetcafé aufzusuchen. Ich hatte einer Reihe von Freunden, Bekannten und Familienangehörigen versprochen, regelmäßig Rundmails zu verschicken, um sie über den Fortgang der Reise und mein Ergehen auf dem Laufenden zu halten. Dazu musste ich, wie ich erfuhr, in die hiesige Stadtbibliothek, eine Jahresmitgliedskarte erwerben, was nicht teuer war und konnte dann an einem schon ein wenig in die Jahre gekommenen Rechner ins Netz.

Rēzekne war für mich der Punkt der Entscheidung. Ursprünglich wollte ich hier weiter nordostwärts bis zur russischen Grenze fahren, die keine fünfzig Kilometer entfernt lag. Allerdings war ich drei Tage zu früh da. Also war klar, was ich machen würde: Der nächste russische Grenzübergang lag schon in Estland. Dorthin war es deutlich weiter und so musste ich nicht drei Tage irgendwo rumgammeln oder im Kreis fahren um die Zeit totzuschlagen. Andererseits war er in dieser Zeit immernoch mehr als bequem zu erreichen. Also wurde Estland angesteuert.

Es war ziemlich warm und so beschloss ich, nicht in der Mittagshitze weiterzufahren, sondern an einem See nordöstlich der Stadt solange auszuharren, bis die Sonne etwas tiefer stand. Dann würde ich aufsitzen und Vollgas geben, bis die Sonne verschwindet. So geschah es auch. Nach einem kurzen Stop an einem Supermarkt, in dem ich unter Anderem ein Sonnenschutzspray kaufte, preschte ich in den herannahenden Abend hinein. Die Landschaft war hügelig und so kurbelte ich inbrünstig die Hänge hinauf, um mich dann an der anderen Seite einfach herunterziehen zu lassen.

Ich spürte, dass ich konditionell gut drauf war und es machte ungeheuren Spaß. Auf der Nebenstraße war kaum Verkehr, rechts und links lagen Wälder und Sümpfe. Hin und wieder kamen kleine Dörfer mit etwas Landwirtschaft. Es ging fast geradeaus nach Norden. Ich hatte das Gefühl ewig so weiterfahren zu können und mir war danach, aber irgendwann war der Abend so weit fortgeschritten, dass es unumgänglich war, das Lager aufzubauen. Die Tage wurden zwar mit jedem Kilometer nordwärts länger, aber es waren noch nicht die Weißen Nächte, in denen die Tage scheinbar nahtlos ineinander übergehen. So zeltete ich etwa hundert Meter rechts von der Straße in einem von Kiefern dominierten Wald. In der Nacht wurde ich zweimal wach: Einmal musste ich pinkeln, das andere Mal riss mich ein Wadenkrampf aus dem Schlaf. Der tägliche Sport machte sich langsam bemerkbar.

Tags darauf ging es weiter im selben Tempo bis nach Balvi, wo ich die Mittagspause mit Eis, grünem Tee und einem Bad im See verbrachte. Letzteres war eher unbefreidigend, da ich eine nur mäßig schöne Stelle ausgewählt hatte. Mittlerweile war ich verwöhnt. Wieder wartete ich bis zum späteren Nachmittag, um dann mit Volldampf weiterzureisen. Noch zweimal schlafen und ich durfte nach Russland.

Am fortgeschrittenen Abend kam ich nach Alūksne, ein kleines Städtchen mit weniger als 10.000 Einwohnern. Auf Deutsch wird es Marienburg genannt – genauso wie das Marienburg im ehemaligen Ostpreußen, durch welches ich vor nicht einmal eineinhalb Wochen gekommen war, was mir jetzt so unendlich lange her vorkam. Alūksne liegt an einem der vielen Seen, welche meinen Weg säumten. Von einem Steg aus sprang ich ins Wasser, nahm ein kleines Abendmahl ein und stellte das Zelt wie selbstverständlich auf. Es folgte eine Nacht, an welche ich aus irgendeinem Grund keinerlei Erinnerungen mehr besitze. Habe ich geträumt? Musste ich mal pinkeln? – Keine Ahnung.

Der nächste Tag war der letzte, an dem mein Visum für Russland noch keine Gültigkeit besaß. Ich befand mich in der nordöstlichsten Ecke Lettlands. Die estnische Grenze war nicht weit entfernt. In Estland selber sollte ich etwa zehn Kilometer ostwärts fahren und dann bereits am Grenzübergang zu Russland stehen. Von einem Aufenthalt in Estland zu sprechen kommt mir deshalb bis heute beinahe übertrieben vor.

