Action auf der Kola-Halbinsel

Während der Zug von Sankt Petersburg aus nach Norden startet, herrscht bewölktes Tauwetter. Die Stadt macht unter diesen Umständen einen eher traurigen Eindruck: An den Straßenrändern türmen sich schmutzig-braune Schneeberge. Auf den Gehwegen manövrieren sich die Leute um knöcheltiefe Pfützen, während von den Dächern Tauwasser auf die Köpfe heruntertropft. Die Häuser, welche niemals von außen gereinigt werden, der graue Asphalt und die winterlich bedingte Abwesenheit grünen Laubes perfektionieren die grau-braune Eintönigkeit.

Die Fahrt heraus durch die trostlosen Vororte in die verschneite karelische Winterlandschaft kommt einer Befreiung der Seele gleich. Stundenlang geht es durch den von Birken dominierten winterlichen Wald und die ein oder andere Siedlung liebevoll gepflegter Datschen. Hier möchte man sich gerne für ein paar Tage niederlassen, Schaschlik grillen und in der Banja schwitzen.

Action auf der Kola-Halbinsel

Während der Zug von Sankt Petersburg aus nach Norden startet, herrscht bewölktes Tauwetter. Die Stadt macht unter diesen Umständen einen eher traurigen Eindruck: An den Straßenrändern türmen sich schmutzig-braune Schneeberge. Auf den Gehwegen manövrieren sich die Leute um knöcheltiefe Pfützen, während von den Dächern Tauwasser auf die Köpfe heruntertropft. Die Häuser, welche niemals von außen gereinigt werden, der graue Asphalt und die winterlich bedingte Abwesenheit grünen Laubes perfektionieren die grau-braune Eintönigkeit.

Die Fahrt heraus durch die trostlosen Vororte in die verschneite karelische Winterlandschaft kommt einer Befreiung der Seele gleich. Stundenlang geht es durch den von Birken dominierten winterlichen Wald und die ein oder andere Siedlung liebevoll gepflegter Datschen. Hier möchte man sich gerne für ein paar Tage niederlassen, Schaschlik grillen und in der Banja schwitzen.

Mit unserer Schaffnerin (provodniza) haben wir es gut getroffen: Freundlich kümmert sie sich um alle unsere Anliegen, erklärt alles Wichtige und amüsiert sich selbst darüber, dass man bei ihr als Souvenirs unter Anderem kleine Glöckchen kaufen kann.

Fürs Mittagessen stehen zwei Gerichte zur Auswahl: Hühnchen mit Nudeln und Schweinefleisch mit Buchweizengrütze, die wie im Flugzeug in Aluminium-Schalen serviert werden. In jedem Waggon befindet sich ein Samowar, aus dem man sich beliebig viel heißes Wasser abfüllen kann. Teegläser stehen zu Verfügung. Die meisten Leute haben Teebeutel mit auf die Reise genommen. Man kann aber auch bei der Provodniza welche kaufen.

So plätschern die Stunden ins Land und wir in unserem sogenannten “Schnellzug” dadurch. Meine Reisegruppe besteht aus vier Leuten, die zusammen in einem Abteil untergebracht wurden. Ich bin nebenan mit jungen Marinesoldaten, die aufgrund eines sehr langen gestrigen Abends beinahe den ganzen Tag durchschlafen. Sie sind nicht die einzigen, denn im ganzen Zug sind Kameraden von ihnen untergebracht. Sie alle befinden sich auf dem Weg nach Murmansk, um im Zuge ihrer Ausbildung ihr alljähriges vierwöchiges Praktikum zu absolvieren. Als der Abend herannaht, unterhalte ich mich mit einem von ihnen, dem sehr sympathischen 22-jährigen Artjom. Elektriker ist er, seit fünf Jahren in der Armee. Die bezahlt ihm die mittlerweile beinah abgeschlossene Ausbildung, weshalb er im Gegenzug nach den fünf Jahren weitere fünf Jahre als ausgebildeter Soldat in ihr dienen muss. Eigentlich wollte er gar nicht in die Armee, aber da seine Eltern kein Geld für seine Ausbildung hatten, schickte der Vater ihn dort hin. “Mit ihm”, so sagt Artjom, “diskutierst du nicht.” Und schließlich habe er hier ein geregeltes Einkommen sowie Unterkunft und Verpflegung. “Aber es ist nicht leicht”, fügt er auf meine Nachfrage hinzu. Er fragt mich nach meiner Heimat aus, die er so gerne bereisen möchte – sowie auch andere Länder. Allerdings müsse er nach der Beendigung seines Armeedienstes als Geheimnisträger nochmal fünf Jahre warten bis er das Land verlassen darf – eine Vorsichtsmaßnahme, die in Russland viele Mitglieder sensibler Waffengattungen betrifft.

