Von Krakau nach Belgrad 2012

An einem Abend Ende Juli 2012 stand ich auf der Krakauer Festung, dem Wawel und schaute über die Weichsel auf die von leichtem Dunst überzogenen Beskiden. Das Bedürfnis und die Vorfreude endlich aufzubrechen, endlich wieder unterwegs zu sein, Natur und Freiheit zu genießen, stiegen ins Unermessliche und ich kratzte sprichwörtlich mit den Hufen, als mich eine SMS erreichte. Vor nicht langer Zeit hatte ich im östlichen Brandenburg einen in Berlin wohnenden Iren kennengelernt, der mit Freunden auf einer Fahrradtour war. Wir kamen ins Gespräch und er war begeistert von meinem Plan, eine Tour auf den Balkan zu unternehmen. Wir tauschten Telefonnummern aus, trafen uns ein paarmal und verabredeten uns für diesen Abend in einem Hostel in Krakau, um gemeinsam innerhalb von zehn Tagen die 800 Kilometer nach Belgrad zu bestreiten. Ich wollte danach allein durch Ex-Jugoslawien weiterfahren, jedoch war dies nicht das Einzige, was auf dieser Tour anders kommen sollte als geplant. „Habe mein Rad nicht in den Zug gekriegt. Versuche den Nachtzug zu nehmen“, war die Nachricht, welche eine halbe Stunde vor der verabredeten Zeit auf meinem Display erschien. Sie machte mich gleich stutzig, aber ich hatte ihm explizit gesagt, dass ich am Morgen um halb 10 aufbrechen würde, egal was passiert. Es war das Letzte, was ich je von diesem Menschen gehört oder gesehen habe.

So sehr ich mich gefreut hatte, dass jemand mitkommen möchte, so wenig traurig war ich, als er es nicht tat. Ich habe es stets genossen, allein unterwegs zu sein, denn das Erlebnis des Alleinseins auf solchen Touren hat eine ganz besondere Qualität. Zudem bist du dein eigener Herr. So brach ich am nächsten Morgen auf, nachdem ich ein Frühstück in der Küche des Hostels eingenommen hatte, während in deren Spülbecken ein halb ins Koma gesoffener sehr junger Kanadier kotzte, was sofort den Unmut des Personals erregte. Ich fuhr zunächst über die stark befahrene Hauptstraße nach Wieliczka, um dann in südlicher Richtung durch die Beskiden zu radeln. Es war ein sonniger Tag, an dessen Abend ich auf einem Frei-Campingplatz an einem Bachlauf mein Zelt aufschlug. An solchen Orten gibt es im Grunde nichts als den Hinweis, man dürfe hier sein Zelt aufschlagen. Entgegen anderer Ankündigungen war der nächste Tag wolkig und von Schauern durchzogen. Ich umfuhr die Hohe Tatra an ihrer östlichen Flanke und gelangte auf slowakisches Territorium. Es ging die ganze Zeit bergan, die Wolken rissen teilweise auf und plötzlich konnte ich die Spitzen der Berge in den Sonnenstrahlen sehen. Es war bereits früher Abend, als der Scheitelpunkt überschritten war und ich die Straße bergab in Richtung Poprad düste.

Ich hielt mich rechts, um südlich parallel zur Tatra zu fahren, da ich nicht den schnellsten Weg nehmen, sondern die Schönheit der Berge bestaunen wollte. So kam ich durch zwei Dörfer, welche in gelblichem abendlichem Zwielicht lagen und deren Straßen ausschließlich von jungen Roma bevölkert zu sein schienen. Es waren nur Kinder und Jugendliche auf der Straße, weder Erwachsene noch Nicht-Roma. Der Roma-Anteil an der Bevölkerung ist in der Slowakei vergleichsweise hoch, auch wenn offizielle Statistiken von nur zwei Prozent ausgehen. Ihre ökonomische Situation ist, wie in anderen Ländern Osteuropas, prekär und das Verhältnis zur Mehrheitsbevölkerung problematisch. Ich fuhr noch ein wenig. Es wurde zunehmend dunkler und plötzlich tauchte ein einsam am Waldrand stehendes Gasthaus auf, in welchem ich spontan für die Nacht abstieg. Am nächsten Morgen zeigte sich, dass mein Plan nicht aufging: Aufgrund von Wolken und Hochnebel war von der Hohen Tatra absolut nichts zu sehen. Die Dörfer am Fuße des Gebirges sind sehr touristisch geprägt und die Häuser renoviert. Es mutet an wie in einem Kurort. Am frühen Nachmittag verließ ich die Hohe Tatra und fuhr über Dörfer, welche nicht touristisch sind und dementsprechend einen ganz anderen Charme versprühen, in einen ruhigen und abgeschiedenen Wald.