Da der Weg nicht weit war, musste ich erneut Zeit totschlagen und blieb in Alūksne, schlenderte und schob dabei das Fahrrad durch die Gegend. Der Nachteil bei solchen selbstorganisierten Trekkingreisen ist, dass man seinen Krempel nur schwierig los wird. Er gibt einem auf der einen Seite Unabhängigkeit, da man alles selbst dabei hat – sogar das Dach über dem Kopf. Als nachteilig erweist sich aber der Umstand, dass man dann daran gebunden ist. Ich kann die Sachen doch nicht einfach irgendwo abstellen, da sie sonst geklaut würden.

Bei einem Besuch im Supermarkt schließe ich für gewöhnlich das Hinterrad mit einem Spiralschloss ab, wobei die Halteschlaufen von Packtaschen und Zelt mit einbezogen werden. So wäre es zwar für Schurken möglich,, in meinen Taschen zu kramen und etwas zu entwenden. Für alles Weitere müsste aber das Schloss geknackt werden, wobei ich darauf spekuliere, dass die Wahrscheinlichkeit solch einer Tat während eines zeitlich begrenzten Supermarktbesuchs auf einem rege frequentierten Parkplatz gering ist. Meine Wertsachen sind sowieso in der Lenkertasche untergebracht, welche ich stets bei mir behalte.

So ging ich umher und traf einen ungepflegt aussehenden Typen, der rauchte und Bier aus einer 1,5 Liter PET-Flasche trank, wobei er zur Unterstützung die eine Hand flach unter den Boden der Flasche schob, wenn er sie ansetzen wollte. Er erzählte eine Menge, sowohl Sinniges als auch Unsinniges, wovon ich das Meiste nicht mehr wiederzugeben weiß. Unter Anderem legte er mir die Geschichte einer Bauruine dar, in deren unmittelbarer Nähe wir uns befanden. Es sollte wohl etwas wie ein Kulturzentrum werden, mit dessen Bau sie noch zu Sowjetzeiten angefangen hätten. Aber Gelder versickerten, die Wende kam und nun stehe sie da herum und es wachsen Birken heraus.

Dann erzählte er, er habe keinerlei Interesse an Sex. Seltsamerweise sprach er aber viel darüber. Er behauptete zum Beispiel, dass er Regenmacher sei. Er könne halt Regen herzaubern. Seine Frau habe ihn schon oft darum gebeten, er solle es regnen lassen. „Nun“, sagte er, „dafür muss sie aber in Vorleistung treten.“ Diese Vorleistung bestehe darin, das zu tun, woran er ja laut eigener Aussage gar nicht interessiert ist. – Täglich hatte ich es mit Kuriositäten zu tun!

Kurz darauf hatte ich am See mein Zelt aufgeschlagen, darin etwas gedöst und las zwischenzeitig in einem Büchlein von Lew Schestow. In der deutschen Version (russischer Titel: „Apofeos bespochvennosti“) trägt dieses Werk den Titel „Apotheose der Bodenlosigkeit“ oder „Apotheose der Grundlosigkeit“. Schestow, ein zur Existenzphilosophie gehörender Denker, verteidigt hier freie Gedanken, welche nicht an ein in sich schlüssiges System gebunden sind. Ein Gedanke dürfe nicht deshalb verworfen werden, nur weil er nicht tiefer gehend begründet ist und sich somit nicht logisch in andere Gedanken einfügen kann. Konsequenterweise ist dieses Buch auch nichts als eine Sammlung von Aphorismen, deren Themenauswahl wild durcheinandergewürfelt ist und die sich nicht darum scheren, dass sie mitunter auch einander widersprechen.

Um den Freiheitsanspruch dieser Philosophie wissend und diesen anerkennend bin ich doch skeptisch. Wenn ich nichts begründen muss, dann kann ich ja alles Mögliche behaupten. Klar kann man es hinterfragen, aber eben so funktionieren doch die Dogmen, welche so viel Leid über die Welt gebracht haben: Sie stehen einfach im Raum, ohne dass sie begründet werden müssen. Das kann im Grunde alles sein und der englische Titel des Buches gibt dies eindeutig wieder: „All Things are Possible“.

Es war mal wieder ein Angetrunkener, welcher mich aus der Lektüre und den Gedanken herausriss. Auch er wollte wissen, was ich so treibe. „Aus Deutschland kommst du, so! – Ich war auch mal in Berlin. Blyad’, da gibt es Neger“, sagte er. „Ist doch normal“, sagte ich bestimmt, um ihm zu verstehen zu geben, dass ich Rassismus nicht gutheiße. „Was?“, sagte er, „normal nennst du das? Für uns ist das nicht normal. Naja, vielleicht ist es für euch normal, aber für uns ist ein Neger ein Wilder, weiter nichts.“

Irgendwann am Nachmittag beschloss ich, aufzubrechen, denn in diesem Städtchen gab es weiter nichts für mich und irgendwo in der Natur zu sein ist doch sowieso viel besser. Ich hatte schon auf der Karte einen See ausgemacht, an dem ich schlussendlich auch zelten wollte. Irgendwie nahm ich einen falschen Abzweig, merkte es zunächst nicht und hatte so einen kleinen Umweg zu fahren, was aber aufgrund der großzügig vorhandenen Zeit kein Problem darstellte. Irgendwann war Estland erreicht.