Am nächsten Morgen kommt der Zug um kurz vor acht in Apatity an. Von dort fahren wir mit einem Shuttle-Bus nach Kirovsk. Man serviert uns ein leckeres Frühstück in einem sehr stilvollen Café. Apatity und Kirovsk selbst sind vom Baustil sowjetisch geprägt: Plattenbauten und Fabriken. Hier in der Gegend werden Rohstoffe abgebaut, unter Anderem Apatit, woher der Name des einen Ortes rührt.

Skilanglauf und eine Schneeschuhtour

Danach geht es weiter zum Skiverleih. Von dort aus werden wir von Ruslan, einem knapp 50-jährigen Outdoorguide geführt. Es geht bei minus zwölf Grad auf Langlaufski etwa 20 Kilometer durch das Kunijok-Tal zur Hütte Kuellporr. Größtenteils sind wir schützen uns die Berge vom Wind. Nur als wir in der Mitte der Tour den Kulkisvumtschorr-Pass passieren, peitscht der Schnee über die vereiste Ebene. Hin und wieder kommen uns Schneemobile entgegen oder überholen uns. Ansonsten sind wir allein in der Schneewüste.

Langlauf von Kirowsk zur Hütte Kuellporr

Das Chibiny-Gebirge, in welchem wir uns befinden, ist nicht sonderlich hoch. Die höchste Erhebung hat gerade einmal 1400 Meter, jedoch bedingt die nördliche Lage, dass die Baumgrenze bei etwa 400 Metern liegt. Die Berge sind schroff und felsig und die gewöhnlich hohen Schneemengen führen zu Lawinenabgängen. Vor wenigen Wochen, so erzählt uns Ruslan, ist hier noch ein Päärchen verschüttet worden. Während der junge Mann gerettet werden konnte, kam für das Mädchen jede Hilfe zu spät. Die beiden hatten Warnungen missachtet und so kam es zu dem tragischen Ereignis. Einmal, so erzählt uns der Guide, wurde ein Este unter acht Metern Schnee begraben. Auch ihm konnte niemand mehr helfen. Zweimal an diesem Tag hören wir aus der Ferne Explosionen, mit denen kontrollierte Lawinen ausgelöst werden, um die gefährlichen Schneemassen von den Hängen runterzubekommen.

In Kuellporr angekommen, wird erstmal zu Abend gegessen. Danach gehen wir in die Banja, die russische Sauna. Sie steht unmittelbar neben dem Fluss, der von einer dicken Eisdecke verschlossen ist. In diese wurde ein Loch zum Baden geschlagen, in dem wir uns zwischendurch abkühlen.

Unsere zweite Skitour führt durch borealen Nadelwald zu einem Halbtipi mit Grillstelle, wo wir uns mit Würstchen und Tee stärken. Als ich den Müll einpacken möchte, sagt Ruslan zu mir: “Nein, den verbrennen wir.” – nach russischer Tradition. Wir trösten uns damit, dass es so sicherlich besser ist, als wenn er irgendwo rumliegt. Denn wer weiß, was mit ihm passieren wird in einem Land, welches in puncto Recycling noch am Anfang steht.

Auf dem Rückweg weist Ruslan auf eine freie aufgeschüttete Fläche am Hang eines gegenüber liegenden Berges hin. Hier habe man Stollen gegraben und in den 1970er Jahren Atomexplosionen durchgeführt. Ich wundere mich, da die Supermächte Sowjetunion und USA damals bereits übereingekommen waren, keine Atomtests mehr durchzuführen. Mit ironischen Lächeln sagt Ruslan, es sei ja nur zu zivilen Zwecken gewesen. Was das für zivile Zwecke gewesen sein können, weiß er genauso wenig zu erklären wie ich.

Beim abendlichen Gang in die Banja werden unsere Gruppenteilnehmer immer mutiger, was das Baden im Eisloch angeht. Es wird zusehends einfach komplett abgetaucht, was nicht ganz einfach ist, denn der Fluss ist nur knietief. Dann trinken wir mit einer französischen Reisegruppe auf die deutsch-französisch-russische Freundschaft. Plötzlich stürmt jemand zur Tür herein: die Nordlichter sind zu sehen – wir sind glücklich.

