Mit dem Fahrrad nach Sankt Petersburg

1. Ostwärts

Und plötzlich bist du unterwegs. Es fühlt sich zunächst nicht danach an – überhaupt nicht. Natürlich ist die Tour etwas Besonderes. Noch nie hatte ich so etwas in dieser Größenordnung gemacht, aber der Gedanke, dass dies der Auftakt zu einem über drei Wochen dauernden Unterfangen sein sollte, erschien mir surreal. Statt einem überschwänglichen Gefühl des Aufbruchs war da einfach nichts. Ich saß, wie so oft in den letzten Jahren, auf dem Fahrrad. Wie so oft, mit Gepäck und Zelt. Es lief – ja und?

Ich war nie ein Stubenhocker, jedoch gehörten Trekkingtouren über mehrere Tage noch nicht seit allzu langer Zeit zu meinem damaligen Bereich der Auseinandersetzung mit Natur und Raum. Wander- und Radtouren hatte ich unzählige gemacht.

Der Osten Europas hatte mich seitdem ich denken kann fasziniert. Oft werde ich nach den Gründen gefragt. Wenn ich Leuten erzähle, dass ich Russisch kann, vermuten sie normalerweise, ich sei entweder aus Ostdeutschland oder hätte eine Waldorfschule besucht. Beides ist nicht zutreffend. “Ausgerechnet Russisch – warum das?”

Um ausschweifenden Erklärungen aus dem Weg zu gehen, stelle ich normalerweise eine Gegenfrage: “Wenn ich euch erzählen würde, ich hätte Italienisch oder Spanisch gelernt, würdet Ihr mich dann auch danach fragen?” Die Antwort ist meistens: “Nein, du hast Recht.” – Sicher, es gibt Gründe und ich kann sie auch weitestgehend benennen, aber das würde an dieser Stelle zu weit führen. Sie wären Gegenstand genug für ein eigenständiges Buch, wobei sich hierbei die Frage stellen würde, wen das überhaupt interessieren würde.

Die Oder bei Cedynia
Die Oder – Grenze zwischen Deutschland und Polen

Die Idee, den weiten Osten Europas mit eigener Körperkraft zu erkunden, hatte eher den Status einer Spinnerei, die sich aus der Kindheit und frühen Jugend herübergerettet hatte. Irgendwann war das Interesse und damit das Bedürfnis, so eine Reise in die Tat umzusetzen aber so groß, dass ich mit der Vorbereitung begann. Erst kleinere Touren über zwei oder drei Tage innerhalb Deutschlands. Im letzten Jahr eine Tour von Dresden über Prag bis ins Salzkammergut, deren Erfahrungen zu einer deutlichen Verbesserung der Ausrüstung beigetragen hatte.

Eine längere Outdoor-Tour musst du folgendermaßen angehen: schlichtweg ein Datum setzen und alles Mögliche, was im Vorfeld bezahlt werden muss bezahlen, zum Beispiel ein Visum für die Russische Föderation. Das Geld ist dann nun einmal ausgegeben und es wäre schwierig, vor sich selbst einen Reiserücktritt aus Bequemlichkeit oder Ähnlichem zu rechtfertigen. Dann geht es los und zunächst kapierst du nicht, dass es wirklich soweit ist, dass dies nun das Projekt in seiner konkreten Ausführung ist, dass du in den nächsten dreieinhalb Wochen irgendwo im Zelt schlafen wirst, meist ohne Zugang zu fließendem Wasser, in doch ziemlich ausgeprägter Unwissenheit, was dich an so manchem Ort erwartet. Heute bist du noch ganz normal aus einem herkömmlichen Bett gestiegen, hast ganz selbstverständlich eine Dusche genommen und frisch gebackenes Toast verzehrt.

Aber so krass ist es dann auch nicht, wenn du bedenkst, was andere für Touren machen. Nicht zuletzt hatte ich das Buch von Wolfgang Büscher gelesen, der von Berlin nach Moskau zu Fuß gegangen war. Ganz so wild wollte ich es dann doch nicht treiben, denn erstens hatte ich nicht so viel Zeit bzw. Geld und zweitens muss ein wenig Luxus doch sein, zum Beispiel ein Zelt oder ein Campingkocher. Auf einem Fahrrad kannst du einfach viel mehr transportieren. Ich hatte sogar in geradezu dekadenter Manier einen kostengünstigen aber sehr bequemen dreibeinigen Hocker dabei.

Der eigentliche Beginn der Reise war für mich die Überquerung der Oder bei Cedynia, nordöstlich von Berlin. Hierhin hatte es von Eberswalde aus, wohin ich ein paar Tage zuvor aus Berlin-Zehlendorf angeradelt war, etwa zwei Stunden gedauert. Nun stach ich langsam aber sicher in Richtung Pommern vor. Es herrschte Kaiserwetter und das Blau des in meiner Phantasie bereits so östlich anmutenden Himmels, welches noch durch die Sonnenbrille verstärkt wurde, verlieh mir das Gefühl jener Freiheit, welche ich hier suchte. Langsam realisierte ich dann doch, dass dies der Anfang einer Reise war, welche selbst in Zeiten postmaterialistischer Langeweile und großen Ausrüstern wie etwa Globetrotter oder Decathlon eher noch eine Seltenheit darstellt.

Von Berlin nach St. Petersburg mit dem Fahrrad zu fahren klang für die meisten meiner Bekannten geradezu unmöglich und vor dem Hintergrund eines nach wie vor existenten Misstrauens gegenüber dem Osten als schlichtweg gefährlich. Polen war ja noch in Ordnung. Klar kamen die üblichen Witze. Besonders meine beiden polnischen Mitbewohnerinnen warnten mich mit einem Augenzwinkern: „Pass bloß auf dein Fahrrad auf!“ Auch das Baltikum klang wenig suspekt. „Ach wie schön!“, hieß es, als ich letztes Jahr durch Tschechien zu fahren gedachte. Aber Russland? –„Nein Austi, willst du dir das nicht noch mal überlegen?“ Ich bemerkte stets, dass ich das Land, seine Leute, seine Kultur, seine Sprache und auch seine Tücken sehr gut kenne und mich dementsprechend zu verhalten wisse. Es würde schon alles gut werden.

Für diese Tour hatte ich extra mein Studium unterbrochen. Dieses Semester sollte mal ohne mich stattfinden. Diese ewige Theorie, dieses Analysieren aus dem Elfenbeinturm heraus war mir langsam aber sicher unbefriedigend geworden. Als ich im Herbst 2009 – nach einem Jahr intellektueller Pause und einem halbjährigen Aufenthalt in Neuseeland – am Osteuropainstitut mein Master-Studium anfing, war ich hellauf begeistert. Voll in meinem Element, stürzte ich mich in die Bücher.

Ein Jahr später bereits waren die Risse im Asphalt jedoch deutlich zu sehen. Mir stieß vor allem dieser am Institut gelehrte positivistische Puritanismus sauer auf. Im Prinzip ist diese positivistische Herangehensweise eine gute Sache: handfest und vor allem einfach. Wer sich strikt an das Schema hält, bekommt im Handumdrehen sehr gute Noten und auch Ergebnisse, welche im Groben zumindest erhellend wirken. Allerdings geht dieser Ansatz mit einer durchaus gewollten Blindheit an die Materie heran.

Die besonderen Eigenschaften einer zu untersuchenden Gesellschaft werden um der Wissenschaftlichkeit willen vernachlässigt. Alles wird in Raum-Zeit übergreifende Aussagen gepresst, sodass am Ende einer Arbeit etwas Derartiges steht: ‘Der Lebensstandard in diesem Land ist niedrig, also ist auch die Demokratie nur mäßig entwickelt.’ Der alles umspannende Rahmen dieser Art von Wissenschaftlichkeit macht es möglich, dass jeder beliebige Sozialwissenschaftler über jedes beliebige Land auf der Erde Forschung betreiben kann. Richtige Landesexperten – beispielsweise für Russland – werden nicht gebraucht. Stattdessen gibt es nur so etwas Ähnliches wie Universalgelehrte, die mit theoretischen Grundlagen bewaffnet alles zu erklären in der Lage sind. So kommt es dann zu dem, was der damalige Leiter der Soziologie am Osteuropainstitut Prof. Nikolai Genov, den zu hören ich noch die Ehre besaß, in einem seiner Bücher sagt: „Sie schreiben methodologisch stimmige Artikel über Länder, in denen sie noch nie waren und über die Probleme von Menschen, welche sie nie getroffen haben.“

See in Pommern
Der erste Morgen der Tour

Der erste Tag war von keinen besonderen Vorkommnissen begleitet. In Pyrsyce wurde der Verkehr wegen eines Motorradunfalls umgeleitet. Sah ziemlich böse aus.

Wenig später sah ich einen Typen, der im Tarnanzug mit einem Metalldetektor durch den Wald schlich. Die Vermutung dass es sich um einen Militaria-Sammler handelte, erschien mir nah. Es gibt doch diese Waffenfreaks, die bis heute nach den Überresten der Ostfront suchen und es dürfte noch viel Zeit vergehen, bis sie alles leergefischt haben. Mein Lager schlug ich an einem idyllischen See kurz vor Choszchno auf, nahm ein Bad und lauschte auf dem Steg dem Gesang des Kuckucks.

Am nächsten Tag ging es nach ein paar Müsli-Riegeln weiter nach Choszchno – Nahrung fassen und ein Anti-Allergikum besorgen, denn leider bereitet mir meine Gräserallergie zuweilen eine Trübung des Naturerlebnisses – mal mehr, mal weniger stark.

In Choszchno tat sich sofort ein altes sowjetisches Kriegerdenkmal auf, auf welchem verkündet wurde: „Unsere Sache ist richtig“. Diese Denkmäler, welche von „deutsch-faschistischen Eindringlingen“ und „Schurken“ sowie von Helden erzählen, die „im Kampf für die Freiheit und Unabhängigkeit der sozialistischen Heimat gefallen sind“, ziehen sich über das gesamte von der Roten Armee im „Großen Vaterländischen Krieg“ eroberte Territorium. Sie zollen den 26,6 Millionen in diesem Krieg gefallenen Sowjetbürgern angemessenen Tribut, zeichnen jedoch ein einseitiges Bild der Geschichte, in der immer nur die anderen Fehler gemacht haben, man selbst aber grundsätzlich nie.