Dort traf ich einen jungen Tschechen, der auch mit dem Fahrrad unterwegs war. Er kam aus dem Osten Tschechiens und wollte seinen Vater besuchen, der sich in einem der Dörfer befand, durch welche ich unmittelbar vorher durchgekommen war. Er war deutlich aufwendiger ausgerüstet als ich, obgleich seine Tour nur etwa drei oder vier Tage gedauert hatte. Nun stand er da und versuchte, seine genaue Position per GPS-Gerät zu ermitteln und sagte, dass ich für einen Besuch im Supermarkt einen Umweg über Liptovski Hradok nehmen müsse. Ich hatte keine Wahl, denn ich brauchte Nachschub, um die Kleine Tatra zu überqueren. Nach dem Besuch des Supermarktes nahm ich wieder Kurs in südlicher Richtung und wieder bergauf. Auf meiner Karte war ein Campingplatz in einem Ort namens Malužina eingezeichnet, aber eine ältere Einheimische, die ein ganz passables Deutsch österreichischer Färbung sprach, sagte, dass das in den Zeiten aktuell war, als noch DDR-Bürger regelmäßig zu Besuch kamen, die sich aber seit der Wende hier nicht mehr hatten blicken lassen. Sie sagte, ich könne auf einer Wiese am Fluss übernachten, warnte mich aber vor Kreuzottern, die hier überall lauerten. Am nächsten Morgen bekam ich Besuch von einem kleinen Mädchen, welches mir ihren Hund und ein Katzenjunges präsentierte. Dieses musste sogleich mein Zelt von innen inspizieren. Ich verstand sie schwer, da trotz der Ähnlichkeiten der slawischen Sprachen zueinander Aussprache und Betonungen sowohl zum Russichen als auch Serbokroatischen so verschieden sind, dass ich erst nach langem Überlegen einzelne Worte erkennen konnte, aber sie hatte für ein Kind doch sehr viel Geduld mit mir. Dann brach ich auf, kämpfte mich in der Vormittagssonne in einem großen Sturmschlag die Kleine Tatra hoch und nahm am höchsten Punkt in einer Gaststätte eine pfeffrige Pansensuppe ein. Die pfeffrige Schärfe tat besonders gut, da mir Halsschmerzen eine heranziehende Erkältung ankündigten. Auf der Südseite der Kleinen Tatra stand die schwüle Luft. Ich bog in einen Waldweg ein, fand nach einigen Kilometern einen Schuppen, in dem ich das kühlende Gewitter abwartete. Da passierte es: Die heraufziehende Krankheit war offensichtlich mit Durchfall verbunden und ich schiss mir blitzartig in die Hose. Jetzt stand ich da im Gewitter mit voller Buchse – ein wahrhaftes Bild für die Götter. Jetzt hieß es, sich und die Buchse mit Flusswasser und Outdoorseife zu waschen und nach Abklingen des Gewitters weiterzuziehen. Die gebirgige Geografie hatte mich ein wenig aufgehalten, sodass mein Zeitplan etwas in Bedrängnis kam. Als es dunkelte, kam ich in ein Dorf, in dessen Gastwirtschaft ich einen Tee bestellen wollte. Der Wirt verstand weder Deutsch noch Englisch, worauf ich vorsichtig fragte, ob er Russisch könne: „Da“, knurrte er mich an. Ich versuche es in den Ländern des ehemaligen Ostblocks mit Russisch stets zuletzt, da es bis heute unbeliebt ist. Es war nun vollends dunkel, ich zog weiter und suchte einen geeigneten Zeltplatz am Waldrand. Mein Schlaf war unruhig und am nächsten Tag fuhr ich weiter nach Velki Krtiš, welches unweit der ungarischen Grenze liegt. Ich fühlte mich nicht sonderlich gut, aber trotzdem war die Tagestour schön. In Velki Krtiš fand ich ein sehr billiges Hotel, das allerdings auch sehr seltsam war. Zunächst stand am Eingang, man solle sich in der Bar nebenan melden. Die Bardame sagte mir, dass die Rezeption um 18:00 für eine Stunde geöffnet sei. Ich ging indisch essen, da es mich bei Krankheit besonders nach Scharfem lüstet. Nach der Aushändigung des Schlüssels ging ich in den zweiten Stock. Die Gänge des Hotels erinnerten an diejenigen des Hotels in dem Film „Shining“. Das Licht in ihnen funktionierte nicht. Es war auch niemand zu sehen oder zu hören. Es gab keine Dusche im Zimmer und als ich auf dem Gang dann doch jemanden sah, fragte ich auf Englisch, Russisch, Deutsch und mit Händen und Füßen, wo sich diese befinde. Er verstand nicht, fühlte sich anscheinend verarscht – vielleicht wollte er auch nicht verstehen – und verschwand in seinem Zimmer. Am Ende des dunklen Gangs fand ich ein Zimmer mit Badewanne und Schlauch. Abschließen konnte man es nicht, aber das war mir auch egal. Was sollte schon passieren, wenn jemand kommt und guckt? Am nächsten Tag fuhr ich nach Ungarn. Es waren 39 Grad Hitze. In einem Park in Vac unterhielt ich mich mit einem Mann. Er war Uhrenhändler und trug deshalb gleich zwei Armbanduhren, lobte die Schweiz und die Geschäfte, die er dort abwickelte, schimpfte auf Europa, da dort kein Geld sei und sagte, er akzeptiere grundsätzlich keine Kartenzahlung: „No, no, no. Cash! Cash!“, sagte er mit der allseits bekannten Fingergeste. Bis Budapest sei es ja nicht mehr weit.