Tags darauf steigen wir mit Schneeschuhen zum Pass Severnij Ristschorr auf. Morgens ist der Himmel noch klar und von Wind noch nicht viel zu spüren. Je weiter wir jedoch aufsteigen, umso mehr zieht sich der Himmel zu und umso windiger wird es, sodass wir oben angekommen in einem einzigen Schneegestöber stehen und beim Anziehen der warmen Jacken sehr darauf achten müssen, dass diese oder auch andere Dinge nicht weggeweht werden. Während zwei Mitglieder unserer Gruppe trotz widriger Bedingungen weiter zum Gipfel des Kaskasnjuntschorr aufsteigen wollen, wählen die anderen beiden den Weg zurück zur Hütte. Da Ruslan hier der Local Guide ist und ich zum ersten Mal hier bin, obliegt mir die Begleitung der beiden Umkehrer.

Auf unserer nächsttägigen Skitour finden wir einige größere Kahlschläge vor, über deren Herkunft uns Ruslan aufklärt: Vor einigen Jahren überlegte sich die Firma, welche in der Gegend Apatit abbaut, hier in der schönen Wildnis eine neue Mine zu eröffnen. Bald machte man sich an die Arbeit und es kamen Holzfäller. Als diese mit der Arbeit fertig waren, fiel der Firma auf, dass zur Durchführung des Abbaus ja eine Straße, Eisenbahnschienen, Stromleitungen und so weiter benötigt würden. Die hiesigen Vorkommen sind aber nicht ausreichend, um die Finanzierung zum Bau dieser Infrastruktur zu rechtfertigen und so wurde die Idee wieder fallen gelassen – zum Glück, denn sonst wäre in diesem Tal mit Natur und Tourismus nichts mehr los gewesen! Als es dann in einem der darauf folgenden Sommer sehr trocken war, brannten zu allem Überfluss noch einige Hektar Wald ab. Um das Feuer einzudämmen, wurden zudem Schneisen geschlagen und somit noch mehr Wald vernichtet.

Schneemobile im Sturm

Der nächste Tag ist Ruhe- und Transfertag. Am frühen Nachmittag werden wir auf Schlitten gesetzt und mit Schneemobilen zurück nach Kirowsk gezogen, da wir von hier aus morgen selber auf Schneemobilen weiterfahren sollen. Kirowsk selbst ist eine typische sowjetische Kleinstadt mit grauen Hochhäusern. Es gibt nicht viel zu sehen außer einem Bergbaumuseum, welches die Geschichte der erst 1929 gegründeten Stadt erzählt. Abends gehen wir in ein georgisches Restaurant, welches äußerst leckere Speisen bereitet und sehr geschmackvoll eingerichtet ist.

Für den darauffolgenden Tag ist starker Sturm angesagt – nicht gerade die besten Voraussetzungen für eine 140 Kilometer lange Tour auf Schneemobilen, die unter Anderem durchs Gebirge führt. Neben unserem neuen Guide Roman soll auch Ruslan mit uns kommen – für alle Fälle. Die Sicht ist unter zwanzig Meter, der Sturm peitscht von allen Seiten und der Schnee ist tief. Kurz vor dem ersten Pass bleiben wir stecken und kehren um. Bei diesem Wetter ist die Tour nicht zu machen. Wir werden in einem anderen Hotel in Kirowsk untergebracht und wollen es am nächsten Tag erneut versuchen.

Auf Schneemobilen durchs Chibiny-Gebirge

Am nächsten Morgen hat sich das Wetter beruhigt und so kommen wir in den Höhen des Khibiny gut voran. Als es allerdings daran geht, ostwärts zum Umbosero-See herunter zu gelangen, macht uns zusehends Tiefschnee zu schaffen. Oft müssen wir anhalten und einzelne oder gar gleich mehrere festgefahrene Schneemobile befreien. Die Fahrt zieht sich, jedoch stehen wir nach vielen Befreiungsaktionen schlussendlich am Ufer des zugefrorenen Sees.