Von der totalitaristischen sowjetischen Geschichtsschreibung herrührend wird ja bis heute in Russland von eben jenem „Großen Vaterländischen Krieg“ gesprochen, welcher am 22. Juni 1941 begann. Alle anderen Völker dieser Erde sprechen dagegen von Zweiten Weltkrieg, welcher bereits am 1. September 1939 begonnen hatte. Da hatten Hitler und Stalin nämlich gemeinsame Sache gemacht und Polen von der Landkarte getilgt, woran man sich in Russland bis heute nicht gerne erinnert – wenn überhaupt. Für ein solches Denkmal, welches die Richtigkeit der sowjetischen Sache anpreist, wird man sich in Polen sicherlich herzlich bedanken.

Ich hatte Hunger und fand eine Bar, in der man zu fairen Preisen bereits vormittags speisen konnte. „Ich verstehe kein Polnisch“, sagte ich der Frau meinen beinah einzigen polnischen Satz auf. Sie wollte mir direkt Hamburger andrehen aber mir sprangen direkt die Piroggen ins Auge, wonach mir gerade auch eher der Sinn stand. Also sagte ich: „Pirogi russkie.“ –„Was erzählen Sie mir denn, Sie würden nichts verstehen? Sehen Sie, Sie verstehen doch.“

Hinter Choszchno ging es weiter auf einer Allee. Strahlend blauer Himmel, Felder und zunehmend Wald. Ich hatte wieder dieses Gefühl von Freiheit und die Gewissheit, dass ich hier genau das Richtige tue. So kam ich zunächst nach Drawno, einem kleinen Ort mitten im pommerschen Wald, der scheinbar zum Großteil vom Tourismus lebt und direkt an seinem Ortseingang mit seiner Internetadresse drawno.pl wirbt. Die Schönheit dieses Ortes veranlasste mich direkt dazu, in der Karte den Namen zu unterstreichen und ein Ausrufungszeichen dahinter zu setzen. Danach kam ich nach Kalisz Pomorski, nahm einen Imbiss ein und setzte Kurs auf Waɫcz. So fuhr ich und fuhr ich.

Allmählich zogen Wolken auf. An einem Rasthof war ein Schild mit einem Duschsymbol. Ich verständigte mich mit der Wirtin, duschte und fuhr weiter. Bis Waɫcz war es nicht mehr weit. Der Westwind wurde stärker und führte vor Augen, dass der nahende Regen unausweichlich war. „Na toll“, dachte ich mir, „schon am zweiten Tag geht es mit dem Regen los. Das fängt ja gut an.“ Aber so ist es eben, wenn man draußen unterwegs ist. Man hat sich der Witterung zu unterwerfen.
In Waɫcz mussten zunächst die Vorräte aufgefüllt werden. Ich ärgerte mich, wie so oft auf dieser Tour, beim Abstellen des Rades, da der Ständer bereits kurz nach dem Kauf bei einer Tour durch das Sauerland abgefallen war. Man konnte ihn wieder anschrauben, jedoch fiel er erneut ab.

Das Fahrrad hatte ich für 100€ gebraucht gekauft. Der Plan sah dahingehend aus, es in St. Petersburg an irgendjemanden zu verschenken. Der Stiefvater eines guten Freundes, der sich mit Fahrrädern auskennt, kommentierte mein Bike folgendermaßen: „Da spielt wohl auch ´ne Menge Nostalgie mit bei deiner Tour.“ – Nun, das Fahrrad war eigentlich ganz ok. Es war beileibe nicht professionell, aber in gutem Zustand. Ich hatte im Training über den April und die erste Maihälfte des Jahres etwa 1000 Kilometer auf ihm zurückgelegt und war zuversichtlich, dass es die 2000 Kilometer bis St. Petersburg durchhalten würde. – Bis jetzt erfüllte es seinen Dienst jedenfalls vorzüglich.

Da stellte ich also das Fahrrad vor diesem Supermarkt in Waɫcz ab, betrat ihn und prompt fing es an zu regnen, um genau in dem Moment wieder aufzuhören, als ich durch die automatischen Türen wieder herauskam. „Das nennt man ein Timing“, dachte ich für mich. Hinter einem Bahnübergang rannte plötzlich ein Typ, etwa in meinem Alter, neben mir her und rief etwas auf Polnisch. Ich hielt an und sagte meinen Satz: „Ich verstehe kein Polnisch.“ „Are you doing a tour?“, fragte er mich. „Yes“, sagte ich und erzählte in aller Kürze über mein Vorhaben. Er war begeistert und sagte, er wolle mit dem Fahrrad nach Schottland fahren. Wir wechselten ein paar Worte über Pläne, Ausrüstung etc., ein bestärkendes Lächeln unter Gleichgesinnten und schon saß ich wieder im Sattel.

Der Abend war herangenaht und es wurde Zeit, das Lager aufzuschlagen. Zunächst irrte ich im Wald umher. Dann beschloss ich, an einem Haus direkt an der Straße, in dem ein junges Paar wohnte, zu fragen, ob ich bei ihnen auf der Wiese zelten dürfe. Ihr Anwesen lag direkt an einem mäandrigen Gewässer im Wald und man konnte, -wahrscheinlich bei ihnen-, Kanus ausleihen. „How many people?“, fragte der Mann mit einem skeptischen Blick. –„It’s just me“, antwortete ich. Darauf hin wies er mit äußerster Freundlichkeit und Selbstverständlichkeit auf die Wiese. Er hatte wohl mit einer ganzen Horde gerechnet.

Überhaupt gehen die meisten Leute davon aus, dass ich nicht alleine unterwegs bin. Wann immer ich irgendwo erzähle, dass ich diese Touren unternehme, wird die Frage gestellt: „Mit wem machst du das denn?“ Auf die Antwort „Alleine“ folgt dann stets Verwunderung: „Hast du denn keine Angst?“, ist die häufigste Erwiderung. Zuweilen wird auch gefragt: „Wird es dir nicht langweilig?“ – Nun, meistens beides nicht.

Es gibt Situationen, in denen eines von beiden kurzzeitig auftritt, aber es ist nicht dramatisch und was die Angst betrifft, so macht sie auch ein Stück weit den Reiz des Unterfangens aus. Was veranlasst Abenteurer, ein Abenteuer zu machen? – Es ist zweifelsohne der Faktor des Unbekannten, Außergewöhnlichen, Unberechenbaren. Reinhold Messner schrieb einmal, der Unterschied zwischen einem Entdecker und einem Abenteurer bestehe darin, dass der Entdecker ein Abenteurer wider Willen ist. Er will etwas entdecken und schlittert ungewollt ins Abenteuer, während der Abenteurer es auf das Abenteuer abgesehen hat.

Wenn du ein Abenteuer suchst und von irgendetwas wie Nässe, Kälte, Krankheit, Mücken oder Ähnlichem geplagt wirst und du dich ärgerst, dass du nicht zu Hause bist oder dementsprechend Unannehmlichkeiten zu ertragen hast, musst dir dann immer sagen: „Ich habe es ja selbst so gewollt.“ Die Entschädigung dafür sind im Falle von Abenteuern unvergessliche Erfahrungen, atemberaubende Aussichten und Ähnliches sowie die befriedigende Überzeugung, etwas aus der dir gegebenen Lebenszeit gemacht zu haben. In jedem Fall hast du hinterher etwas zu erzählen. Das hat nicht jeder.

Ich unternahm einen kleinen Spaziergang an dem besagten Gewässer, schaute mir eine Tafel an, auf der eine Karte für Kanufahrer abgebildet war und ärgerte mich über die kleinen Quälgeister, welche mich stachen oder bissen. Es waren keine Mücken. Dafür waren sie zu klein. Sie erinnerten mich sehr an die neuseeländischen Sandflies, welche, etwa so groß wie Fruchtfliegen, ganz Neuseeland und vor allem die Südinsel zu Myriaden bevölkern und mit ihren Bissen teilweise richtige feine Blutströme verursachen. Dabei gehen sie vor allem gerne an die Sprunggelenke. Blutflecken in den von innen weiß gehaltenen Schuhen waren damals die Folge gewesen.

In dieser Nacht fror ich – so viel zum Thema Unannehmlichkeiten. Der Regen hatte die Luft merklich abgekühlt, sie war feucht und ich hatte keine Iso-Matte dabei, wie ich auf Sommertouren überhaupt nie eine mitnehme. Auf diesen Luxus hatte ich zugunsten anderer, wie zum Beispiel des Hockers, verzichtet. Dennoch war mein Schlaf verhältnismäßig gut und lang. Es sollte die einzige zu kühle Nacht bleiben. Am nächsten Morgen frühstückte ich, machte die übliche Katzenwäsche, packte und fuhr los. Beim Einbiegen auf die Straße gen Nordosten fuhr die Hausherrin, eine sehr attraktive Frau, welche mir zusammen mit ihrem Mann den Zeltplatz gewährt hatte, in einem Pickup an mir vor bei. Wir winkten uns kurz zu und so ward die heutige Etappe eröffnet.

Der Morgen war immer noch recht kühl, obwohl die Sonne schien. Ich radelte in Richtung Jastrowie, der nächsten Ortschaft. Dort angekommen hielt ich, von der Unschuldigkeit des noch nicht allzu weit fortgeschrittenen Morgens überzeugt, Ausschau nach einem Lebensmittelgeschäft.