In allen umliegenden Ländern sind die Schilder, welche auf Gefahr durch Wildwechsel hinweisen mit einem Hirsch versehen. Anders in Estland. Hier ist es in streng skandinavischer Tradition ein Elch, der die Gefahrensymbole ziert. Nicht, dass es in Polen, Litauen, Lettland, Russland und Weißrussland keine Elche gäbe. Im Gegenteil. Es ist nur so, dass man in Estland besonders viel Wert darauf legt, da man sich betont zu den skandinavischen Nationen zählt.

Mein litauischer Freund in Berlin sagte einmal: „Die Esten versuchen krampfhaft, als Skandinavier zu gelten. Aber sie sind es einfach nicht. Sie sind ganz normale postsowjetische Balten, wie wir auch. Keiner nimmt sie als Skandinavier ernst.“

– Sagen wir es mal so: Die unmittelbare Nähe zum großen Russland hat die Geschichte des kleinen Estland stark beeinflusst. Lange Zeit war es mit den anderen baltischen Ländern zusammen Teil des Russischen Reiches sowie der Sowjetunion. Die Anwesenheit einer nicht unerheblichen russischsprachigen Minderheit im Land zeugt davon bis heute.

Straße in Estland
Straße in Estland

Auf der anderen Seite ist die estnische Sprache mit dem Finnischen verwandt und die Hauptstädte der beiden Länder durch eine nur zwei Stunden dauernde Fährfahrt voneinander getrennt. Zudem sind Schweden und Finnland wichtige Handelspartner.

Der See, den ich ausgemacht hatte, hielt das, was er auf der Karte versprach. Ein offensichtlich noch kürzlich von schweren Maschinen zerfurchter Weg führte auf weniger als 200 Metern direkt von der Straße ans Ufer. Dort zu zelten war kein Problem und das Schilf war an der Stelle durchbrochen, sodass ein erfrischendes Bad möglich war. Irgendwie schlief ich etwas unruhig – ob es wohl Vorfreude war? Jedenfalls stand ich am nächsten Morgen wie immer ohne Wecker auf, frühstückte, packte zusammen und näherte mich der russischen Grenze.

Auf einmal machte es „Paff!“ und ich saß direkt im selben Moment noch auf der Felge. Verflucht, also reparieren. Zum Glück hatte ich an dem See in Lettland, wo ich den „Deutschen“ kennen gelernt hatte, präventiv einen Schlauch geflickt.

Nach weiteren wenigen Kilometern begann mitten im Wald die Autoschlange. Ich fuhr langsam an ihr vorbei bis zur Ampel, die natürlich auf Rot stand. Dahinter Kontrollposten, Zäune, Kameras – ein richtiger Grenzübergang halt, wie man ihn in Mitteleuropa gar nicht mehr kennt. Die wartenden Leute sagten mir, dass man als Fahrradfahrer nicht warten brauche.

So ging ich zum estnischen Grenzposten. Die Frau nahm meinen Pass, öffnete ihn flüchtig und gelangweilt und bedeutete mir, ich dürfe die EU verlassen. Also weiter zu einem kleinen Häuschen. Hier saß ein russischer Grenzer: „Wohin fahren Sie?“ –„St. Petersburg.“ „Ach ja,“ sagte er freundlich, „das Wetter ist ja auch schön.“ Dann kam ein weiterer Grenzposten: „Haben Sie eine Migrationskarte?“ –„Nein.“ „Dann müssen Sie die noch ausfüllen. Hier, bitte.“

Den Sinn dieser Migrationskarten in Russland habe ich nie verstanden. Man schreibt auf ihnen in viel zu kleinen Feldern genau die Daten auf, welche bereits im Visum stehen, bekommt einen orangenen Stempel und das war es. Bloß nicht verlieren. In den Hotels und bei der Ausreise werden sie peinlichst genau kontrolliert.

Ich füllte also meine Migrationskarte aus, gab sie dem Grenzer zur Korrektur und ging weiter zur Zollkontrolle. Ein junges Mädchen ließ mich die Taschen auspacken. „Haben Sie denn gar keine Angst so allein?“ –„Nein, nein“, entgegnete ich. Bei der zweiten Tasche sagte sie: „Ach, die können Sie auch zu lassen“. Schließlich nur noch eine weitere Passkontrolle bei einer älteren Frau und ich stand einmal mehr auf der Erde von Mütterchen Russland.

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