Ich hatte keinen Plan, was ich machen wollte und radelte einfach weiter. Über der noch nicht sichtbaren aber naheliegenden Stadt braute sich ein unwetterartiges Gewitter zusammen. Die Wolken sahen aus wie in dem Film „Independence Day“. Ich kam durch Siedlungen über den sehr gut ausgebauten und beschilderten, aber verschachtelten Donauradweg: rechts, links, ein Stück geradeaus, links, rechts, links, links… Das Gewitter brach los und ein Mann winkte mich zu sich ins Haus. Später kam seine Frau und wir kommunizierten mit Händen und Füßen. Ihre vierzehnjährige Tochter wurde angerufen, auf dass sie mir in Englisch mitteile, ich dürfe die Nacht bei ihnen im Haus verbringen. Ich bekam ein Omelette und Elefantenknoblauch pur aus der Hand. Der tobende Gewittersturm hatte den Strom ausfallen lassen, sodass wir bei Kerzenlicht in der Wohnküche saßen und uns auf unserem Kauderwelsch unterhielten. Am nächsten Morgen war es wieder brütend heiß. Ich bekam auf der idyllischen Terrasse ein Frühstück gereicht, verabschiedete und bedankte mich herzlich und nahm meinen Kurs auf Budapest wieder auf. Ich sah mir die Stadt nur im langsamen Vorbeifahren an und verstand natürlich, warum nur gut von ihr geredet wird. In zwei Tagen wollte ich eigentlich bei meinen Bekannten in Belgrad sein, was noch 360 Kilometer entfernt lag. Ich nahm ein Mahl bei Burger King, aß noch mehr bei einer Pizzabude und teilte von einem Internetcafé meinen Bekannten mit, dass ich übermorgen da sei.

Der Plan war folgender: Am späten Nachmittag Budapest verlassen und bis tief in die Nacht fahren, da es dann kühl ist, irgendwann das Zelt aufschlagen und so lange wie möglich schlafen. Am nächsten Tag auch möglichst Abend und Nacht mitnehmen und so nah wie möglich an Belgrad herankommen. Gegen 17 Uhr brach ich auf. In der Ebene lief das neue Fahrrad wie ein Schnellzug. Ich trampelte und trampelte und trampelte. Irgendwann wurde es Nacht und das helle Mondlicht durchflutete das Gras- und Buschland, während ich einsame Dörfer passierte, in denen die Hunde mein Durchrasen mit Bellen quittierten. Irgendwann – ich habe nicht auf die Uhr geschaut, aber es mag zwischen zwei und drei gewesen sein – war ich dann doch arg müde, schlug mich in einem Dorf in einen Busch und stellte das Zelt auf, alles immer schön leise und unauffällig, auf dass kein Hund anschlage. Die Nacht währte nicht lang, da die Hitze bereits am frühen Morgen unerträglich war und ich schweißgebadet aufwachte. Behäbig wegen der Hitze fuhr ich weiter, badete in einem lehmigen Tümpel, radelte langsam voran, kaufte ein und nahm ein Mahl auf einer schattigen Parkbank ein, vergaß da noch meine Radhandschuhe und musste wieder umdrehen, um sie zu holen. Am frühen Abend kam ich am serbischen Grenzübergang an. Ein halbherziger Blick auf den Pass, ein müdes Durchwinken statt einer Gepäckkontrolle und weiter. Je später der Abend, umso schneller wurde ich. Nach einer weiteren Übernachtung irgendwo in der Vojvodina fuhr ich weiter durch die Hitze gen Belgrad, wo ich nachmittags um fünf sonnenverbrannt trotz Schutzfaktor 50 ankam. Die komplette nächste Woche war von unerträglicher Hitze gekennzeichnet. Da ich sowieso ein paar Tage bei meinen Bekannten verbringen wollte, war das nicht weiter schlimm. Familiäre Gründe machten es jedoch unumgänglich, die Reise abzubrechen.

Die Rückfahrt führte über Zagreb mit dem Zug. Der Fahrradtransport wurde ab der österreichischen Grenze ein Problem. Ich hatte zwar ein Ticket, jedoch keine Reservierung, weshalb mir sogar der Zwangsrausschmiss durch die Polizei angedroht wurde. In Stuttgart wurde ich gar nicht erst reingelassen, da die Fahrradabteile absolut voll waren. Es nervte mich besonders, da ich diesbezüglich mittlerweile durch unbürokratische osteuropäische Schaffner verwöhnt war

2017-03-07T10:52:23+00:00 Juli 28th, 2015|Uncategorized|