Plötzlich passierte, ohne dass ich oder einer der anderen Passanten in der Unvermitteltheit und Schnelligkeit realisierte, was da vor sich ging, folgendes: Auf einem parallel zur Straße positionierten langgezogenen Parkplatz rannte auf einmal ein Mann hastig zu seinem schwarzen BMW um diesen so schnell wie möglich rückwärts auszuparken, als ein weiteres Auto sich über den Parkplatz schnell näherte und den BMW einkeilte. Im selben Moment war eine Sirene erschollen und zwei Männer, welche in der Eile nicht einmal mehr die Zeit fanden, das Blaulicht auf das Dach zu stellen und es demnach auf dem Armaturenbrett stehen ließen, stürmten mit gezogenen Pistolen aus dem zweiten Wagen, stürzten sich auf den Mann, der gerade einmal die Tür seines Wagens erreicht hatte, schmissen ihn zu Boden, zogen seine Hände auf den Rücken und legten ihm, der schon keinen Widerstand mehr leistete, Handschellen an. Ungläubig auf das Geschehen blickend und nicht mehr auf die Strecke achtend rollte ich langsam vorbei. Eine Festnahme also.

Ich schaute mich um und sah wie die Leute, welche das Geschehen ebenfalls beobachtet hatten, ihre Köpfe wieder in Richtung ihrer eigentlichen Tätigkeiten drehten. Da stand nun das zweite Auto vor dem ersten mit weit geöffneten Türen und das Blaulicht leuchtete vor sich hin. Die Männer waren hinter dem BMW abgetaucht. Es ging alles so schnell, dass man nicht mal die Zeit hatte aufgeregt zu sein. Es war schiere Verblüffung. Beinah wäre ich noch mit einem Pöhler kollidiert und sah auf der anderen Straßenseite einen Sklep, ein Lebensmittelgeschäft: Frühstück!

Den Tag über passierte eigentlich nichts Besonderes. Es war einer dieser trockenen, meist sonnigen Tage, an denen es im T-Shirt zu kalt, im Pulli aber zu warm ist. So hielt ich ständig an, um den Pulli entweder an oder auszuziehen. Der Versuch, dies während der Fahrt zu tun, scheiterte am Gewicht des stark bepackten Lenkers. Um die Lenkertasche herum hatte ich das Spiralschloss gewickelt, welches gleichzeitig als Bananenhalter fungierte. So wurden die Bananen, welche, neben Müsliriegeln, auf einer solchen Tour einen elementaren Ernährungsbaustein darstellen, nicht in den Gepäcktaschen durch Druck und Erschütterungen in Mitleidenschaft gezogen. Ein weiterer Vorteil dieser alles Andere als professionellen Konstruktion bestand darin, dass ich schnell Zugriff auf die Bananen hatte und während der Fahrt Energie zuführen konnte. Dies war in den ersten Tagen insofern gut, da ich Kilometer machen wollte.

Durch persönliche Probleme der letzten Monate geplagt und wie durch eine unsichtbare Macht angetrieben suchte ich mein Heil in der Ferne. Bewegung, Anstrengung – das war im Moment das Einzige, was meine Nerven etwas beruhigte, oder sagen wir mal: sie ablenkte.

Außerdem wollte ich möglichst schnell nach Masuren, das Land, von dem ich schon so viel gehört hatte. Meine Oma ist gebürtig aus Masuren. Ihr Schicksal ist eines der vielen Heimatvertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg und das Andenken an dieses Land mit seinen Seen und Wäldern wurde in unserer Familie stets gepflegt. Die Bücher über Ostpreußen in unserem Haus füllen ein ganzes Regal und nicht wenige davon hat sie mehrmals gelesen. Ich hatte dementsprechend beschlossen, den Ort ihrer Kindheit und Jugend mitsamt ihrem Hof auf der Durchfahrt nach St. Petersburg zu besuchen und es zog mich zu diesem ersten geplanten Highlight der Reise nahezu magisch hin.

Also fuhr ich beständig auf der kürzesten Route, der Hauptstraße, welche Gorzów Wielkopolski mit Elbląg verbindet. Die Autos und LKWs, welche mich beständig überholten, störten mich wenig. Meine Picknicks nahm ich im Schutze von Wartehäuschen an Bushaltestellen ein, denn der Wind war nach wie vor kühl. Rund um die rege befahrene Straße boten die Felder und Wälder, sowie einige wenige Seen aber doch den Anblick und das Gefühl von Idylle und Natur.

Seit dem Überschreiten der polnischen Grenze waren mir zunehmend Störche und ihre Nester aufgefallen, gerade so als ob es sie nur hier gäbe, ja, als wenn sie nur hier Asyl hätten. Sie nisten vorzugsweise auf Strommasten in menschlichen Siedlungen und kleinen Dörfern. In vielen Dörfern stellen sie sogar gegenüber den Menschen die Bevölkerungsmehrheit dar.
In Człuchów, wo ich am bereits fortgeschrittenen Nachmittag ankam, trugen sich dann doch noch zwei besondere Vorkommnisse zu: Zunächst betraf es mein Rad. Als ich mal wieder aus einem Supermarkt kam, war es im Fahrradständer davor umgekippt und das Vorderrad ziemlich verbogen. Ich ärgerte mich natürlich sehr, nicht zuletzt über meine eigene Dummheit, erinnerte mich aber sogleich an einen Fahrradladen um die Ecke. Es war der einzige Fahrradladen, welcher mir auf der gesamten Tour ins Auge fiel; – manchmal hat man einfach nur Glück.

Ich schleppte das Fahrrad mitsamt Gepäck zu dem besagten Laden, verständigte mich auf Englisch mit dem Verkäufer, welcher mich direkt an den Reparateur weiterleitete. Dieser legte das verzogene – nein: verknickte Rad in den Zentrierständer, machte sich ans Werk und lies nach wenigen Minuten auf Polnisch die erlösenden Worte verlauten, welche ich sofort verstand, weil sie dem Russischen mehr als nur ähneln: „Man kann fahren.“ Ich hatte einen verschwindend geringen Betrag zu zahlen und konnte meine Reise fortsetzen.

Am Ortsausgang geschah dann das zweite Ereignis: Es gab einen Knall, der in Mark und Bein schoss – der Reifen eines LKWs, welcher in zum Glück sicherer Entfernung an mir vorbeifuhr, war geplatzt.

Nach einem kurzen Bad in einem der Seen nahe der Stelle, an der sich das Pech des LKW-Fahrers ereignet hatte, sah ich mich in erfrischtem Zustand wieder auf der Straße. Durch die zu treffenden Erledigungen (Besorgungen im Supermarkt, ein Mahl in einer sogenannten „Milchbar“ – ein in Polen weit verbreitet auftretendes günstiges und einfach-rustikales, jedoch äußerst leckeres Restaurant oder Bistro) sowie diesen dummen Zwischenfall mit meinem Fahrrad wurde ich eine Zeit lang aufgehalten, sodass es mittlerweile fortgeschrittener Nachmittag war.

Logistische Aufwendungen bedingen nicht zu unterschätzende „Verzögerungen im Betriebsablauf“, um es mit den Worten der Deutschen Bahn auszudrücken. Ein Lebensmittelgeschäft muss ermittelt und angefahren werden, das Fahrrad abgestellt und angeschlossen und gewisse Dinge, zumindest aber die Lenkertasche mit den Wertsachen mitgenommen werden. Die anderen Sachen überlasse ich jedes Mal ihrem Schicksal in der Hoffnung, dass sich niemand an dem verschnürten Gepäck vergreift – oder es zumindest nicht zu entpacken schafft, bis ich zurück bin.

Nach Beendigung des Einkaufs muss ich es dann selbst entpacken und die Waren möglichst clever verstauen. Dabei muss an das Gleichgewicht gleichermaßen gedacht werden wie auch an die praktische Überlegung, was man bis zur nächsten größeren Pause zu verwenden gedenkt, um nicht wieder alles auseinander nehmen zu müssen.

Größere Pausen auf dieser Tour schlossen meist die Einnahme einer warmen Instant-Suppe ein. Diesen Luxus bereitete ich mir mithilfe eines kleinen Campingkochers, der mit Trockenbrennstoff funktioniert, ein sogenannter Esbit-Kocher. Es handelt sich um eine kleine Metallkiste, welche zwei Klappen besitzt. Wenn diese geöffnet sind, braucht man nur eine oder zwei Tabs von besagtem Brennstoff hineinstellen, anzünden und einen Topf daraufstellen. In zugeklapptem Zustand dient die Kiste als Aufbewahrungsort für den Brennstoff. Dieser verbrennt nahezu ohne Rückstände zu hinterlassen. Es handelt sich insofern um eine sehr praktische Angelegenheit. Wenn man nur Dinge aufwärmen möchte, kommt man mit den Tabs recht lange aus. In der Regel reicht ein Tab pro Mahlzeit. Auf der anderen Seite stinkt der Brennstoff wie eine Zoohandlung und macht keinen gesunden Eindruck. Dies ist der Grund, weshalb meine Gefühle gegenüber diesem Zeug gemischter Natur sind.

Um zum Punkt zurückzukommen: Einkaufen, Essen gehen, Essen selber bereiten, Auf- und Abbau des Lagers, Reinigung von Mensch und Material, Reparatur und Wartung sind Dinge, die einen gewissen zeitlichen Tribut fordern, welcher nicht zu unterschätzen ist. Es sind vor allem diese Dinge, welche einen daran hindern, noch mehr Kilometer zurückzulegen, nicht etwa körperliche Ermattung. Auch wenn die meisten Leute es sich nicht vorstellen können, ist der Mensch körperlich in der Lage, von morgens bis abends Fahrrad zu fahren. Das hängt natürlich von gewissen Faktoren wie Kondition oder auch –nicht zu unterschätzen – der Psyche ab. Allein organisatorisch vermag er es nicht zu vollbringen – einige wenige kleine Pausen außer Acht gelassen.

Wenige Kilometer hinter Chłuchów liegt eine deutlich größere Stadt namens Chojnice. Diese Stadt, welche einen schönen Stadtkern mit Sehenswürdigkeiten besitzt, von denen vor allem sicherlich das Rathaus sowie der Marktbrunnen zu nennen sind, gehörte bis zum Ende des Ersten Weltkriegs zum Deutschen Reich und trug den Namen Konitz.