Auf den verschneiten Eisflächen zugefrorener Seen sind sogenannte Wasserlöcher ein nicht ungefährliches Phänomen: es kommt nicht selten vor, dass durch Risse oder Löcher im Eis Wasser nach oben gelangt. Dieses bildet dann mit dem darauf liegenden Schnee eine matschige Pampe, in welcher Schneemobile oder auch Menschen leicht stecken bleiben. Je nachdem wie viel Wasser und Schnee zusammenkommen, kann die Befreiung daraus dann schwierig werden. Da wir meistens alle in einer Spur fahren, führen die mehrfachen Belastungen und Erschütterungen an ein und derselben Stelle häufiger zu diesem Phänomen. Nachfolgende Fahrzeuge müssen dann nach Möglichkeit ausweichen. Wenn es dafür schon zu spät ist, hilft nur noch Vollgas.

Hinzu kommt, dass die Eisfläche nicht eben ist. Neben Schneeverwehungen gibt es auch sogenannte Sastrugis. Dieses aus dem Russischen stammende Wort bezeichnet die sich auftürmenden Nahtstellen zusammenwachsender Eisschollen.

Zwischen dem Umbosero und unserer zweiten Hütte liegt ein zweites Gebirge: die Lowoserkaja Tundra. Normalerweise wird es auf den Schneemobil-Touren südlich umfahren. Da diese aber im Moment unter Wasser stehen, müssen wir auf die ungewöhnliche nördliche Route ausweichen. Wir fahren zwar lange, sodass wir erst nach 19:00 Uhr an der Hütte Julinskaja Salma ankommen. Die Fahrt verläuft aber ohne weitere Komplikationen.

Aufgrund des ungünstigen Wetters hatte die Gruppe vor uns bis drei Uhr nachts gebraucht, um in Julinskaja Salma zu sein und Roman erzählt uns, er sei vor einigen Jahren mal um sieben Uhr morgens angekommen.

Die Hütte ist urig und völlig verschneit. Drinnen bollert der Ofen, sodass einem geradezu heiß wird. Außer uns ist noch eine asiatische Gruppe da. Es wird Fischsuppe serviert. Zu anderen Mahlzeiten gibt es Rentier und Elch. Wir sind alle erschöpft, denn auch wenn Schneemobile motorisiert sind, ist das Fahren mit Ihnen weit ermüdender als auf Langlaufski. Ich putze nicht einmal mehr die Zähne bevor ich ins Bett falle.

Am Morgen geht es wieder los. Unter der tiefstehenden im Dunst scheinenden Wintersonne sitzen Eisangler und versuchen ihr Glück. Unser Ziel ist der unweit gelegene Sejdosero, der heilige See der Saamen, die ihn Sejdjavr nennen. Es ranken sich Mythen und Sagen um den See. Erforscher des Übersinnlichen zog es hierher und einige davon sollen auf ungeklärte Weise verschwunden sein. Seit den unterirdischen Atomexplosionen in den 70ern seien die rätselhaften Phänomene aber selten geworden.

Durch die Verzögerung der Fahrt hierhin hatten wir effektiv nur einen Tag, was schade ist, denn die Hütte sowie ihre Umgebung toppen alles. Auch sollen von hier aus die Nordlichter gut zu sehen sein, jedoch zeigte sich nachts der Himmel nicht frei.

Die Rückfahrt beginnt morgens um zehn Uhr bei ruhigem bewölktem Wetter. Wir nehmen auch heute wieder die nördliche Route. Es geht gut voran über die zugefrorenen Seen und Sümpfe. Das allgemeine Fahrkönnen der Gruppe hat sich verbessert und der Schnee ist optimal.

Je höher wir in das Chibiny-Gebirge herauffahren, umso stürmischer und nebeliger wird das Wetter. Es erinnert schon deutlich an die Verhältnisse während der ersten gescheiterten Tour. Jedoch erreichen wir problemlos die Kuellporr-Hütte, wo wir für das letzte lawinengefährdete Stück unterhalb des Kulkisvumtschorr-Passes mit Beepern ausgerüstet werden – für alle Fälle bei diesem Wetter. Als wir schlussendlich nach Kirowsk zurückkehren, werden wir mit Erleichterung in Empfang genommen: man hatte sich ob des erneut extremen Wetters ernsthafte Sorgen um uns gemacht. Wir bekommen eine Dusche gestellt, ein Abendessen in einem lokalen Restaurant und werden dann zum Bahnhof gebracht. Der Zug zurück nach Sankt Petersburg fährt um 23:37 ab.

Auf einem der vielen zugefrorenen Seen der Kola-Halbinsel