Im Jahre 1900 erlangte die Stadt Aufmerksamkeit durch die sogenannte „Konitzer Mordaffäre“. Über einen gewissen Zeitraum tauchten an verschiedenen Orten dieser Stadt die Körperteile eines jungen Mannes auf, welcher offensichtlich ermordet worden war. Die Schnitte, mit welchen der Mann in seine Einzelteile zerlegt worden war, leisteten Gerüchten Vorschub, es handele sich um einen jüdischen Ritualmord, worauf es zu derart heftigen antisemitischen Ausschreitungen kam, dass selbst die Armee mit 500 Soldaten einrücken musste, um die Lage in den Griff zu bekommen. Der Verdacht sowohl gegen einen jüdischen Schächter als auch einen deutschen Fleischer konnte nicht bewiesen werden. Ermittlungsfehler direkt zu Beginn der Untersuchung sowie Falschaussagen von Zeugen, welche im Nachhinein eine Reihe von Verurteilungen wegen Meineids nach sich zogen, hatten die Behörden in eine Sackgasse geführt. Das Ansehen und die Existenz des jüdischen Schächters waren unwiderruflich zerstört, jedoch konnte der wahre Täter nie überführt werden.

Während die Hauptstraße die Stadt in einem Bogen umgeht, fuhr ich geradewegs durch sie hindurch und schaute mich etwas um. Kurz hinter dem Ortsausgang kam ich dann wieder auf die Straße. Die Sonne war schon deutlich gesunken und tauchte die Landschaft in das vertraute rötlich-gelbe Licht eines lauen Sommerabends. Jetzt, am Ende des Wonnemonats Mai war der Sommer endgültig da.

Lager bei Rytel
Zeltlager bei Rytel

Wenige Kilometer weiter sah ich in einer kleinen Ortschaft namens Rytel ein Hinweisschild auf eine Campingstelle. Dafür musste man rechts abbiegen, dem Fluss etwas folgen und da war es dann. Am Ufer war nun eine dieser Stellen, welche es in Deutschland meines Wissens nach nicht gibt. Es ist ein kleiner eingezäunter Bereich, wo jeder ohne Anmeldung und Gebühr sein Lager aufschlagen kann. Es gibt keine Dusche und selten eine Toilette, aber das habe ich ja sonst auch nicht. Das Einzige, was es hier gibt, ist das gute Gefühl zu wissen, dass niemand etwas dagegen hat.

Irgendwie erinnerte mich dieser Ort an eine Stelle in Neuseeland, welche mir seinerzeit sehr lieb geworden ist. Auch dort handelte es sich um eine idyllische Stelle am Fluss, an der man unbehelligt campen durfte.

Mein schier unbändiger Hunger während all der Trampelei forderte eine weitere üppige Mahlzeit mit Brot, Instantsuppe, Dosenfisch, sauren Gurken und Schokolade. Danach legte ich mich ins Zelt und schlief – wie eigentlich immer auf dieser Tour – mehr als zehn Stunden, ehe der Körper grünes Licht gab, um nach Einnahme eines großen Frühstücks und dem Abbrechen des Lagers sich erneut in Bewegung setzen zu können.

Es folgten einige weitere Stunden auf dem Seitenstreifen der rege befahrenen Hauptstraße, die der Leser sich sicherlich als langweilig vorstellt. Mir kamen sie aber nicht so vor. Überhaupt ist Langeweile etwas, das bei mir selten vorkommt. Ich mache mir meine Gedanken – gute wie schlechte – und schaue mir die Gegend an.

Die Gegend ist ja das, weshalb ich hier bin. Das macht, so denke ich, die Seele des Wanderers aus. Er ist nicht nur Wanderer, weil er wandert. Er ist ein Wanderer, weil das seinem Wesen entspricht. Er bewegt sich, ob nun zu Fuß oder auf dem Rad, vorwärts und findet darin seine Erfüllung. Er ist zum Wanderer, – nein: als! Wanderer geboren. Er braucht keine Reizüberflutung, keine Videospiele, keine Filme mit Special Effects. Er braucht die Eindrücke, welche Natur und Umwelt auf ihn ausüben: Farben, Formen, Klänge, Gerüche und Gefühle, sensuell wie auch emotional. Zusammen mit seinen Gedanken und den bei der Anstrengung ausgeschütteten Glückshormonen ergibt sich das Ensemble, welches ihn glücklich stimmt, sein Cocktail an persönlichen Eindrücken. Dazu muss noch der scheinbar nebensächliche Aspekt ergänzt werden, dass am Ende eines Tages oder gar der ganzen Reise ein Blick auf die Karte eine gewisse Zufriedenheit, ja, einen gewissen Stolz hervorruft, wenn du dir vergegenwärtigst, dass du dies alles rein aus eigener Kraft zurückgelegt hast.

Ich liebe Landkarten. Von Kindheit an konnte man mich mit einer Karte oder einem Atlas allein lassen und ich war stundenlang beschäftigt. Das ist bis heute so und es wird sich wohl nie ändern. Manchmal habe ich das Gefühl, die theoretische Reisevorbereitung mittels Kartenmaterial mache mir noch mehr Freude als die Reise selber. Dies ist wohl übertrieben, jedoch erstaunt mich die Beharrlichkeit, mit der ich über diesen bunten Bildern brüte, manchmal selbst.

Der Wind blies recht stark aus südlicher Richtung, als ich die Weichselbrücke erreichte. Mächtig und anmutig lag der Fluss im schillernden Sonnenlicht. Dahinter Felder, flach wie ein Pfannkuchen, sodass der Horizont wie mit einem Lineal gezogen wäre, wenn nicht in weiter Ferne kleinere Hügel sich erhöben. Auch wenn der Wind nicht aus Richtung Ostsee kam, so war die beinah unmittelbare Nähe des Meeres deutlich zu spüren.

Auf meiner ganzen Tour durch das Baltikum sollte ich nie näher als diese 30 Kilometer, welche mich noch von der Hafenstadt Gdansk (Danzig) trennten, an die Ostsee herankommen. Warum ich mir nicht die Zeit für einen Besuch in dieser geschichtsträchtigen Stadt nahm, ist eine gute Frage. Ich hatte meine Prioritäten eben anders gesetzt. Auf der Weiterfahrt zerbrach ich mir die ganze Zeit den Kopf, was es wohl mit der vor mir liegenden Stadt Malbork auf sich hatte – ein seltsamer Name, der in meinen Ohren so gar nicht polnisch klingt, aber auch nicht deutsch.

Offensichtlich hatte ich mich schlecht vorbereitet, denn sonst hätte ich ganz klar gewusst, um was für einen Ort es sich hierbei handelt. Erst als ich direkt auf die Haupttouristenattraktion dieser Stadt zufuhr, wurde mir klar, dass ich eigentlich zufällig das architektonische Wahrzeichen Ostpreußens gefunden hatte: die Marienburg.

Die Marienburg – Wahrzeichen Ostpreußens

Diese wurde ab 1270 als Festung des Deutschen Ordens, errichtet, um dessen Expansion nach Osten zu sichern. Im Laufe des Dreizehnjährigen Krieges 1454 bis 1466 fiel sie in polnische Hände, da der Hochmeister des Ordens Ludwig von Erlichshausen sie zwar erfolgreich gegen die polnischen Belagerer verteidigen ließ, bald aber über kein Geld mehr verfügte, um seine Söldner zu bezahlen. So gab er ihnen die Burg als Pfand und sie verkauften sie direkt an den polnischen König. – Daraus soll mal einer schlau werden: Ich verteidige unter Einsatz meines Lebens eine Festung und verkaufe sie dann demjenigen, gegen den ich sie verteidigt habe. – Naja, aber so ist nun mal das Söldnertum…

Im Dreißigjährigen Krieg waren es natürlich die Schweden, welche sich in der Burg häuslich einrichteten. Erst mit der Ersten Polnischen Teilung, die 1772 von Preußenkönig Friedrich II. und der russischen Zarin Katharina der Großen ausgehandelt worden war, fiel die Burg wieder in deutschen, das heißt preußischen Besitz. Sie war nach all den Jahrhunderten nun nicht mehr im besten Zustand, weshalb teilweise sogar Abrissarbeiten an ihr durchgeführt wurden.

Um den völligen Verfall zu verhindern, wurden weitgehende Restaurierungsmaßnahmen eingeleitet. Der berühmte preußische Staatskanzler und Reformer Karl August von Hardenberg schickte unter anderem niemand geringeres als Karl Friedrich Schinkel. Das ist eben der Mann, welchem vor allem das heutige Berlin einen Großteil seines wunderbaren Antlitzes verdankt. Als Deutschland dann ab 1871 ein zusammenhängender Nationalstaat wurde, bekam die Marienburg auch gesamtnationale Bedeutung zugesprochen. Sie wurde sowohl unter der kaiserlichen Herrschaft als auch später im Dritten Reich propagandistisch ausgeschlachtet.

Wohin dieser Nationalismus führte, ist bekannt und so zerstört wie das ganze Land war im Jahre 1945 auch die Burg. Sie pfiff wörtlich aus dem letzten Granatloch. Der polnische Staat baute sie wie z.B. auch den historischen Stadtkern Danzigs mit hohem Aufwand wieder auf.

So bin ich also mal wieder über eine historische Stätte gestolpert, welche ich vorher zwar kannte, welche ich aber in meiner Reiseplanung gar nicht bedacht hatte. Das gleiche war mir im letzten Jahr auf dem Weg nach Prag passiert, als ich mich auf einmal vor den backsteinernen Festungsanlagen des Konzentrationslagers Theresienstadt wieder fand. Nun also noch eine Backsteinfestung, zudem die größte in Europa.

Direkt stand auch ein Campingplatz ausgeschildert und ich entschied mich, auf ihm zu übernachten. Eine Dusche war eine wunderbare Vorstellung. Ich wurde nicht enttäuscht. Für 20 Złoty bekam ich einen Platz mit Blick auf die Burg, eine wohltuende Dusche sowie Besuch von einer kleinen aufdringlichen Katze, die zunächst meinen Makrelensalat verschlang und dann vehement Streicheleinheiten forderte. Nach einem abendlichen Spaziergang um die illuminierte Marienburg legte ich mich schlafen.

Abschiedsfoto
Abschiedsfoto mit der kleinen Katze

Ich hatte meinen Wecker auf sieben Uhr gestellt, um noch möglichst viel vom Heimatdorf meiner Großmutter zu sehen. Der Himmel war bedeckt, es blieb aber trocken. Noch eine Dusche mitnehmen, Lager abbrechen, sich von der Katze verabschieden.

Nach vier Tagen auf dem Rad war der Punkt der sogenannten ‘Superkompensation’ erreicht, an dem die Kraft scheinbar explodiert. Du fährst wie ein Berserker und es macht dir gar nichts mehr aus. Keine Anstrengung, keine Ermüdung. So verging der Weg von Malbork nach Elbląg wie im Flug. Ein kurzer Zwischenstop an einem Sklep und weiter Richtung Miłakowo.

Dummerweise hatte sich die Straße nach Warschau, welcher ich etwa 25 Kilometer folgen sollte, seit dem Druck meiner Karte in eine Autobahn verwandelt. Da hatte sich meine Leidenschaft für Karten ja toll ausgezahlt! Es wurde noch überall gebaut, aber die Form einer Autobahn hatte es bereits.

Ich stand vor der Auffahrt und haderte: Vor Elbląg stand noch ein Schild, Fahrräder seien nicht erlaubt. Hier allerdings war nichts zu sehen. Außerdem wurde ja noch gebaut und in meiner Karte stand nichts von einer Autobahn. Im Falle eines Zusammentreffens mit der Polizei hätte ich mich also als ganz dummer Ausländer präsentiert, noch besser: als ganz dummer Deutscher. Hier stand ja kein Schild und ich bin es gewohnt, dass alles genauestens geregelt ist. Sie würden schon ein Auge zudrücken.

Also stieg ich in die Eisen. Um möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten, musste alles schnell gehen: Dampf, Power, vorwärts! Die ersten Kilometer fuhr ich scheinbar unbemerkt von Kraftfahrern und Bauarbeitern, bis an einer Stelle ein Baggerführer in schallendes Gelächter ausbrach. Da verschwand auch noch der letzte Zweifel daran, dass ich auf jeden Fall falsch war und schnellstmöglich hier runter musste. Aber wie? Ich trampelte und trampelte. Der Verkehr rauschte vorbei. Da war auf einmal ein Bahnsteig mitten im Nirgendwo.

Die Autobahn wurde bereits die ganze Zeit von einer Bahnstrecke begleitet. Ich wuchtete das doch recht schwere Fahrrad über die Leitplanke, wurstete es die Böschung runter, hob es über Schienen und Bahnsteig und befand mich auf einem asphaltierten Feldweg. Von hier kam ich zu einer kleinen Straße, welche direkt mittles einer Brücke über die Autobahn zu einer anderen Straße führte. Da hatte ich also zunächst in einem Kraftakt die Autobahn verlassen, einen Haken geschlagen und mich so aus der Affäre gezogen.

Die Straßenschilder versprachen, dass ich mich in der richtigen Richtung befände, jedoch mündete auch sie irgendwann auf der Autobahn. Ich schlug mich also durch die Felder, mit Hilfe von Karte, Kompass und meinen miserablen Polnischkenntnissen. Wie gesagt kenne ich eigentlich fast nur den Satz „Ich verstehe kein Polnisch“ oder „Ich verstehe wenig Polnisch“. Ich nenne dann den Namen des Ortes, wo ich hinstrebe und reime mir den Rest mithilfe meiner Russischkenntnisse zusammen. Das hatte letztes Jahr in Tschechien bereits ganz gut geklappt und war auch diesmal von Erfolg gekrönt. Und man glaubt es kaum: Ein Mann sagte, es gäbe dort einen beschilderten Fahrradweg. Tatsächlich! Allerdings war dieser Weg in derart schlechtem Zustand, dass ich von den Erschütterungen ein Pieken zwischen den Nackenwirbeln bekam. Unangenehm war dies wohl.

Es folgte ein weiterer Zwischenstopp in einem Sklep in Pasłęk, dessen Besitzer mich, wie alle hier, direkt als Deutschen identifizierte und mir zu verstehen gab, dass er irgendwo zwischen Köln und Aachen in der Landwirtschaft gearbeitet hatte. Nun kamen die letzten knapp 40 Kilometer nach Miłakowo. Masuren war genau so wie ich es mir stets vorgestellt hatte: Wälder, Hügel, Seen, Ruhe. Man trifft auf der Straße selten Fahrzeuge an, in den Dörfern leben teilweise mehr Klapperstörche als Menschen und es ist schlichtweg schön.

Es ist verständlich, dass die Leute, die hier aufgewachsen sind, Sehnsucht nach ihrer Heimat haben. Nicht alle waren Nazis und hatten Schuld an Krieg und Vernichtung. Die historischen Umstände bereiteten ihnen ihr Schicksal – wie das so vieler anderer. Kinder etwa, die in die Zeit hineingeboren wurden oder Leute, die zwar eine innere Abneigung gegen das Regime hatten, aber nicht die Kraft und den Mut fanden, etwas dagegen zu unternehmen – oder es doch taten: Die Aktivisten der Weißen Rose etwa sind hierfür ein Beispiel.

Uns mutet die Heimattümelei der Vertriebenen reaktionär an. Sie ist es, wenn sie nicht auch die Perspektive der Gegenseite einzunehmen vermag. Sie ist es, wenn sie revanchistisch die alten Gebiete zurückfordert. Sie ist es, wenn sie revisionistisch die deutsche Schuld am Ausbruch des Krieges abstreitet, die Verbrechen leugnet, relativiert oder kleinredet. Wer nach dem Motto ‘Wir Deutschen’ nationale Identität betont, der muss auch damit zurechtkommen, dass sich ‘wir Deutschen’ uns die Misere selbst eingebrockt haben.

Ich persönlich halte nichts von Aussagen wie ‘Wir Deutschen’, ‘die Russen’, ‘die Polen’ oder Ähnlichem. Jeder ist doch in erster Linie ein Individuum, etwas Besonderes, ein Einzelfall. Es gibt überall Gute und Schlechte, Große und Kleine, Dicke und Dünne. Eben das will der Nationalismus nicht einsehen. In maßloser Selbstüberschätzung stellt er sich über andere Völker. Diese sind für ihn nicht nur minderwertig, sondern zudem eine Bedrohung. Das rechtfertigt Gewalt. So kam es damals wie es kam und wie es wohl auch kommen musste.

Meine Oma war etwa in meinem Alter als an einem Tag im Januar 1945 plötzlich Panzer am Horizont zu sehen waren. „Die fuhren so schnell, dass der Schnee nur so in die Luft flog.“ Es waren sowjetische Panzer und da war es bereits zu spät. Eine Granate schlug direkt in ihrem Haus ein und begrub ihren Großvater unter sich. Sie beerdigten ihn unter einem Obstbaum. Das einzige, was man als Sarg verwenden konnte, war die Hakenkreuzfahne. Die brauchte von nun an sowieso keiner mehr. Später starben noch ihre Mutter sowie ihr damals noch einziges Kind.

Nach all den Wirren landete Oma in Kamen, einer nichtssagenden Kleinstadt am östlichen Rande des Ruhrgebiets, meinem Geburtsort. Die ist allenfalls bekannt aus dem Verkehrsfunk, da sich hier die Autobahnen A1 und A2 kreuzen und es häufig zu Staus kommt. Witzigerweise wird das Kamener Kreuz in einem bekannten Song von Gottlieb Wendehals erwähnt. Die Landschaft ist im Vergleich zu Masuren öde. Oma wohnt dort nun schon fast 70 Jahre. Heute sieht sie Kamen als ihre Heimat an und ich habe den Eindruck, dass sie in den letzten Jahren die Ereignisse von damals aus einer distanzierteren Perspektive zu betrachten vermag. Sie hat mich dabei unterstützt, Russisch zu lernen und ist glücklich, dass der Enkel freundschaftliche Kontakte im ehemaligen Feindesland pflegt.

Ich kann mich noch daran erinnern, dass das Verständnis in früheren Jahren nicht so entwickelt war. Da war die deutsche Seele noch derart von Nachkriegskomplex und Verlustschmerz betroffen, dass sie wie ein verwundetes Tier um sich schlug. Die Deutschen waren demnach nicht die Bösen, weil sie den Krieg und den Holocaust angefangen hatten, sondern weil sie ihn verloren hatten. Es stand doch immer irgendwie ein gewisser Vorwurf von Siegerjustiz im Raum. Wenn das Gespräch auf die damaligen Vorkommnisse gelenkt wurde, zählte man die Vergehen der Anderen auf.

So erzählte Opa hin und wieder von seiner Internierung bei den Amerikanern und dem Psychoterror, welchem er und seine Kameraden ausgeliefert waren. Die Amis spielten nämlich den Gefangenen von morgens bis abends immer wieder ein und dasselbe Lied vor, um sie mürbe zu machen. „Aber das stimmt ja alles nicht, das ist ja alles nicht mehr wahr, denn wir haben den Krieg ja verloren.“ Wenn die eigene Biografie involviert ist, sieht die Aufarbeitung der Vergangenheit eben anders aus oder, wie in Omas Fall, braucht sie eben Jahrzehnte.

Es ist nicht leicht einzusehen, dass man Jahre lang auf der falschen Seite gestanden hat, vor allem wenn es sich dabei um die kostbaren Jahre der Jugend handelt. Es waren unter Anderem diese Gedanken, welche mir durch den Kopf gingen, als ich die masurischen Alleen entlangkurbelte. So friedlich und ruhig war es hier. Felder wechselten sich mit Wäldern und kleinen Dörfern ab. Komisch: Es war genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte und ich fand dieses Land so vor, wie ich es erträumt hatte. Alles schien irgendwie entrückt, die Zeit stehengeblieben.

Plötzlich, ich schwöre, es ist keine Dichtung, hatte ich so eine Vorahnung: Hier muss es sein. Und wie von Zauberhand erschien am Wegesrand das Schild „Warkałki“. Hier ist sie also, die Bauernschaft, kurz vor Miłakowo, in der Oma aufgewachsen war. Zu deutschen Zeiten trug sie den Namen Hartwich. Auf der rechten Seite stand zunächst ein abgebranntes Bauernhaus. Ich fuhr vorbei und hielt am nächsten Bauernhof an.

Die Hunde schlugen Alarm, man öffnete die Tür und sah mich erwartungsvoll an. „Ich verstehe kein Polnisch“, wiederholte ich zu x-ten Mal meinen Satz. „Was verstehst du denn, vielleicht Deutsch?“ –„Ja.“ Wieder einmal hatte ich Glück. Agnieszka, die Tochter des Hauses, arbeitet in Duisburg und war gerade zu Besuch im elterlichen Haus. Ich erzählte, warum ich da war. Ich sagte, ich wisse, dass in dem Haus, welches nach dem Krieg auf den Originalfundamenten wiedererrichtet worden war, zumindest in den 1980er Jahren die Familie Januszkiewicz lebte und gegenüber – zumindest vor einigen Jahren noch – ein Sportlehrer seinen Wohnsitz hatte.

Agnieszka erklärte mir den Weg, wir tranken einen Tee, es gab ein paar deftige Snacks und ich machte mich auf den Weg zu besagtem Ort. Nur links in den Weg beim abgebrannten Haus einbiegen, bis zur Bushaltestelle und da kommt es dann. Rechts wohnt der Lehrer, links wie gesagt… Im Vorgarten saßen Betrunkene, welche den Eindruck erweckten, dass sie jeden Tag betrunken sind. Die Frau verstand zunächst gar nichts, da sagte ich auf Russisch das Wort „Lehrer“. –„Ah, der Lehrer, ja da bist du am falschen Eingang, komm mit!“

Der Lehrer öffnete die Tür und ich sprach ihn auf Englisch an, da ich dachte, es sei für ihn leichter. Er schaltete sofort auf Deutsch um und legte ein schelmisches Grinsen auf, welches er von nun an auch nicht mehr ablegte. „Komm“, sagte er „Kaffee trinken!“.

Seine Frau, so fand ich bald heraus, sprach ein sehr brauchbares Russisch und so konnte ich mit beiden kommunizieren. Es wurde noch die Großmutter herangeholt. Sie erzählten über die Geschichte von Omas Haus und es wunderte mich nicht erst hier, wie gut die jetzigen Bewohner über die deutschen Zeiten informiert waren, vor allem darüber, was sich in eben jenen Kriegstagen hier zugetragen hatte.

Der Lehrer war hellauf von mir begeistert. Es sei ja sehr selten, dass sich die heutige Generation noch für das alles interessiert. Noch glücklicher war er darüber, dass der Ort mal wieder von jemandem von außen besucht wurde und so bat er mich, andere Leute hierhin einzuladen: „Bitte alle kommen, besuchen Warkałki!“ So saßen wir am Kaffeetisch, während auf dem Flachbildschirm im Wohnzimmer der Besuch von US-Präsident Obama in Polen übertragen wurde. „Ah“, sagte der Lehrer, „Obama besuchen Warschau. Morgen Obama besuchen Warkałki“ und lachte dabei mit einem Augenzwinkern.

Landschaft in Masuren
Ausblick vom heimatlichen Hof meiner Großmutter in Masuren

Nach einem Abstecher in den Gemüsegarten besuchten wir schließlich Omas Hof, wobei uns einer der Betrunkenen von nebenan begleitete. Der letzte Bewohner des Hauses wurde nach Olsztyn (Allenstein) in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, erzählte mir die Frau des Lehrers und so steht das Haus jetzt leer.

Der Lehrer kümmert sich um die beiden Pferde und sieht nach dem Rechten. Ich schoss ein paar Fotos und das Ehepaar beschloss mir bis zum Hof von Agnieszka und ihrer Familie Geleit zu geben. Dort hatte ich nämlich bereits auch einen Platz zum Zelten bekommen. Das Gepäck hatte ich bereits dort abgelegt und das unbepackte Fahrrad lief wie Butter auf dem Asphalt.

Das Lehrerehepaar, meine Gastgeber und ich hielten noch einen Plausch in einem babylonisch anmutenden Sprachgewirr aus Deutsch, Russisch und Polnisch. Dann verabschiedete sich das Ehepaar, wünschte mir alles Gute und radelte zurück zu Omas Nachbarhaus. Ich wurde freundlich und so reichhaltig bewirtet, dass es mir geradezu etwas unangenehm war.

Aber so ist das in den östlichen Ländern. Es hat sich dort eine ausgeprägte Gastfreundschaft bewahrt, wie sie Tacitus noch den alten Germanen bescheinigte, welche sich aber über die Jahrhunderte bzw. Jahrtausende verflüchtigte, sodass sie im heutigen Deutschland kaum noch zu finden ist. Aus dem Russischen ist mir zum Beispiel der Begriff des „geizigen Deutschen“ bekannt. Er hat leider etwas Wahres und wird sicherlich auch in der ein oder anderen weiteren Sprache vorkommen.

Ich schlug mein Zelt auf einer momentan nicht von Kühen bevölkerten Weide direkt neben dem Wohnhaus auf. Wären Kühe drauf gewesen, hätten sie mich wahrscheinlich vor lauter Neugier die ganze Nacht nicht in Ruhe gelassen. Das Drängen der Mutter Barbara, es sei doch zu kalt um draußen zu übernachten, ich solle doch Lehre annehmen und mir ein Lager im Haus geben lassen, parierte ich standhaft, ohne natürlich die nötige Höflichkeit zu verlieren. Wir einigten uns darauf, dass ich zwei Wolldecken mit ins Zelt nehme. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass man freiwillig einfach so in Zelt und Schlafsack draußen übernachtet.

Das nächtliche Pinkeln wurde aufgrund der kleinen und giftigen Hunde zur Geheimoperation. Ich wollte die äußerst wachsamen Tölen nicht in Aufruhr versetzen. So öffnete ich behutsam die Reißverschlüsse, schlich mich heraus, um das Ganze genau so leise wieder retour hinzukriegen. Sie haben nichts gemerkt.

Zum Frühstück wurde ich wieder reich bewirtet. Es gab das Gleiche wie abends: Brot, Fisch, Ei mit Mayonnaise und was nicht alles. Eine weitere Besonderheit im europäischen Osten besteht nämlich darin, dass Hausmannskost nicht nur eine Angelegenheit maximal des Mittag- oder Abendessens darstellt, sondern zu jeder Mahlzeit serviert wird. Frühstückscerealien werden belächelt oder man schlägt schlichtweg die Hände über dem Kopf zusammen. Dies sei ja keine für Menschen bestimmte Nahrung. Mir persönlich kommt das entgegen. Ich esse zu Hause zwar für gewöhnlich Müsli, jedoch nicht immer und ich habe, im Gegensatz zu vielen anderen deutsch sozialisierten Gaumen, kein Problem damit, morgens Brathühnchen zu verzehren – im Gegenteil.

Was haben wir damals zu Schulzeiten noch meinem russischen Austauschbruder nicht alles zum Frühstück angeboten: verschiedene Müslis, Obst, Brötchen, Toast etc. Er ging einfach an den Kühlschrank, holte sich den Kartoffelsalat vom Vorabend heraus und schmiss ein paar Würstchen drauf. Meine Mutter bereitete zwei Wochen lang nur Kartoffelsalat, stellte Bockwürstchen bereit und er war glücklich. Mit den kapriziösen Moskauer Mädels soll es in den anderen Familien wohl deutlich komplizierter gelaufen sein, aber das gehört hier nicht zur Sache. Der langen Rede kurzer Sinn ist der, dass auch die Essgewohnheiten eben verschieden sind. Das rauere Klima mag ein Grund dafür sein, dass im Osten rustikaler gegessen wird als hierzulande. Und Vegetarier haben es schwer.

Der Moment des Abschieds war gekommen. Tadeusz, der Vater des Hauses, ein aus den ehemals polnischen Gebieten in Litauen stammender liebenswürdiger Mann, nahm mich in den Arm und wünschte mir auf seinem aus Jugendtagen stammenden Russisch Lebewohl und ging in den Stall zur Arbeit. Daraufhin folgte die Verabschiedung von Mutter und Tochter. Ich schwor, dass ich wieder komme und das wird auch auf jeden Fall passieren, denn die Schönheit Masurens kombiniert mit dem Gefühl, dass man durch Omas Herkunft ja doch irgendwie eine Verbindung zu diesem Ort besitzt, hält das Interesse wach.

Ich setzte mich auf den bepackten Drahtesel und radelte los. Einige hundert Meter weiter hupte ein vorbeifahrendes Auto. Darin winkte mir ein Landarbeiter zu, den ich am Vorabend in der Küche meiner Bauernfamilie kennen gelernt hatte – alles nette Menschen hier; kaum vorstellbar, dass sich hier auf diesem Land vor gar nicht allzu langer Zeit zwischen Angehörigen meiner Nation und der ihren Gewalt und Hass abspielten.

Einige Kilometer weiter kam ich nach Miłakowo, die nächste Ortschaft, welche man als Stadt bezeichnen kann. Hier hatte bereits Napoleon auf seinen Eroberungszügen Zwischenhalt gemacht, denn das damalige Liebstadt lag auf der Straße zwischen Elbing und Allenstein. Ansonsten war sie recht unbedeutend und man hielt es nicht für angebracht Liebstadt an das Bahnnetz anzuschließen. Eine industrielle Entwicklung war damit ausgeschlossen. Pech hatte die Stadt einige Male in der Geschichte. Im 17. Jahrhundert wüteten hier sowohl die Pest als auch der 30-Jährige Krieg, woraufhin Liebstadt faktisch von der Karte verschwunden war.

Im 19. Jahrhundert waren es Cholera und Typhus, welche der Bevölkerung stark zusetzten. Die sowjetische Offensive in Ostpreußen im Januar 1945 ließ nur wenige Gebäude übrig, unter anderem die Kirche. Als meine Großeltern zusammen mit meiner Mutter in den frühen 1980er Jahren erstmalig wieder nach Ostpreußen reisten, war ihren Berichten zufolge noch nicht viel wieder aufgebaut worden. Sie waren laut ihren Erzählungen ziemlich geschockt, wie es dort aussah und eine mitreisende alte Ostpreußin musste sogar darauf hingewiesen werden, dass sie sich in der Stadt befand, die ihr einst so vertraut gewesen war. Erst in späteren Jahren wurde wieder gebaut, sodass heute wieder mehr als 5000 Menschen dort ansässig sind.

Es gab zwei Herangehensweisen, wie die Namen der ehemals deutschen Städte ins Polnische überführt wurden: Entweder man übersetzte sie oder gab ihnen ähnliche Bezeichnungen, die nur eben polnisch klangen. Bei Liebstadt wurde die erste Variante angewandt: ‘Milo’ oder ‘mila’ heißt im Slawischen soviel wie ‘lieb’, ‘sanft’ oder ‘niedlich’. Meine Oma pflegte den Zufall zu betonen, dass während sie aus Liebstadt kam, mein Opa aus Lippstadt kam – eine ziemliche Ähnlichkeit der Namen. Eigentlich kam er gar nicht direkt aus Lippstadt, sondern wurde nur da geboren.

Er lernte Oma kennen, als er mit seiner Einheit in Ostpreußen stationiert war. Heutzutage weiß man, dass sie mit nichts Geringerem beschäftigt waren als der Vorbereitung des wahnwitzigen Überfalls auf die Sowjetunion, was sie selber zu dem Zeitpunkt natürlich noch gar nicht wussten. Er gehörte zu einer Fernmeldeeinheit und hatte wohl den Rang eines Unteroffiziers oder Ähnliches. Auf der Suche nach Unterkünften für seine Truppe stand er eines Tages am Gartenzaun. Auch als er ein paar seiner Leute untergebracht hatte, kam er von Zeit zu Zeit wieder. Auf die Frage, zu welchem Zweck er das tat, antwortete Oma: „Er fand immer einen Grund.“

Sie heirateten in eben diesem Liebstadt, als tief im Südosten die Schlacht von Stalingrad gerade ihr Ende gefunden hatte. Opa hatte damit nichts zu tun, denn erstens war er in der Heeresgruppe Mitte und zweitens wurde er nach kurzer Zeit von der Ostfront wieder abgezogen – doppeltes Glück für ihn. Den Rest des Krieges verbrachte er vor Allem in seiner westfälischen Heimat.

Etwa eineinhalb Stunden nachdem ich Miłakowo verlassen hatte, kam ich durch Dobre Miasto, welches auf Deutsch Guttstadt hieß. Auch hier handelt es sich wieder um eine genaue Übersetzung des Namens – ‘Dobre’ heißt ‘gut’ und ‘Miasto’ heißt ‘Ort’ oder ‘Stadt’. Nachdem auch in diesem Ort wieder eine Pause zwecks Proviantbeschaffung eingelegt werden musste, führte ich meinen Weg über die masurischen Alleen fort.

Nachdem ich mich in den ersten Tagen in Ost-nordöstlicher Richtung bewegte, führte die Route seit dem Überschreiten der Weichsel in rein östlicher Richtung, mehr oder weniger parallel zur Grenze der russischen Exklave Kaliningrad. Es wäre kürzer gewesen, wenn ich über Kaliningrad gefahren wäre. Zudem hätte ich die Ostsee schon vor St. Petersburg zu Gesicht bekommen und Kaliningrad, das ehemalige Königsberg, ist allemal eine Reise wert. Allerdings hätte dies die Reise verteuert, da man dafür ein Visum für zweifache Einreise hätte beantragen müssen. Angesichts meines kleinen studentischen Budgets entschied ich mich den Umweg in Kauf zu nehmen. Da ich mit einer Verzögerung von etwa zwei Tagen durch diesen Umweg rechnete und die Verpflegung für zwei Tage deutlich günstiger ist als der Mehrbetrag eines Visums für die zweifache Einreise, entschied ich mich so und war damit auch zufrieden. Die Übernachtungen kosteten ja für gewöhnlich nichts.

Die Beschaffung eines Visums für Russland ist eine Angelegenheit für sich. Wenn man sich den offiziellen Regeln entsprechend verhält, ist so eine Fahrradtour im Grunde nahezu unmöglich, vor Allem wenn man ein kleines Budget besitzt – so wie ich. Man hat die Möglichkeit zwischen verschiedenen Visa auszuwählen. Ich musste mich entscheiden zwischen einem touristischen und einem privaten Visum. Unabhängig davon, welches Visum man besitzt, muss man sich bei Ankunft an dem gewählten Zielort registrieren. Das kann man bei einer Polizeistation, der Post oder Ähnlichem. Es gibt sogar touristische Agenturen, welche darauf spezialisiert sind und diesen bürokratischen Kram für einen übernehmen. Wenn man umherreist, muss man sich nach spätestens sieben Werktagen am neuen Aufenthaltsort erneut registrieren. Bis kurz vor meiner Tour waren die Regeln noch schärfer und die Frist betrug drei Werktage. Wenn man dies nicht tut, droht Strafe.

Für ein Visum der Russischen Föderation benötigt man zunächst eine formale Einladung. Wenn es sich um ein touristisches Visum handelt, muss diese von einem Hotel oder Ähnlichem kommen. Man ist dann zwar nicht an dieses konkrete Hotel gebunden und darf umherreisen, jedoch darf man nicht privat unterkommen. Umgekehrt ist es genau so: Um ein privates Visum zu erlangen, muss die Einladung einer privaten Person vorliegen. Diese Person garantiert, dass sich der Gast bei ihr zu Hause aufhält. In diesem Fall ist die Unterbringung in Hotels oder Ähnlichem untersagt. Sinn und Zweck dieses aus Zeiten des Kalten Krieges entwickelten Regelwerks ist vielleicht, dass ein Ausländer sich nicht unbeobachtet im Land bewegen kann. Die Staatsmacht möchte gerne möglichst genau wissen, wo sich die Person aufhält und ihre Wege nachvollziehen.

Es gibt touristische Agenturen, welche darauf spezialisiert sind, Scheineinladungen auszustellen, mit denen man ein Visum beantragen kann. Sie saugen sich geradezu ein Hotel aus den Fingern, in welchem man angeblich unterkommt. Man tut einfach so, als ob man in diesem Hotel wohnen möchte und sich dann bei Reisantritt plötzlich umentscheidet. Niemand kann es einem verbieten und es ist vollkommen legal so zu verfahren. Wenn sich der Gast plötzlich umentscheidet, kann man nichts machen, nicht wahr?

In meinem Fall war es das Hotel Izmailovo im Izmailovskij Park in Moskau. Dieses Hotel existiert wirklich, jedoch gedachte ich zu keinem Zeitpunkt, dort zu nächtigen. Es ist davon auszugehen, dass ein Teil meines Geldes für die Einladung auch das Hotel Izmailovo erreicht hat, denn natürlich hat auch die Einladung ihren Preis. Wenn man nun sich glücklich schätzen kann, Besitzer eines Visums zu sein und die Ankunft im Land vollzogen hat, gibt einem das Gesetz, wie gesagt, sieben Werktage zur Registrierung. Wer keine Registrierung hat, bekommt nach Ablauf der siebentägigen Frist im Falle einer Polizeikontrolle Probleme, spätestens jedoch bei der Ausreise. Deshalb sollte auf die erste Registrierung in keinem Falle verzichtet werden.

Danach verhält es sich anders, denn niemand kann mir nachweisen, ob ich meinen Aufenthaltsort innerhalb der letzten sieben Werktage gewechselt habe oder nicht. Wenn ich kontrolliert würde, könnte ich einfach sagen: „Ich bin gerade erst angekommen“ und niemand würde mich behelligen. Da es auch trotz der Größe des Landes sowie mitunter schlechter Verbindungen möglich ist, jeden Ort innerhalb von sieben Werktagen zu erreichen, zieht die Ausrede, man sei erst gerade angekommen, immer. Es ist offensichtlich, dass diese Visabestimmungen völlig sinnlos sind und in Russland selbst ist dies bekannt. Egal, mit wem man über diese Problematik spricht – seien es Privatpersonen oder Angehörige von Behörden -, alle wissen das und lachen darüber. „Das ist einfach so“, sagte mal eine ältere Frau zu mir. Auf die Frage, warum dies so sei, entgegenete sie: „Weil Russland.“ Damit war alles gesagt.

Mit den Problemen der Visabeschaffung hatte ich mich natürlich bereits in Berlin auseinandergesetzt und die der Registrierung lagen noch weit vor mir. Deshalb zerbrach ich mir im Moment nicht den Kopf darüber und genoss es einfach nur über die masurischen Alleen zu jagen. ‘Jagen’ – dies ist das richtige Wort, denn ich war in guter Verfassung.

Zwischen Jeziorany (deutsch: Seeburg) und Lutry liegt ein recht großer See, welcher „Der See von Lutry“ (Jezioro Luterskie) genannt wird. Ich hielt ein weiteres Mal um ein Bad in ihm zu nehmen. Meine Taktik war dahingehend, dass ich möglichst oft in Seen baden wollte, sodass sich Dreck gar nicht erst absetzen kann und der Schweiß im frischen Zustand bereits abgewaschen wird.

Hin und wieder wurde dies durch eine Dusche aus der Plastikflasche unter Zuhilfenahme eines ökologisch abbaubaren Shampoos ergänzt. Dadurch würde ich lange ohne eine echte Dusche auskommen und trotzdem nicht zu stinken anfangen. Ich zog zudem bei jedem Bad mein soeben ausgezogenes T-Shirt sowie Socken und Boxershorts durch den See und trocknete sie danach entweder am Lenker oder auf dem verschnürten Pack am Gepäckträger. So ging es.

Ich packte mal wieder alles zusammen und gab Gas. Etwa 25 Kilometer nach der Erfrischung kam ich nach Święta Lipka, zu deutschen Zeiten Heiligelinde genannt, was auch der genauen Übersetzung entspricht. Hier gibt es eine Wallfahrtskirche und von weitem hörte ich schon so einen liturgischen Singsang, der nicht abzureißen schien. Er tönte aus Lautsprechern und ich bedauerte die Leute, die in diesem Ort wohnen.

Ich hielt nicht an, da mir diese Musik schon beim Vorbeifahren auf die Nerven ging. Außerdem wollte und musste ich ja weiter. Wenn es läuft, fällt es mir richtig schwer den Fluss zu unterbrechen und Pause zu machen. Das hat mich auch nicht selten in meiner Trekkingkarriere davon abgehalten, Pausen auszulassen, die vielleicht nötig gewesen wären. Dann kam es dadurch zuweilen zu einem durchaus vorhersehbaren Wasser- oder Nahrungsmangel oder eine gute Stelle zum Campen wurde links liegen gelassen, bevor ich dann wenig später mehr oder weniger bei Dunkelheit verzweifelt nach einer suchte – Dummheit.
Es war schon wieder soweit, dass sich aufgrund der fortgeschrittenen Zeit nach einem Platz zum Zelten umgeschaut werden musste, als ich Kętrzin erreichte.

Das ehemalige Rastenburg ist der Ort, an dem die Reste der sogenannten Wolfsschanze bestaunt werden können, worauf die Touristen auch auf großen Plakaten hingewiesen werden. Man kann aufgrund der großzügigen Beschilderung den Ort überhaupt nicht verfehlen, von welchem aus der verbrecherischste und wahnwitzigste Feldzug aller Zeiten befehligt wurde.

Hitler hatte die schier unendliche Weite des Ostens als Lebensraum für sein Volk auserkoren, weshalb er auch hier in Ostpreußen sein Hauptquartier bezog. Von genau diesem Osten wurde er in die Knie gezwungen und wem der Blick auf die Karte nicht reicht, der möge den Osten einmal auf dem Landweg bereisen um zu verstehen, warum er sich nicht erobern und unterjochen lässt. Nicht zuletzt der kalte Winter war es, welcher dieses Unterfangen zum Scheitern brachte. Laut den Tagebüchern von Goebbels hatte Hitler zudem geradezu eine Aversion gegen den Winter, was die Frage aufwirft, wie das alles zusammenpasst.

Es ist unwahrscheinlich, dass ein doch sehr belesener Mann, welcher Hitler bekanntermaßen war, nichts vom kalten kontinentalen Winter wusste. Er hatte doch von Napoleon gehört, oder? Dementsprechend bleibt also nur noch übrig, dass dieser ehemalige Postkartenmaler einfach nur ein seltsamer Vogel war. Selbst wenn es gelungen wäre bis zum Wintereinbruch Moskau zu erobern, so hätte das niemals das Ende des Krieges bedeutet. Warum auch? Die Sowjetunion war riesengroß und auch nach dem Verlust der Hauptstadt wäre sie durchaus kriegstüchtig gewesen. Wenn man nun trotzdem das Unmögliche fertig gebracht hätte, diesen Krieg zu gewinnen, so hätte der siegreiche und dem Winter so abgeneigte Feldherr seinen arischen Untertanen ausgerechnet in eben diesem von kalten Wintern immer wieder heimgesuchten Land eine schöne neue Heimat bereitet. Wie gesagt: ein seltsamer Vogel.

Es war, wie bereits erwähnt, schon spät und deshalb musste ich mich nach einem Zeltplatz umschauen. Der Besuch der Wolfsschanze gehörte ohnehin nicht zu meinen Prioritäten, also ließ ich auch sie links liegen, bog etwa einen Kilometer nach dem Ortsausgang von Kętrzin in einen Waldweg ein und folgte ihm zu einer Wiese mit einem von Schilf umrandeten Tümpel. Das Quaken der Frösche war ohrenbetäubend und die unerträgliche Mückenkonzentration zwang mich, mein Vorhaben eine Suppe zu erwärmen, abzubrechen und mich ins Zelt zurückzuziehen. So aß ich noch etwas Brot und sonstige vorhandene Kleinigkeiten, legte mich hin, lauschte etwas den Fröschen und versank in erholsamen Schlaf.

Am nächsten Tag folgte ich der Hauptstraße nach Giżycko, welches zu deutschen Zeiten Lötzen hieß. Der jetzige Name ist auf einen evangelischen Pfarrer namens Gustav Gisevius zurückzuführen, welchem die polnische Bevölkerung auf diese Weise Tribut für sein Engagement zugunsten der polnischen Sprache unter der im 19. Jahrhundert währenden Vorherrschaft der Deutschen zollt. Ob dies nun einer der Gründe ist, weshalb die hiesige Kirche nicht so wie die meisten anderen nach dem Krieg von evangelisch zu katholisch umgewandelt wurde, entzieht sich meiner Kenntnis.

Ich machte hier mal wieder wegen Proviantbeschaffung Halt. Mein Ziel war ein kleiner Ort namens Kruklanki, von dem aus ich ein größeres zusammenhängendes Waldgebiet auf einem Waldweg zu durchqueren gedachte. Ab einer Siedlung namens Jeziorowskie sollte dieser Weg etwa zehn Kilometer durch den Wald führen. Danach würde ich durch den Ort Czerwony Dwór kommen. Es war nicht schwierig zu finden. Schon tat sich der Waldweg auf und ich war richtig in der Natur.

Kurz hinter Czerwony Dwór schob ich das Fahrrad ein wenig als hinter mir plötzlich Josef auftauchte, ein Mann etwa Ende fünfzig auf einem beladenen Trekkingrad. „Du sprichst kein Polnisch? Vielleicht Russisch?“ – Bingo! „Warum fährst du denn nicht?“ – „Ich wollte mich ein wenig ausruhen.“ Wir kamen ins Gespräch und er zeigte mir seinen Tacho, den er vor drei Jahren käuflich erworben hatte und der nun schon fast 24000 Kilometer anzeigte. Am Nordkap sei er gewesen und viel in Polen und Tschechien rum gefahren. „Bis nach St. Petersburg habe ich es leider noch nicht geschafft, nur bis Pskow.“

Er sagte, ich sei der dritte Mensch, den er in diesem Wald in mehr als zwanzig Jahren mit einem Fahrrad antreffe. Alle seien Deutsche gewesen. „Ist dein Zelt gut? Ich habe mir letztens dieses hier gekauft und es ist absolut scheiße.“ Er hatte ein paar Tage im Wald verbracht und war nun auf der Rückreise, als sich unsere Wege vereinten. Auf dem Bau in Prag arbeitet er. Vor allem mit Ukrainern und Russen, weshalb er auf seine nicht allzu guten Tschechischkenntnisse nicht angewiesen ist. „Prag“, sage ich, „schöne Stadt, schöne Mädchen“. –„Das auch“, erwiderte er mit einer ziemlichen Abfälligkeit, die ich nicht zu deuten wusste.

Wir fuhren bis Olecko zusammen. Dort lud er mich noch in ein Restaurant ein, schenkte mir eine zerfledderte Karte von Ostmasuren und zeigte mir einen Platz zum Zelten am See. Aus irgendeinem Grund fing er an zu fluchen, als irgendwelche Jugendlichen mit einem Quad auftauchten. Wir verabschiedeten uns voneinander und ich sah zu, dass ich schnell in mein Zelt gesprungen kam, denn die Mückenbelastung war einfach penetrant. Seit Zentralmasuren wurden die Mücken zu einem virulenten Problem, welches die Tagesplanung beeinflusste. Abends kann man sich halt nicht draußen aufhalten. Entweder fahren oder ins Zelt. Alles andere ist unerträglich.

Am nächsten Morgen machte ich mich nach Suwałki auf mit dem Ziel, abends litauisches Territorium zu erreichen. In Suwałki selbst suchte ich ein Internetcafé sowie eine Filiale der Deutschen Bank, um dort Geld abzuheben. Außen war nichts zu sehen, also ging ich rein. Mein Auftritt scheint einem Hereinplatzen gleichgekommen zu sein, denn auf meine auf Polnisch gestellte Frage „Wo ist ein Automat“ sah mich der Mitarbeiter mit entgeisterten Augen an, die nicht zu wissen schienen, was jetzt auf einmal los war: „Einen Geldautomaten gibt es bei der Deutschen Bank in Suwałki nicht. Der nächste ist in Białystok, etwa 100 Kilometer nach Süden.“

Wir verstanden einander: Er sprach langsam und deutlich, ich entgegnete auf Russisch: „Mir wurde doch gesagt, dass ich überall bei der Deutschen Bank umsonst Geld abheben kann. Dann geben Sie mir doch so Geld, wenn Sie schon keinen Automaten haben! Was soll überhaupt diese Filiale hier, wenn sie zu nichts zu gebrauchen ist? Was machen Sie da überhaupt hinter Ihrem Schreibtisch? Wozu bin ich denn Kunde der Deutschen Bank geworden?“

Ich war sauer auf die Deutsche Bank. Ich war vor Kurzem ihr Kunde geworden in der Annahme, sie sei ein internationales Geldinstitut, bei dem ich überall ohne Aufpreis Geld abheben könnte. Genau das hatte sie versprochen und ich fühlte mich betrogen. Aber es nutzte alles nichts. Der Mann konnte mir nicht helfen und so musste ich bei einer anderen Bank gegen Aufpreis Geld abheben.

Es war über die Tage immer wärmer geworden und ich kaufte mir ein Eis in der Eisdiele. Am späteren Nachmittag verließ ich Suwałki Richtung Osten, bog nach etwa 25 Kilometern nach links ab und erreichte nach weiteren wenigen Kilometern die langsam verfallenden Grenzanlagen, deren Massivität davon zeugt, dass hier einst die mächtige Sowjetunion begann. Heutzutage gibt es nur noch eine Wechselstube in einem Holzhäuschen und ein großes Schild, auf dem geschrieben steht: „Lietuvos Republikas“.

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